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Ein Bergmann zieht sich auf der Zeche Prosper Haniel in der Kaue um. Das Bottroper Bergwerk stellt heute als letzte Schachtanlage die Förderung ein. Damit endet nach rund 200 Jahren ein wichtiges Kapitel der Industrialisierung. Das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg wäre ohne die Arbeit der Kumpel nicht möglich gewesen.

Leitartikel

Die letzte Schicht – Erinnerungen an den Bergbau

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Marl - Der Steinkohlenbergbau hat die Region geprägt und tausenden Menschen Arbeit gegeben. Heute schließt die letzte Zeche in Deutschland. Was bleibt, ist nicht nur die besondere Sprache, der Humor im Revier. Es sind Bergmannstugenden.

Mein Onkel Franz hatte seine letzte Schicht am 11. November 1940, sein Bruder Heinrich zehn Jahre später und sein jüngster Bruder Fritz am 30. April 1972. Drei Brüder, ein Beruf: Bergmann. Was für viele Ruhrgebietsfamilien typisch war, findet heute in Bottrop sein Ende. Dort fährt der deutsche Steinkohlenbergbau seine letzte Schicht.

Keine Frage: Wirtschaftliche und womöglich auch klimapolitische Vernunft gebieten es, den Kohle-Bergbau zu beenden. Wer aber jemals die so andersartige Welt unter Tage erlebt hat, wer unter Bergleuten aufgewachsen ist, wird darüber trotzdem Wehmut, vielleicht Trauer empfinden.

Gefühle beschreiben die Andersartigkeit der Welt unter Tage wohl am besten. Der Schreck etwa, wenn man das durch Mark und Bein gehende Knacken spürt, gefolgt von rieselndem Staub, wenn über deinem Kopf tausend Meter Stein und Erde in Bewegung geraten. Wenn die Masse auf das Holz und Eisen drückt, das den Stollen schützt, in dem man gerade kauert.

Nur die Mannschaftsleistung zählt

Das Schaudern wegen des kalten Windes am Schacht, der Luft nach unten saugt, was sich anfühlt, als stehe man auf einem Nordseedeich. Das Schwitzen, wenn man ganz unten in der Nähe des Kohlehobels ankommt, wo das Gestein immer heiß ist.

Das unwirkliche Gefühl, das die Kohle unter deinem Bauch auslöst – wie eine Wärmeflasche im Winter – wenn du zusammen mit gerade aus dem Flöz gebrochenen Brocken auf einem Förderband liegend durch die Dunkelheit schaukelst. Und auf dem Band liegst du nur, weil der Fußmarsch über Stock und Stein einfach zu lange dauert.

Und dann gibt es dort unten das starke Gefühl der Solidarität, wenn Kumpel Hand in Hand arbeiten, wenn man sich einige Prisen Schnupftabak teilt, wenn der Einzelne unwichtig wird, weil nur die Mannschaftsleistung zählt.

Schon als Kind, in den 1960er-Jahren, habe ich davon geträumt, dort einzufahren, wo mein Vater arbeitete, von wo er einmal einen in der Kohle versteinerten Fisch nach Hause brachte. Das war in RE-Suderwich, auf König Ludwig 4/5, wo man von der Straße aus den Eingang zum Schacht sehen konnte.

Mein Vater war einer der eingangs erwähnten drei Brüder, Fritz. Er trank gern mal ein Glas zu viel und sagte damals einfach: „Ein guter Bergmann muss auf einem Stempel schlafen können.“ Staubtrockener Humor: auch so ein Ding von unter Tage.

Ein letzter Gruß zum Abschied vom Bergbau gilt seinen Opfern

Auf König Ludwig konnte ich nicht mehr einfahren, die Zeche wurde 1965/66 stillgelegt. Der Bergmannsberuf war da auch nicht mehr das allein selig Machende wie in der Nachkriegszeit. Ungesund und gefährlich war die Arbeit, auch wenn es sich als Kind nach Abenteuern anhörte, wenn Vater erzählte, dass er „Gefahrenzulage“ bekam. Das Zechensterben und der Verlust Tausender Jobs begannen tatsächlich schon in den 1960er-Jahren. Die Massenarbeitslosigkeit im Revier folgte und dauert bis heute.

Mein Vater ging mit 58 Jahren in Rente, starb vier Jahre später. Da war sein Bruder Heinrich längst tot. Er hatte schon 1919 als 14-Jähriger auf König Ludwig angefangen, litt nach 30 Jahren auf dem Pütt unter den Folgen eines Arbeitsunfalls, starb mit 47.

Ich bin ein Kind des Strukturwandels. In den 80er-Jahren gab es andere Berufschancen. Als Journalist dieser Zeitung hatte ich Gelegenheit, in die Schächte dieser Region einzufahren. Allzu oft war der Anlass ein trauriger: die Stilllegung von Ewald, Blumenthal, Auguste Victoria und wie sie alle heißen. Nie werde ich vergessen, wie ich auf Fürst Leopold die altertümliche, blitzblank geputzte, leise zischende Dampfmaschine bedienen durfte, die den Korb im Schacht bewegte.

Seit heute ist das alles Vergangenheit – auch das dunkelste Kapitel der Kohlezeit, wie die letzte Schicht meines Onkels Franz. Er blieb, wie 14 andere Kumpel von König Ludwig 7/8 im November 1940 unter Tage. Eine Schlagwetter-Explosion nahm ihnen das Leben. Die 15 Kumpel liegen noch heute in 600 Metern Tiefe unter einem Feld zwischen Essel, Erkenschwick und Horneburg.

Der Bergbau in unserer Region

-Zur Blütezeit des Bergbaus Mitte der 1950er-Jahre arbeiteten etwa 485.000 Bergleute in den Schachtanlagen des Ruhrgebiets und förderten knapp 125 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr. -Allein im Kreis Recklinghausen arbeiteten zu dieser Zeit etwa 100.000 Kumpel auf 22 Zechen. -Strukturwandel: Im Dezember 2015 stellte mit dem Bergwerk Auguste Victoria (AV) in Marl die letzte Zeche im Vest die Förderung ein. -Viele Jahre lang arbeiteten mehr als 4000 Kumpel auf AV, im Jahr 2015 waren es noch 2000. -Wenige Jahre zuvor war AV mit 350 Lehrlingen noch einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Region.

Ein letzter Gruß zum Abschied vom Bergbau gilt seinen Opfern. – Was bleibt, ist nicht nur die besondere Sprache, der Humor im Revier. Es sind Bergmannstugenden, von denen mir die Solidarität die liebste ist: Die Mannschaft zählt, nicht nur der Einzelne, der sich mit denselben Freuden und Sorgen herumschlägt wie wir alle.

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