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Die Kinder integrieren Corona ganz automatisch in ihr Spiel, und aus einem Pflaster wird ein Mundschutz für Meerjungfrauen.

Mitten im Corona-Chaos: Das tägliche Tagebuch zum Ausnahme-Zustand - Teil 30

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Unsere Familien-Kolumnistin Mareike Graepel schreibt ein tägliches Tagebuch – mit Tipps und Anregungen für Eltern und für Home Office-Neulinge.

„Ist heute immer noch Corona? Oder kann ich in den Kindergarten? In die Schule? In den Alltag?“ Ja, Kind, heute ist immer noch Corona. Und es wird auch noch eine Weile Corona sein. Wird das zu einem allgemeingültigen Begriff? Wie eine Jahreszeit? Ist noch Frühling? Ist noch Corona? Ist noch Sommer? Ist noch Tag? Ist noch Corona? Ist noch Nacht? Die Kinder werden sich auch, wenn sie eines Tages 42 sind, so wie ich derzeit, an diese Zeit erinnern können. Garantiert. 

Ich kann mich auch noch an jeden (!) Satz erinnern aus Angela Sommer-Bodenburgs „Der Kleine Vampir“, ein Buch, das Orla gerade als kostenloses Hörbuch aus einem der Corona-Newsletter, den ich abonniert habe, hört, während ich arbeite. Es ist 34 Jahre her, dass ich das selbst gelesen habe. Und ich weiß genau, was als nächstes passiert. Manchmal erinnert mich ein Geschmack im Mund an Bücher oder Momente, die Jahrzehnte zurück liegen. Ich kann dann ganze Aktenordner mit Erinnerungen wieder aufrufen, nur weil ich beim Schlucken merke, mhm, das schmeckt ja wie damals, als… Und das ohne eine Kindheit im Ausnahmezustand erlebt zu haben. 

„Schleimertag“ und  „Schlemmertag“ am Wochenende

Die Kinder integrieren Corona ganz automatisch in ihr Spiel, und aus einem Pflaster wird ein Mundschutz für Meerjungfrauen.

Wie man den Ausnahmezustand zum Konzept macht, haben Freunde von uns ausprobiert – deren Kinder mussten/durften am Wochenende einen „Schleimertag“ und einen „Schlemmertag“ einlegen. Am „Schleimertag“ machen die Kinder alles für die Eltern, Frühstückstisch decken, Brötchen holen, Spülmaschine ein- und ausräumen, Wäsche aus dem Trockner zusammenlegen. Schleimen hoch drei also. (Und ja, natürlich macht das Schleimen aus der sonst, ähm, bedingungslosen Eltern-Kind-Liebe eine Art Währung, aber hey, die Tage und Wochen während Corona werden nicht kürzer, und die Ideen gehen einem sonst irgendwann aus…) Am Tag drauf dürfen die Kinder alles – absolute laissez-faire-Stimmung im ganzen Haus. Binge-Watching vorm Fernseher, Süßigkeiten vorm Frühstück, Mittagessen, Abendessen und danach. Es darf morgens Pommes statt Müsli geben und mittags Käse mit Nutella, abends Berge von Popcorn – alles, wirklich alles, geht. 

Mit dem Bus einfach mal bis zur Endstation fahren

Und geht das gut? Bedingt, ja – der „Schlemmertag“ ist für Eltern sehr entspannt, man muss sich wenig kümmern, kaum einer streitet sich und mit Glück wird auch niemandem schlecht. (Der „Schleimertag“ ist noch besser, wenn einem kein Kaffee ins Bett geschüttet wird aus lauter Überraschungs-Schleimer-Übereifer…) Aber vielleicht ist die Nacht danach von Bauchschmerzen (zu viel Popcorn-Nutella-Käse-Pommes-Mix) geprägt, oder von Alpträumen, die sich aus den Fernseh-Overkill-Eindrücken wild zusammensetzen. Heute machen die Freunde von uns wieder alles „normal“. So normal, wie während Corona möglich. 

Eine schöne Idee, um die Zeit etwas spannender zu gestalten: In einer wenig frequentierten Buslinie (hinten einsteigen, Mundschutz, Hände reinigen!) bis zur Endstation fahren und dort den nächsten Wald oder Park suchen und (mit immer ausreichendem Abstand zu anderen Menschen, bitte) einen Teil der Stadt erkunden, den man noch gar nicht kannte. Wie sieht es da aus? Ist es da schön? Oder hat man es selbst zu Hause doch schöner? Sein erweitertes Umfeld zu erkunden, hilft Kindern, sich orientieren zu lernen und das eigene Stadtbild dreidimensional zu entdecken. Mit dem Bus über den Tellerrand hinausfahren, quasi. 

Das mag „oldschool“ klingen, aber das tut „Der Kleine Vampir“ auch. „Mama, was ist ‚stopfen‘?“ hat Orla mich gerade gefragt (in der Geschichte hat die Mutter des Protagonisten Anton gerade den Vampirumhang von Rüdiger gewaschen UND die Löcher gestopft). Ich erkläre, was das ist. Erstaunt schaut mich meine Tochter an: „Warum schmeißen wir löchrige Socken immer gleich weg statt die zu stopfen?“ Eine gute Frage. Weil jede Woche irgendwelche Socken Löcher haben und ich schon für so viele andere liegengebliebene Dinge keine Zeit finde. Zeit, die eine meiner Korrespondentinnen-Kolleginnen in Lima, Peru, gerade hat. In einer Skype-Schalte erzählt sie uns davon, dass sie, ihr Mann und ihre drei Kinder seit fünf Wochen die Wohnung (ohne Garten, ohne Balkon) nicht verlassen haben. Die Erwachsenen dürfen maximal zum Einkaufen, die Kinder gar nicht raus. Gar nicht. Nicht mal in einen einsamen Wald oder so. 

In Spanien gehen sie mit Plüschhunden spazieren

Eine andere Kollegin berichtet aus Spanien, dass Menschen anfangen, mit Plüschhunden spazieren zu gehen, weil sie keinen eigenen echten Vierbeiner haben und ohne nicht vor die Tür dürfen. Und dass Schokoriegel nicht zu den lebenswichtigen Einkäufen gehören und der Kauf derselben mit einer Geldstrafe von bis zu 1000 Euro geahndet werden kann (wenn man die schnell zahlt, bekommt man allerdings einen Nachlass von 50%. Dennoch: 500 Euro Strafe für einen Schokoriegel? Da werden Duplo, Yogurette und Co. in unserem Schrank auf einmal noch wertvoller – wenn wir mal einen Schlemmertag machen, werde ich den Kindern das auf jeden Fall vorher erzählen!). 

Die Kollegin aus dem Libanon und die Korrespondentin aus Kolumbien erzählen, wie das Leben bei ihnen stillsteht, wie wenig sich die Menschen in den Armenvierteln bei extremen Temperaturen daran halten (können), drinnen zu bleiben und ob es irgendwann vielleicht doch Flüge gibt, um nach Deutschland zurückzukehren. Wer mit Job-Visum im Ausland ist, wird vom Auswärtigen Amt nicht nach Hause geholt, bis die Touristen alle ausgeflogen wurden. Und davon gibt es zum Beispiel in Peru noch erstaunlich viele. Die Kollegin in Lima sitzt mit den Kindern seit Tagen auf gepackten Koffern, hofft auf Plätze im allerletzten Flieger, der den Militärflughafen gen Heimat verlassen wird. Ob sie sie bekommen wird, ist mehr als fraglich. Ist immer noch Corona? Ja, aber wir können hier zumindest noch das Beste draus machen. Fürs nächste Wochenende ordne ich Schleimer- und Schlemmertage an.

TIPPS: Lesen bis Corona vorbei ist (und juchu! Die Buchhandlungen haben wieder auf!):

  •  Ralph Caspers’ „Ab in die Dertschi!“ sind 33 Familiengeschichten, die passieren, wenn man sie nur lässt. Sehr lustig (und die Bus-Idee ist daraus „ausgeliehen“…). 
  • „Made by Papa: 67 geniale Projekte für Väter und Kinder“ ist perfekt, wenn man die Kinder mal mit Papa beschäftigen möchte (bzw. andersherum).
  • „Good night stories for rebel girls - 100 außergewöhnliche Frauen“ und „Stories for Boys Who Dare to be Different - Vom Mut, anders zu sein“ sind fantastische Bücher, um in kurzen Geschichten den Mädchen und Jungs vorm Schlafengehen zu erklären, warum es richtig und klug ist, eigene Pläne zu haben, auch, wenn sie keinem Klischee entsprechen…

Dies war der 30. und damit letzte Teil des Corona-Tagebuchs von Mareike Graepel. Hier geht es zu den anderen Tagebucheinträgen:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 8

Teil 9

Teil 10

Teil 11

Teil 12

Teil 13

Teil 14

Teil 15

Teil 16

Teil 17

Teil 18

Teil 19

Teil 20

Teil 21

Teil 22

Teil 23

Teil 24

Teil 25

Teil 26

Teil 27

Teil 28

Teil 29

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