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Alltag im „Maker Space“: Zwischen Solar-Katamaran, Werkzeugen und halb fertigem Lastenrad fühlt sich Projektleiter Matthias Rheinlaender sichtlich wohl.

Im „Maker Space“ werden Innovationen umgesetzt

Wenn Ideen Wirklichkeit werden

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Gelsenkirchen - Vor der Werkstatt an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen steht ein eigenartiges Gerät in der Sonne. Auf den ersten Blick erinnert es an einen ausrangierten Rollator. Doch warum ist dort eine Steckdosenleiste zu sehen? Und: An der Vorderseite glänzt ein Solarmodul.

Matthias Rheinlaender lacht: „Das ist eine Solaranlage“, erklärt der 32-Jährige das selbst gebaute Unikat – ein Produkt aus dem „Maker Space“ der Westfälischen Hochschule. Erfinderwerkstatt, Ideenlabor, Praxisraum, Tüftlertreff, Entwicklungsfläche: Für das „Maker Space“ gibt es viele Übersetzungen. Gemeinsam ist allen das „Machen“ – es wird gebastelt, gelötet, gesägt, am Computer gearbeitet, geplant. „Wir bieten die Infrastruktur, um Ideen weiterzuentwickeln“, sagt Projektleiter Rheinlaender.

Hier können Studierende aller Fachrichtungen der Westfälischen Hochschule aus Recklinghausen, Gelsenkirchen und Bocholt versuchen, ihre Forschungsergebnisse und kreativen Ideen zu verwirklichen – von der Entwicklung über die Konstruktion bis zum Test. So sollen auch Ausgründungen, Start-Up-Unternehmen, gestärkt werden. Ein „vorbildliches Projekt“, das den Übergang zwischen Hochschule und Wirtschaft erleichtere, meint Andreas Pinkwart. Ein Projekt, das dem NRW-Wirtschaftsminister einen Zuwendungsbescheid von 1,6 Millionen Euro wert war.

„Hier werden Theorie und Praxis direkt miteinander verknüpft. An der Hochschule gibt es oft das Problem, dass etwas zu theoretisch ist oder die Geräte nicht da sind, beziehungsweise nicht getestet werden dürfen. Hier kann man alles ausprobieren, ganz niederschwelllig, nach einer kleinen Einweisung“, betont Matthias Rheinlaender. Und das mit modernster Ausstattung: In der 300-Quadratmeter-Halle finden sich Sägen und 3-D-Drucker, eine Schleifmaschine und Software für Filmschnitte, Bohrfräsen und Grafik-Tablets und und und . . .

Kein Wunder, dass bei einer solchen Vielfalt an Werkzeugen ganz unterschiedliche Projekte im „Maker Space“ in Arbeit sind. Da baut ein Student aus Kamerun einen fahrbaren Solarkiosk, der in seinem Heimatland als Handyaufladestation genutzt werden soll. „Er macht das hier, die dazu gehörende Bachelor-Arbeit schreibt er bei einem Professor im Studiengang Ver- und Entsorgungstechnik“, berichtet Rheinlaender. Ein paar Meter weiter versuchen sich Studierende daran, Plastikreste vom 3-D-Drucker zu schreddern und wiederverwertbare Fäden zu erhalten. „Das geschieht mit Hilfe eines Extruders, einer Art beheizbarem Fleischwolf“, erklärt Rheinlaender. „Aber eine vernünftige Qualität ist da sehr schwierig“, ergänzt er mit kritischem Blick auf die bisherigen Ergebnisse.

Auch ein Pflanzenschrank mit Spiegeln und Beleuchtung ist in Arbeit. Das Ziel: Einen Bausatz für Schulklassen zu entwickeln. So könne man bei Jugendlichen verschiedene Talente entdecken, zum Beispiel für Biologie, Informatik oder handwerkliche Arbeiten.

Ferngesteuert Pakete auf dem Kanal zustellen?

Stolz ist Matthias Rheinlaender auf die im Bau befindliche Wasserdrohne. „Der Grundgedanke ist, dass die Straßen voll und die Wasserwege leer sind, wir dazu im Ruhrgebiet ein gutes Handy-Netz haben. So soll der Solar-Katamaran Lasten über Revier-Kanäle transportieren, ferngesteuert und teilautomatisch Pakete zustellen“, erklärt Rheinländer die spezielle Drohne, die noch dieses Jahr erstmals zu Wasser gelassen werden soll.

Bislang steht der ungewöhnliche Katamaran mitten im „Maker Space“ – neben dem Rahmen eines Lastenfahrrads und verschiedenem Werkzeug. Es herrscht kreatives Durcheinander im „Maker Space“. Die Werkstatt wirkt etwas chaotisch – auch durch die Unterschiedlichkeit der vielen gleichzeitig laufenden Projekte. „Das ist hier eine total bunte Mischung“, freut sich Matthias Rheinlaender über die große Vielfalt. „Die Devise heißt dabei immer: Selbst machen, bauen, entwickeln – wenn nötig mit Unterstützung.“ Dafür stehen zwei Projektleiter und zwei studentische Hilfskräfte zur Verfügung.

Das Quartett zeichnet auch für den Solarbuggy vor dem Werkstatteingang verantwortlich – ein typisches Produkt im „Maker Space“: Das Solarpanel vom Bauernhof, eine alte Batterie aus einem Notstromaggregat, das Kinderwagengestell vom Schrott. Recycled, zusammengebaut – und es funktioniert. Rheinlaender: „Da hören wir Musik drüber, laden Handys, Akku-Schrauber und die Flex. Sogar die Batterie von einem E-Bike habe ich damit schon wieder aufgeladen.“

„Maker Space“: Jeder ist willkommen

Das „Maker Space“ steht nicht nur Studierenden der Westfälischen Hochschule, sondern allen Interessierten offen, wie Projektleiter Matthias Rheinlaender betont: „Hier kann man alles bauen bis auf Waffen, es ist kostenlos und für jeden offen.“So haben schon Kinder im „Maker Space“ ein Nikolaus-Haus in 3-D gezeichnet, ein „heißer Draht“ für ein Schulfest ist gefertigt worden, Rentner haben Probleme mit ihrer Photovoltaik-Anlage besprochen.„Und warum sollen sich in unserer Werkstatt nicht zum Beispiel Schüler mit Computerkenntnissen mit ehemaligen Bergleuten zusammentun, die zum Beispiel als Dreher hohes Fachwissen bei der manuellen Fertigung haben? Das wäre sicherlich interessant“, sieht Rheinlaender großen Spielraum für Entwicklungen im „Maker Space“ der Westfälischen Hochschule.

Das brachte die Kapazität des Solarbuggys zwar an ihre Grenzen, aber: „Am nächsten Tag schien ja wieder die Sonne . . .“

In Oer-Erkenschwick sorgten jetzt Drohnen am Nachthimmel für Angst unter Anwohnern der Westerbachstraße.

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