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Berlin, 1990: Die 13-jährige Andrea hält sich mit Stiefmutter Ingrid Nagel in der Zone auf, wo Monate zuvor noch die von der Mauer gesicherte Grenze verlief.

Mauerfall

Plötzlich eine Familie

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HALTERN - Wie der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls, das Leben von Andrea Coenen-Brinkert verändert hat.

Andrea Coenen-Brinkert hat am 10. November morgens minutenlang auf die Titelseite der Zeitung gestarrt. Da stand: „Die Mauer ist offen“. „Ich konnte das mit meinen damals 13 Jahren nicht fassen, plötzlich wusste ich, warum Oma und Opa am Vorabend vorm Fernseher fassungslos geweint haben und immer wieder sagten: Das kann nicht sein, das wäre zu schön. Und dann stand plötzlich Onkel Nico vor der Tür, mit seinem alten Lada. Einfach losgefahren ist er, mitten in der Nacht. Von Rottleberode bis Haltern. Einfach so.“

Für Andrea Coenen-Brinkert (42) aus Haltern ist der Fall der Mauer, der 9. November 1989 mehr als ein historisches Datum. Plötzlich hat sie eine große Familie, die über Jahrzehnte hinter Grenzen und Kontrollen und Reisegenehmigungen festgehalten wurde. „Ich hatte hier in Haltern nur meine Großeltern, meine Eltern und in Marl eine entfernte Verwandte. Im Osten hatte ich Cousins, Cousinen, Tanten, Onkel, so viele Familienmitglieder.“ Andrea Coenen-Brinkert ist ein geselliger und offener Mensch, und sie ist heute noch sichtlich bewegt, wenn sie daran denkt.

Onkel Nico fuhr einfach über die Grenze

Am 9. November gegen 19 Uhr wurde der SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in Berlin auf einer Pressekonferenz von einem Journalisten gefragt, ob die Grenzen „ab sofort“ geöffnet seien. Schabowski sagte: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“ Und um 21.15 Uhr passierten die ersten DDR-Bürger die Grenze am Übergang Helmstedt-Marienborn.

„Mein Onkel Nico hat erst gedacht, das gelte vielleicht nur für Berlin. Also hat er sich in seinen Lada gesetzt und ist zur Grenze gefahren. Als er sie offen sah, ist er einfach weiter gefahren, immer weiter. Bis Haltern-Sythen“, erinnert sich Andrea Coenen-Brinkert. Zum Frühstück ist er geblieben, musste dann aber wieder nach Hause. Frau und Kind hatte er nämlich in der Aufregung und in der Ungläubigkeit ob der positiv dramatischen Ereignisse gar nicht darüber informiert, dass er mal eben einen Abstecher nach NRW machen würde.

Andrea Coenen-Brinkerts Großeltern, Roland und Frieda Löbig, kamen 1956, also wenige Jahre vor dem Mauerbau aus dem Osten nach Marl. „Mein Opa kam erst allein, holte dann meine Oma und meine Mutter nach. Ihnen waren die Entwicklungen in der DDR unheimlich und hier im Ruhrgebiet gab es auf dem Pütt Arbeit. Die Cousine meines Opas hatte gesagt: Kommt doch nach Marl.“ Die Großeltern hatten Glück – sie konnten noch mit seichten, vorgeschobenen Geschichten die DDR verlassen: „Mein Opa hat erzählt: Ich habe ein Haus geerbt, und muss mich kümmern. Und meine Oma reiste mit ihrer Tochter, meiner Mutter, nach Ostberlin, weil ihr Mann ja ‚eh nicht zu Hause war‘, um Verwandte zu besuchen. Sie flohen über West-Berlin nach Marl.“ Die Sache war trotzdem vor allem deswegen heikel, weil der Bruder ein aktives Parteimitglied in der SED war und sein Sohn ein hohes Tier bei der Volkspolizei.

„Wie eine Reise in die Vergangenheit“

„Bis Anfang der 1970er-Jahre lebten meine Großeltern mit meiner Mutter in Marl, bauten dann in Sythen ein Haus, dort bin ich dann aufgewachsen.“ Andrea Coenen-Brinkert verbindet so viel mit der DDR – auch mit einem romantischen Blick zurück. „Ich war so fasziniert von dem Leben meiner Familie dort – wie anders alles war, wie eine Reise in die Vergangenheit.“ Als sie 18 wird, und die DDR offiziell Geschichte ist, bekommt sie als erstes Auto einen grasgrünen Trabi geschenkt. „Ich habe dieses Auto geliebt.“ Zwar ist ihr Wagen nicht mehr fahrtüchtig – aber bei einem Besuch im Haus der Geschichte in Bonn während der Herbstferien muss sie schlucken: „Da steht genau so ein Trabi. In Grasgrün. Meine Tochter hat gefragt: Mama, weinst du etwa?“

Ja, denn die DDR-Symbole sind für immer mit ihrer Familie verbunden. Erst recht, als Andrea Coenen-Brinkerts Vater, der Marler Peter Coenen, – die Eltern hatten sich 1981 getrennt – auf Montage im Berlin der späten Achtzigerjahre arbeitet und sich Hals über Kopf, unsterblich quasi, in eine Ostberliner Frau verliebt. „Mein Vater hat gesagt: Für diese Frau hält mich keine Grenze auf.“ Und das hat er auch so gemeint. Andrea Coenen-Brinkert: „Mein Vater ahnte ja nicht, dass am Endes des Jahres die Mauer geöffnet werden würde. Also hat er meine Stiefmutter im Frühjahr 1989 im Kofferraum versteckt und über die Grenze nach Westberlin geschmuggelt.“ Jahre – auch nach dem Mauerfall – verließen die beiden die Stadt nicht, aus Angst, im Nachhinein belangt zu werden.

„Das ist so romantisch, ja – aber der großartigste Moment in unserer Familie war dennoch, als meine Uroma zu uns nach Haltern reisen durfte ohne Anträge und Sondergenehmigungen. Als sie da in der Tür stand mit seiner kleinen Schwester, hat mein Opa geweint und geweint.“ Das Kaiserreich, zwei Weltkriege, den Mauerbau hat die Uroma erlebt. „Aber dass sie noch einmal frei sein würde, in ihrem Leben, das hat sie nicht glauben können.“ Andrea Coenen-Brinkert blickt auf das alte Foto ihrer Uroma und sagt: „Was für eine Geschichte.“

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