Legenden des Dortmunder Nachtlebens: Bonanza

Als Rock-Giganten in einem Pferdestall in Nette auftraten

NETTE - Thin Lizzy waren da, The Sweet traten hier auf, The Spottnicks waren Stammgäste: Beim Namen Bonanza bekommen Dortmunder, die in den 60er- bis 80er-Jahren Teenager waren, heute noch leuchtende Augen. In dem alten Pferdestall in Nette traten damals die Stars des europäischen Rocks auf.

Bonanza. Das war in den 60er- und 70er- Jahren ein großer Name. Während Kinder dabei damals an die Ponderosa-Ranch und Little Joe aus der TV-Serie "Bonanza" dachten, stand der Name bei den Teenagern in Nette und Umgebung vor allem für Rock 'n' Roll. Die Bonanza an der Mengeder Straße (heute Bodelschwingher Straße/Emscherallee) - das war der Musiktempel schlechthin. "Zugegeben, die Idee war geklaut."

Daraus macht Helmut Rathjen keinen Hehl. Der heute 76-Jährige und damals 26 Jahre alte Fuhrunternehmer war mit seinem Lkw regelmäßig an einer Scheune in Bochum-Gerthe vorbeigekommen, vor der lange Autoschlangen standen. Das weckte sein Interesse. Rathjen: "Das war wohl die erste Diskothek in Westfalen." Und nachahmenswert.

Die Easybeats hatten schon mit den Stones gespielt

Jetzt musste er nur noch einen passenden Saal finden. Und den fand Rathjen fast vor seiner Haustür: Den Tanzsaal der Gaststätte Wiemann in Nette. Mit deren Besitzerin wurde Rathjen schnell einig. Und sechs Wochen später hatten Walzer, Polka und Tango dort ausgedient. Mit Unterstützung von Freunden wurde aus der biederen Tanzdiele innerhalb von sechs Wochen die nach der amerikanischen TV-Serie benannte Live-Musik-Diskothek Bonanza. Sie öffnete am 7. April 1967 und avancierte für 18 Jahre zu einem magischen Treffpunkt der verrockten Jugend.

Einer dieser Jugendlichen war Detlef Kötter aus Nette. "Die erste Band, die ich in der Bonanza sah, waren die Easybeats ("Friday On My Mind"). Sie waren mit den Rolling Stones auf Deutschland-Tour und Helmut Rathjen schaffte es irgendwie, sie für ein Konzert nach Nette zu holen. Die australische Band mit den Gitarristen Harry Vanda und George Young - der ältere Bruder der AC/DC-Musiker Malcolm und Angus Young - begeisterte mich so, dass ich danach bei fast jedem Konzert - von Golden Earring bis zu den Searchers - dabei war", sagt Detlef Kötter.

Neumodischer Schuppen mit "Hottentotten-Musik"

Er wuchs ganz in der Nähe in einer Bergarbeitersiedlung auf und hatte die Bonanza, in die Musikfans aus ganz Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden kamen, quasi vor der Haustür. "Das war ein Glücksfall, denn plötzlich war das damals noch verschlafene Dortmund-Nette die Top-Adresse für Live-Auftritte internationaler Stars." Er war noch keine 16, als die Bonanza öffnete. Während sein Vater und die anderen Bergleute in der Siedlung am Wochenende vor allem mit ihrer Kaninchen- oder Taubenzucht beschäftigt waren, besuchten die Kinder regelmäßig diesen neumodischen Schuppen mit der "Hottentotten-Musik".

"Das Glück für meinen Kumpel und mich war am Anfang", erzählt Detlef Kötter, "dass die Mutter von Helmut Rathjen uns kannte und uns immer in den Saal schmuggelte. Da haben wir dann ganz andächtig in einer Ecke gestanden und zugehört. So konnten wir nur 500 Meter von zuhause entfernt die ganzen Weltstars sehen. Das war Wahnsinn!"

Mit Gary Moore fast ganz allein

Detlef Kötter erinnert sich vor allem an ein spontanes Konzert von Thin Lizzy ("Whiskey In The Jar", "Dancing In The Moonlight"): "Da waren an einem Mittwochabend nur 50 Leute. Das war quasi ein Wohnzimmerkonzert mit den Musik-Giganten Phil Lynott und Gary Moore." Absolute Pflichttermine waren für ihn auch die Konzerte der Spotnicks, einer schwedischen Gitarren-Instrumentalband, die mit ihren Hits "Amapola", "Johnny Guitar" und "If You Could Read My Mind" berühmt wurden. Elf Mal trat die Band in der Bonanza auf und wurde quasi zur Hausband. Als großes Dankeschön veröffentlichten die Spotnicks 1979 (speziell für Helmut Rathjen) den Titelsong der TV-Serie Bonanza auf ihrem neuen Album. In dem Jahr spielten sie das Stück auch zum ersten Mal live in der Bonanza.

US-Band Ohio Express spielte nur in München - und in Nette

Helmut Rathjen hatte mit seiner Idee einer Live-Disco damals absolut den Nerv der Zeit getroffen: "Wir waren vom ersten Tag an mit 400 bis 600 Besuchern immer ausverkauft", erzählt er. Das Erfolgsrezept war: Während andere Discotheken-Chefs nach Holland fahren mussten, um sich die neuesten Hits für ihre Plattenteller zu besorgen, holte Helmut Rathjen die Stars der damals überwiegend britischen Rock- und Jazzszene live nach Nette. Die Liste ist lang.

Über 100 Sänger und Gruppen, von denen einige, zumindest dem Namen nach, noch heute bei Freunden populärer Musik ein Begriff sind, haben auf der Bonanza-Bühne gestanden. Beispielsweise The Sweet, Middle of the Road, Dozy Beaky Mick und Tich, John King Size Russel, Percy Sledge sowie Alexis Korner, der britische King of Blues, und aus Deutschland die Scorpions und Peter Maffay. Nur leicht übertrieben könnte man sagen: Bis auf die Beatles und die Rolling Stones waren alle da, die in der damaligen Musikszene Rang und Namen hatten.

Eine besondere Attraktion, so erinnert sich Rathjen, war das Gastspiel der US-Band Ohio Express, die nach einem Auftritt im holländischen Fernsehen nur zwei Auftritte in Deutschland hatte: In der Münchener Edel-Disko Blow up - und in der Bonanza.

Schummriges Licht und immer eine tolle Atmosphäre

Seine guten Kontakte hatte Helmut Rathjen dem britischen Sänger Neil Christian zu verdanken, der nach dem Ende seiner Sänger-Karriere übrigens die berühmte Sheena Easton gemanagt hatte. Er war mit einem alten Studebaker von London zum Auftritt nach Nette gekommen. Als das Auto seinen Geist aufgab, hatte der Brite ein Problem, denn er musste weiter nach Hamburg. Rathjen half ihm spontan aus der Patsche, indem er ihm kostenlos seinen Mercedes zur Verfügung stellte. Die großzügige Geste zahlte sich aus. Denn Insider Christian nutzte seine guten Kontakte und stellte die Verbindungen zwischen Sänger und Bands aus seiner Heimat und der Bonanza her.

In dem Live-Club entdeckte auch Karl-Heinz Villis aus Nette seine große Liebe zur Musik. "Die Spotnicks haben mich sofort begeistert. Dieser klare Gitarrenklang von Bo Winberg war einzigartig", sagt er. Die Musik der Spotnicks beeinflusste ihn, der selbst Gitarre spielt und heute die Band "Tommy & the Blue Boys" leitet, stark. "Bei leicht schummrigem Licht herrschte in der Bonanza auch immer eine tolle Atmosphäre", so Villis.

1985 kam das Aus

Bei all den wunderbaren Geschichten, die die Bonanza geschrieben hat, kann man sich vorstellen, dass es Helmut Rathjen nicht leicht gefallen ist, als er 1985 die Diskothek, in der übrigens auch der frühere Bundesminister Horst Ehmke ein begeisterter Besucher war, schloss. Aber für das Aus gab es seinerzeit mehrere Gründe: Unter anderem den bevorstehenden Ausbau der Königsheide, durch den die wichtigen Parkplätze wegfallen würden, und der Wunsch eines Journalisten, einen Stützbalken, der bei Fotos störend im Weg gestanden hatte, abzusägen. Weil das Bauamt dadurch die Tragfähigkeit des Daches gefährdet sah, ordnete es eine sofortige Schließung der Bonanza an. "Und das Interesse an Live-Musik hatte zu der Zeit auch nachgelassen", sagt Rathjen.

Er kaufte danach das Volksgarten-Hotel in Mengede und genießt inzwischen sein Rentnerleben. Aber der Musik hält er immer noch die Treue. Deshalb fliegt er auch zweimal im Jahr nach Amerika, um in Las Vegas alte Freunde zu treffen. In New York hat er übrigens seine zweite Ehe geschlossen. Das geschah so spontan, dass man wegen der fehlenden Ringe die Ösen von Cola-Dosen verwendete. Ein weiteres regelmäßiges Urlaubsziel - auch der Musik wegen - ist Gran Canaria. Dort hatte Rathjen 1971 zwei Monate lang für eine Hotelkette den Diskothekenbetrieb angekurbelt.

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