Landgericht

Richter nehmen Zeugen in Beugehaft, weil er sich plötzlich an nichts mehr erinnern will

DORSTEN - Im Prozess um eine brutale Racheaktion überraschte ein Zeuge aus Dorsten mit angeblichem Gedächtnisverlust. Die Richter griffen zum schärften Mittel.

Damit hatte wohl keiner gerechnet. Als die Wachtmeister am Mittwoch einen bereits inhaftierten Zeugen in den Gerichtssaal brachten, waren sich eigentlich alle sicher, dass es eine Standard-Vernehmung werden wird. Doch dann kam alles ganz anders.

Kaum hatte der Zeuge Platz gekommen, überraschte er die Richter mit einem angeblichen Gedächtnisverlust. Nur sechs Monate nach seiner Vernehmung bei der Polizei wollte sich der Dorstener an nichts mehr erinnern können. Nicht mal an die Bilder vom Tatort, die ihm auch schon bei der polizeilichen Vernehmung gezeigt worden waren. "Die sehe ich heute zum ersten Mal", sagte er kurz und knapp.

Beugehaft kann bis zum Ende der Verhandlung dauern

Die Richter am Essener Landgericht zeigten sich zunächst irritiert, dann griffen sie zum schärfsten Mittel, das ihnen zusteht: Beugehaft! Für den Zeugen heißt das: Seine normale Haft wird nun unterbrochen, um zunächst die Beugehaft abzusitzen. Und die kann bis zum Ende der Verhandlung dauern. "Die Kammer ist überzeugt, dass der Zeuge sich an das Geschehen erinnert und sich ohne Grund weigert, hier eine Aussage zu machen", hieß es in dem Beschluss der Richter.

Und es kann sogar noch härter kommen. Der Staatsanwalt hat bereits angekündigt, dass er voraussichtlich ein Strafverfahren gegen den Zeugen einleiten wird - wegen Falschaussage. Denn auch, wer keine Aussage macht, obwohl er könnte, kann verurteilt werden.

Jetzt droht ein neues Strafverfahren

Wenn der Zeuge auch an einem der nächsten Verhandlungstage, zu denen er erneut ins Gericht gebracht werden soll, keine Aussage macht, will der Ankläger ernst machen: "Dann haben Sie ein neues Verfahren am Hals", sagte er im Prozess vor der 7. Strafkammer des Essener Landgerichts. "Dann kommen mindestens noch mal zwei Monate auf ihre Haftstrafe oben drauf."

Doch auch das zeigte keine Wirkung. "Beim nächsten Mal kann ich mich auch nicht erinnern", sagte der Dorstener nur lapidar und ließ sich dann mit einem "Okay" wieder zurück ins Gefängnis bringen.

Opfer lief blutüberströmt auf die Straße

Im Prozess geht es um eine angebliche Strafaktion im Sommer 2015. Angeklagt sind zwei Brüder aus Dorsten, die einen Bekannten mit einem Schlagring krankenhausreif geprügelt haben sollen. Das Opfer war damals blutüberströmt aus einem kleinen Geschäft in Holsterhausen gekommen.

Genau das soll der Zeuge damals gesehen haben. Was er bei der Polizei im vergangenen Sommer auch detailliert beschrieben hat. Er konnte sogar den Typ des Autos (Kombi) nennen, in den das Opfer eingestiegen ist.

Zeuge soll auf der Straße gestanden haben

Warum er diese Aussage vor Gericht nun nicht einfach wiederholt hat, ist unklar. Wer für die schweren Verletzungen - das Opfer hatte auf dem Weg zum Krankenhaus sogar das Bewusstsein verloren - verantwortlich sein könnte, hatte nämlich auch der Zeuge offenbar nicht gesehen.

Laut Anklage hatten die Brüder von dem später verletzten Mann 1000 Euro gefordert, aber nur 200 Euro erhalten. Daraufhin sollen sie ausgerastet sein. Sie selbst haben sich im Prozess noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Mit einem Urteil ist voraussichtlich im Februar zu rechnen.

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