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Ein mit Kohle beladenes Frachtschiff fährt in die Schleuse Oberhausen ein: Für die Binnenschiffer sind die Kanäle im Revier zu einem regelrechten Nadelöhr geworden.

Milliardenhilfe

So soll das marode Kanalnetz in NRW wieder flott gemacht werden

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DUISBURG/NRW - Schleusenausbau, höhere Brücken, Rheinvertiefung – wie die NRW-Wirtschaft die Binnenschifffahrt in NRW wieder flottmachen will. Das Bundesverkehrsministerium verspricht Geld, Planer und Ingenieure.

Das Geld fließt – jetzt können die Wasserstraßen im Ruhrgebiet endlich saniert und ausgebaut werden. Das ist Ziel eines neuen „Masterplans Binnenschifffahrt“, für den das Bundesverkehrsministerium in den kommenden Jahren 1,2 Milliarden Euro ausgeben will. Am Dienstag stellte Verkehrs-Staatssekretär Enak Ferlemann bei einer Konferenz in Duisburg erste Maßnahmen vor – und diskutierte mit den Experten vor Ort, wie das für Nordrhein-Westfalen so wichtige System Häfen-Industrie-Logistik wieder in Schwung kommen kann.

Zuvor allerdings musste sich der Gastgeber aus Berlin anhören, was Politik und Verwaltung in den letzten 20 bis 30 Jahren versäumt haben: Dr. Arndt Glowacki, Logistikdirektor von Evonik in Marl, schilderte die „dramatische Situation“ durch das Niedrigwasser im vergangenen Sommer: Das höhere Aufkommen kleinerer Schiffe sorgte dafür, dass der Wesel-Datteln-Kanal zum Nadelöhr wurde. Aufgrund der maroden Nischenpoller durfte nur ein Schiff nach dem anderen geschleust werden. So bildeten sich lange Staus, der Nachschub mit chemischen Grundstoffen stand vor dem Kollaps.

Mittlerweile hat sich die Situation an den Schleusen durch die Anstellung von Festmachern normalisiert (wir berichteten). Dennoch warnte Glowacki eindringlich: „Wenn die Wasserstraße als Transportweg für den Chemiepark ausfällt, ist das Verkehrschaos im Ruhrgebiet perfekt.“ Als Lösung forderte er den Ausbau der kleinen Schleusen am Wesel-Datteln-Kanal und einen früheren Baubeginn für die geplante Betuwe-Bahnlinie in Richtung Niederlande.

Auch Prof. Thomas Schlipköther, Vorstandschef der Duisburger Hafen AG, legte den Finger in die Wunde: „Alle reden davon, dass wir mehr Güter auf den umweltschonenden Wasserweg verlagern sollten, doch seit Jahrzehnten herrscht Stillstand.“ Das liege, so Schlipköther, auch daran, dass die meisten Brücken im Revier viel zu niedrig seien. Erst wenn sie saniert werden und allesamt eine Durchfahrtshöhe von 5,25 Meter erreichen, könne der Warentransport per Container auch hier wachsen. Am Rhein floriert er längst.

Ein Geschenk für junge Schiffsführer

Dirk Gemmer, Chef der Rhenus Logistik GmbH, forderte von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung mehr Tempo: „Es kann nicht sein, dass unsere 185 Meter langen Schubverbände schneller von Rotterdam bis Wesel fahren, als von Wesel bis Lünen.“ Normal seien zehn bis zwölf Stunden, aktuell benötigen sie bis zu 32 Stunden. „Die Schleusenmisere kostet unser Unternehmen pro Jahr rund eine Million Euro Verlust – und verärgert unsere Kunden obendrein“, beklagte er.

Und wie will die Kanalverwaltung nun reagieren? „Zunächst freuen wir uns, dass der Bund unsere Behörde in Meiderich um 15 neue Stellen aufgestockt hat“, erklärte Prof. Hans-Heinrich Witte, Präsident der Generaldirektion Wasserstraßen. Mit ihnen will Witte die notwendigen Modernisierungsarbeiten angehen – von den Kanalschleusen über die Düker bis hin zum alten Ruhrwehr in Duisburg. Auch eine Vertiefung des Mittelrheins – eine Landschaft, die zum Welterbe zählt – hält Witte für wirtschaftlich geboten. Ferlemann versprach überdies ein Planungsteam von fünf erfahrenen Ingenieuren, die nach Duisburg entsandt werden sollen, um die Aufholjagd im Sinne der Binnenschiffer zu beschleunigen. In zehn Jahren soll das Milliardenprogramm abgearbeitet sein, peilt Ferlemann an.

Und 1,6 Millionen Euro für die Anschaffung eines Flachwasserfahrsimulators machte er gestern zusätzlich locker: „Weil uns die Ausbildung junger Schiffsführer sehr am Herzen liegt.“

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