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Da ist auch die Waltroper Apothekerin Helga Gödeke überrascht: Ibuprofen-Präparate sind derzeit wieder lieferbar. In den letzten Monaten war das bekannte Schmerzmittel nahezu ausverkauft.

Lieferengpässe werden immer häufiger

Warum Schmerztabletten oft Mangelware sind

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WALTROP - „Ihr Medikament haben wir nicht da“, hören Kunden immer öfter in den Apotheken des Kreises Recklinghausen. Und nicht immer kann die gewünschte Arznei bestellt werden. Woran liegt das?

Mehrmals am Tag setzt sich Apothekerin Helga Gödeke an ihren Computer in der Neuen Apotheke und prüft die Verfügbarkeit von Medikamenten, die sie gern auf Lager hätte. Rund 3000 Medikamente hat die Waltroperin eigentlich im Angebot – am Freitagmorgen fehlten 160. Darunter wichtige Impfstoffe, Blutdrucksenker oder Schmerzmittel.

„Das geht querdurch. Man kann nicht abschätzen, welche Medikamente wann lieferbar sind“, sagt die Apothekerin. Es gibt keine Frühwarnung. Deswegen bestellt sie, sobald auf ihrem Bildschirm ein Plus-Zeichen für „verfügbar“ erscheint. „Das ist ein bisschen wie an der Börse“, kommentiert sie. „Wenn ein Produkt da ist, dann muss man schnell sein und kaufen.“ Denn alle Apotheken in Deutschland haben die gleichen Probleme.

Vor allem ältere Kunden werden verunsichert

Und wie reagieren die Kunden? „Sie sind verständlicherweise verärgert, wenn wir ihnen sagen, dass das verschriebene Präparat nicht zu bekommen ist.“ Helga Gödeke greift dann meist zum Telefonhörer, ruft den zuständigen Arzt an und bespricht, welche Alternativen sie aushändigen darf. „Meist finden wir dann eine Lösung.“ Aber – das weiß Helga Gödeke auch – gerade ältere Menschen sind häufig verunsichert, wenn die Pille plötzlich eine andere Farbe oder Form hat.

Weniger diplomatisch äußert sich Rudolf Strunk, stellvertretender Leiter der Bezirksgruppe Recklinghausen des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe. Er bezeichnet die Situation als „dramatisch“. „Früher gab es mal Engpässe, wenn Packungen falsch bedruckt und zurückgerufen wurden. Heute gehören Engpässe fast zum Tagesgeschäft. Das macht eine Schweinearbeit und die Patienten sind genervt“, spricht Strunk, der auch Inhaber der Alten Apotheke in Recklinghausen ist, Tacheles.

In anderen Ländern wird besser bezahlt

Die Gründe für die Lieferengpässe sind vielfältig und reichen von Produktionsverlagerungen ins Ausland, verstärkter Weltnachfrage bis hin zur Gesundheitspolitik im eigenen Land mit Festbeiträgen und Rabattverträgen. Gödeke: „Das Schlimmste ist, wenn Krankenkassen solche Rabattlose aus Kostengründen an nur einen Hersteller ausschreiben.“

Dass wenige große Hersteller die Produktion in der Hand haben, ist ebenfalls ein Problem. Beispiel: Ibuprofen. Für den Ausgangsstoff gibt es nur noch drei große Produzenten weltweit. Seitdem das Werk in Texas/USA, das zum deutschen BASF-Konzern gehört, ausgebaut wird, steht dort die komplette Produktion still. Die anderen beiden Hersteller müssen nun den gesamten Weltmarkt versorgen. Und die verkaufen ihre Ware dorthin, wo es den besten Preis gibt. „Bekanntlich kosten Arzneimittel zum Beispiel in Großbritannien mehr als doppelt so viel wie hierzulande, wo der Preis durch gesetzliche Vorgaben abgesenkt wird“, erklärt Helga Gödeke. Gestern war das bekannte Schmerzmittel allerdings wieder vorrätig.

Auch Engpässe beim Impfstoffen

Außerdem produzieren viele Pharmakonzerne aus Kostengründen nicht mehr in Europa, sondern in Indien, China oder Russland. Beispiel: Valsartan. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass der weit verbreitete Blutdrucksenker verunreinigt ist, verschrieben die Ärzte aufgrund der Warnmeldung nur noch den alternativen Wirkstoff Candesartan. Die Nachfrage konnte die Lieferkette aus Asien nicht so schnell stillen – und so war der Markt plötzlich bald komplett blockiert.

Trotz aller Aufrufe, Kleinkinder impfen zu lassen, um etwa den Ausbruch von Masern zu verhindern, gibt es auch hier Engpässe: „Der Vierfach-Wirkstoff gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken ist aktuell nicht zu haben“, weiß die Apothekerin. Laut Liste des Robert-Koch-Instituts sei er frühestens im Oktober 2019 wieder verfügbar. „Also müssen die Babys jetzt einen doppelten Pieks ertragen“, bedauert sie.

Für Kunden, die eine Auslandsreise planen und dafür etwa eine Impfung gegen Tollwut benötigen, hat Helga Gödeke einen guten Rat: „Bestellen Sie die Impfdosis direkt nach der Buchung. Wer erst kurz vor der Abreise in die Apotheke kommt, der könnte leer ausgehen.“

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