Leidenschaftliches Plädoyer

„Wir analysieren alles sehr kritisch“

GELSENKIRCHEN - Vor dem Pokalspiel beim 1. FC Köln (Mittwoch 18.30 Uhr, Sky) wehrt sich Schalkes Sportvorstand Christian Heidel im Interview vehement gegen die Kritik vermeintlicher Experten sowie den Vorwurf der Schönfärberei und verteidigt seine Arbeitsweise.

Er sei ein emotionaler Mensch, betont Christian Heidel. Und so kommt der 55-Jährige im Interview mit Frank Leszinski auch rüber. Heidel wirbt mit Leidenschaft um seine Sicht der Dinge. Er sieht Schalke ungeachtet der aktuell schwierigen Situation in der Bundesliga auf einem guten Weg.

Haben Sie schon etwas „Muffensausen“ vor dem 8. November?

8. November? Jetzt muss ich überlegen, das Champions-League-Spiel gegen Istanbul?

Nein, das Kabinengespräch mit Schalker Fans in der Veltins-Arena.

Ach so. Nein, da habe ich keinen Bammel vor. Ich habe schon sehr viele Gespräche dieser Art geführt. Das hat immer riesig Spaß gemacht, auch in schwierigen Zeiten wie vor zwei Jahren. Mein erstes Kabinengespräch auf Schalke fand statt, da hatten wir keinen Punkt.

Aber Sie wissen, dass sich die Stimmung auf Schalke schnell ändern kann...

Ich bin aber immer für einen offenen und ehrlichen Austausch mit unseren Anhängern. Angesetzt ist das Kabinengespräch eigentlich für eine Stunde, aber bei mir dauert es oftmals erheblich länger. Es ist mit sehr wichtig zu erfahren, wie die Fans denken und fühlen.

Sie sind fast 30 Jahre als Fußball-Manager im Geschäft. Hilft Ihnen das, um schwierige sportliche Situationen wie momentan zu bewältigen?

Ich glaube, dass in solchen Lagen Erfahrung schon eine Rolle spielt. Natürlich bin ich nicht glücklich, wenn es schwierige Phasen im Verein gibt, aber das gehört zu diesem Geschäft dazu. Das Wichtigste ist: Man muss immer einen kühlen Kopf bewahren.

Wie muss ich mir den Umgang mit Schalker Problemen bei Ihnen vorstellen?

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen, Kritik beeinflusst mich nicht. Wer in diesem Job arbeitet, muss wissen, dass es Phasen gibt, in denen es nicht nach Wunsch läuft. Dann ist der Beruf des Managers kein Traumjob, das muss man lernen. Meine Aufgabe ist es, mit wachem Verstand die richtigen Schlüsse für den Verein daraus zu ziehen.

Gibt es einen Unterschied zwischen interner und externer Kommunikation?

Natürlich. Das ist aber nicht nur in einem Fußballverein so, sondern in jedem Unternehmen und das ist eine Führungsaufgabe. Es gibt Dinge, die spricht man im Kreis der Mannschaft oder des Vereins an, aber nicht in der Öffentlichkeit. Deswegen heißt es ja auch interne Kommunikation.

Gehört auch Lügen zu Ihrem Job? VfB-Manager Michael Reschke hat zuletzt viel Kritik einstecken müssen rund um die Entlassung von Trainer Tayfun Korkut.

Nein, das gehört für mich nicht zum Geschäft, sondern es ist in manchen Situationen einfach mal besser nichts zu sagen. Umgekehrt: Meine Kollegen und ich müssen bisweilen in den Medien auch mal Meldungen lesen, an denen kein Fünkchen Wahrheit dran ist.

Ist der Ton in den Medien rauer geworden?

Ja, meiner Meinung nach hat sich das sehr verändert. Durch die digitalen Medien verbreiten sich auch Fehlinformationen rasend schnell. Doch wir werden dieses Rad nicht mehr zurückdrehen können und müssen es akzeptieren.

Akzeptieren Sie auch die Kritik, dass Trainer Domenico Tedesco und Sie die Lage schönreden würden?

Das ist kompletter Unsinn. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass wir uns der Lage bewusst sind. Was wir aber beispielsweise nicht tun werden: einen Spieler öffentlich an die Wand nageln. Es muss keiner Angst haben, dass Domenico nach fünf Niederlagen in Folge in die Kabine geht und die Mannschaft über den grünen Klee lobt. Wir analysieren intern alles sehr kritisch. Wir spielen momentan nicht gut Fußball, sonst hätten wir mehr als sieben Punkte, das ist uns klar.

Wäre es trotzdem nicht manchmal notwendig, auch mal öffentlich auf den Tisch zu hauen?

Jeder Manager hat seine Arbeitsweise. Wenn ich merke, dass grundlegende Dinge falsch laufen, dann sage ich meine Meinung, auch mal öffentlich, wie vor zwei Jahren nach der fünften Niederlage hintereinander gegen Hoffenheim.

Solch einen Zeitpunkt sehen Sie jetzt nicht?

Richtig. Denn es ist ja nicht so, dass unsere Mannschaft nicht will, sondern wir bringen noch nicht das auf den Platz, was wir wollen. Die Einstellung stimmt. Wenn ich mich jetzt vor die Mannschaft stellen und sagen würde, was besser gemacht werden muss, wäre das ein Eingriff in den Arbeitsbereich des Trainers. Das mache ich grundsätzlich nicht.

Was fehlt Schalke denn momentan? Wie ist Tabellenplatz 15 zu erklären?

Wir können heute nicht sagen: Das läuft schief, wir ändern das und der Erfolg stellt sich wieder ein. Im Fußball entscheiden oft Kleinigkeiten. In der vergangenen Saison haben wir auch nicht immer die Sterne vom Himmel gespielt, aber die knappen Spiele gewonnen. In dieser Saison fehlt uns bisher die Effizienz. Eine Statistik besagt, dass wir aktuell von allen Bundesligamannschaften die schwächste Chancenauswertung haben. Das müssen wir ändern.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Transferpolitik. Haben Sie falsch eingekauft?

Vor der Saison sind wir noch in den höchsten Tönen für unsere Neuzugänge gelobt worden. Die mediale und öffentliche Bewertung verändert sich rasend schnell. Benjamin Stambouli galt als Fehleinkauf, jetzt wird er gefeiert. Wenn Breel Embolo morgen zwei Tore schießt, ist er der Held. Omar Mascarell, Mark Uth oder Salif Sané hätten im Sommer wahrscheinlich 16 von 18 Bundesligisten gerne verpflichtet. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Mannschaft stärker ist als in der vergangenen Saison.

Aber die Ergebnisse stimmen nicht.

Völlig klar. Aber ich habe immer darauf hingewiesen, dass es solche Phasen geben kann. Die entscheidende Frage ist dabei: Wie geht man mit der schwierigen Situation um? Wir hinterfragen uns ständig und tun alles dafür, so schnell wie möglich bessere Resultate zu liefern.

Was macht Ihnen denn Hoffnung, dass bald die Ergebnisse stimmen werden?

Wir haben denselben sehr, sehr akribisch arbeitenden Trainer, der seine Arbeitsweise überhaupt nicht verändert hat. Mannschaft und Trainer sind eine Einheit, und wir haben gute Spieler dazu geholt, so dass ich große Hoffnung habe, dass wir den Trend wenden. Wir haben übrigens auch von den letzten sechs Spielen nur eins - gegen Bremen - verloren.

Aber die Schalker Spielweise wie in Leipzig...

Ja, ich habe auch gehört, was zum Beispiel Didi Hamann von sich gegeben hat. Der sitzt im warmen Sky-Studio und will ein schönes Fußballspiel sehen. Deswegen ist er ja auch Experte und kein Trainer. Wir haben das erste Mal überhaupt in Leipzig gepunktet. In den vergangenen zwei Jahren haben wir mitgespielt und wurden dann von RB mit ihrem Umschaltspiel ausgekontert. Beide Spiele haben wir verloren. Deswegen haben wir diesmal das Mittelfeldzentrum umgangen und mit langen Bällen gearbeitet, was zwangsläufig zu einer schlechteren Passquote führt. Damit haben wir aber Leipzig ihre Stärke genommen und fast keine Chance gegen uns zugelassen. Die Taktik unseres Trainers war absolut richtig. Es war sicher kein schönes Spiel, aber wir haben sehr verdient einen Punkt mitgenommen. Das stand im Vordergrund.

Ärgert Sie der schwache Saisonstart umso mehr, weil die Bayern schwächeln und Schalke das nicht ausnutzen kann?

Nein. Das macht ja keinen Sinn wegen der Punktabstände. Für uns kommt es erst einmal darauf an, da unten raus zu kommen. Das wird nicht einfach werden. Jede Mannschaft weiß das, die mal da unten gestanden hat.

Es bleiben ja auch noch die Champions League und der DFB-Pokal.

Aber wir wollen keine schwache Bundesligasaison, sondern uns nach vorne arbeiten.

Am Mittwoch steht aber erst mal das Pokalspiel in Köln auf dem Programm.

Bei Köln wage ich gar nicht, das Wort Zweitligist in den Mund zu nehmen. Das passt nicht zu diesem Verein. Die Probleme, die der FC bei seinen bisherigen Heimspielen in der 2. Liga hatte, wird es bei uns nicht geben, denn sie werden mit einer anderen Herangehensweise in die Partie gehen. Es wird eine schwierige Aufgabe, die wir unbedingt lösen wollen. Ich kann mich noch gut an die große Enttäuschung erinnern, als wir in der vergangenen Saison im Halbfinale gegen Frankfurt ausgeschieden sind. Da hat jeder gespürt, wie nahe wir dran waren, nach Berlin zu fahren.

Ist eine Finalteilnahme in Berlin für Sie so etwas wie ein Lebenstraum als Bundesliga-Manager?

Das ist ein Traum, den ich aber bestimmt nicht allein habe. Ich habe zu meiner Mainzer Zeit immer gesagt: Der einzig mögliche Titel für den FSV wäre eine Finalteilnahme. Gefühlt war ich 15 Mal beim Pokalfinale in Berlin - aber nur als Zuschauer.

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