Nachbarschaft in Dortmund-Dorstfeld

Was der leere Hannibal mit den Menschen macht

Dorstfeld - Wie verändert sich eine Nachbarschaft, wenn mehr als 700 Menschen auf einmal wegziehen? Während einer einpackt, freuen sich andere über die neue Situation. Ein Rundgang durch Dorstfeld.

Wenn 28 Jahre Vergangenheit in einen Kofferraum passen müssen, gehört auch ein Staubsauger mit ins Auto. Armin Höllerich hat 28 Jahre im Hannibal in Dorstfeld gelebt, jetzt steht er auf einem Parkplatz am Fuße seines ehemaligen Zuhauses, in das er kurz rein kann, um sein letztes Hab und Gut aus der Wohnung zu kriegen. Bügelbrett, Staubsauger, Kisten, kleines und großes Zeug. "Ich hätte die Wohnung gerne weiter behalten", sagt Höllerich.

28 Jahre lang hat er hier gelebt, am Tag der Evakuierung hatte der schwerbehinderte Mann zehn Minuten Zeit, um die Wohnung zu räumen. "Ich stand vor dem Nichts." Armin Höllerich hat zum 1. Dezember eine neue Wohnung gefunden, sie liegt in Bövinghausen, weit weg vom Schuss sei das. "Das alles ist sehr traurig", sagt Höllerich. Er fühlte sich wohl in dem Hochhaus, in seinem Zuhause.

"Die" aus dem Block von gegenüber

Während der 59-Jährige unglücklich darüber ist, dass der Hannibal leer steht, sind einige, die in der Nachbarschaft wohnen, froh genau darüber. Ein Mann, der direkt neben dem Hannibal wohnt, findet den Ist-Zustand "super". Ruhig sei es jetzt endlich. "Ich konnte da nicht mehr vorbeigehen, überall lag Müll, Gemüse wurde von oben herunter geworfen", sagt er. Er selbst komme aus einem anderen Land, wisse sich aber zu benehmen.

Die Menschen gehen rund um den Hannibal mit ihren Hunden spazieren, kommen von der Bushaltestelle, rauchen vor der Haustür oder stehen vor dem Kiosk; sie berichten davon, wie sich die Gegend hier verändert hat, sprechen von Ausländern, ohne das Wort Ausländer auszusprechen. Sie nennen sie "die". "Die haben sich nicht angepasst", "die Merkel hat die alle ins Land geholt", "die können sich nicht benehmen", "die haben Pampers vom Balkon geschmissen", sagen die Nachbarn.

"Entspricht nicht dem deutschen Standard"

Ein Mann, er dürfte um die 70 Jahre alt sein, drückt es so aus: "Der Hannibal war immer bevölkert von denkwürdigen Leuten. Hier hat sich eine Schicht getummelt, die dem Standard der deutschen Bevölkerung nicht entspricht." Was denn deutscher Standard wäre? "Es gibt auch deutsche Verbrecher, klar. Aber dort herrschten fremdländische Sitten und Gebräuche." Ginge es nach ihm, könne der Hannibal leer bleiben.

Ein anderer Mann, er wohnt in der Zechensiedlung Oberdorstfeld, findet es "traurig, wie das alles in Angriff genommen wurde". Eine Schande sei es, wie mit den Menschen, die dort gelebt haben, umgegangen werde. Eine neue Wohnung zu finden, sei nahezu unmöglich. "Mit zwei Kindern gilt man doch schon als asozial", sagt er. "Mir wäre es egal, wenn die Menschen wieder einziehen, ich habe nichts dagegen." Das Gebiet rund um den Hannibal sei ohnehin isoliert von der Zechensiedlung. Viel habe er also ohnehin gar nicht mitbekommen.

Supermarkt-Kassen sind leerer geworden

Leerer geworden ist es nicht nur in den Wohnungen und auf den Fluren des Hannibal. "Die ganzen Kinder sind weg", sagt einer, "die Spielplätze sind leerer, da war vorher viel Betrieb", sagt ein anderer, der dreieinhalb Jahre dort gewohnt hat, wo heute niemand mehr wohnt. Eine neue Wohnung hat der Mann noch nicht gefunden, in dieser Woche bekommt er Bescheid, ob die letzte Besichtigung erfolgreich war.

Untergekommen ist er bei einer Freundin. Auf deren Balkon am Vogelpothsweg raucht er eine Zigarette und erzählt, was anders ist. Wenn er zum Beispiel dort einkaufen geht, wo er es in den vergangenen Jahren schon getan hat, im Lidl gegenüber, sind die Schlangen an den Kassen nicht mehr so lang, seit der Hannibal leer ist.

Hannibal-Mieter helfen sich untereinanderArmin Höllerich, der Mann, der auf dem Parkplatz steht und das Auto packt, hat mit dem Lidl hier nichts mehr zu tun. Er wohnt jetzt in Bövinghausen. Wenn er über den Hannibal spricht, dann lässt er kein gutes Haar am Eigentümer Intown. Um alles hätte man sich selbst kümmern müssen. Als das Gebäude noch der Dogewo gehörte, sei das anders, besser gewesen.

Er selbst habe alle drei Jahre seine Wohnung renoviert, viel Geld investiert. Die Küche und das Laminat kann er nicht mit in die neue Wohnung nehmen. Den Mieterverein, die Rechtsanwältin und die Stadt leisten den plötzlich heimatlos gewordenen Menschen hier große Hilfe. Auch die Hannibal-Bewohner untereinander greifen sich unter die Arme.

Das ist gut, das ist wichtig. Doch seine alte Wohnung wird Armin Höllerich dadurch nicht zurückerhalten. Und während er 28 Jahre in einem Auto verstaut, finden es andere gar nicht mal so schlimm, dass der Hannibal wohl noch länger leer bleibt.

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