Nachruf für Gertrud Düwell

Eine Bäckerfrau mit großem Herzen

Dortmund - Bis kurz vor ihrem Tod stand Gertrud Düwell hinter dem Tresen der gleichnamigen Bäckerei. Noch heute gibt es die Bäckerei, die Lebensinhalt der berühmten Dortmunderin war. In diesem Jahr wäre "Gerti" 100 geworden - ein Nachruf.

Damals, als das Leben schon gelebt, aber Aufgeben selbstverständlich keine Option war, stand Gertrud, die alle nur Gerti nannten, noch hinter der Ladentheke der Bäckerei. Da, wo sie eigentlich immer gestanden hatte. Wo sie das Wirtschaftswunder vorbeiziehen sah. Wo die Arbeiter anstanden. Wo sich dann die Bevölkerung änderte. Und das Geschäft.

Mutter zog sie alleine groß

Unten, an der Rheinischen Straße hinter der Dorstfelder Brücke, stand Gerti hinter dem Tresen. Wie an so vielen anderen Sonntagen in ihrem Leben. Ein Mann betrat das Ladenlokal, er verlangte eine Flasche Schnaps. Bekam sie, Geschäft ist Geschäft. Aber nicht einfach so, Benimm ist Benimm. Die Flasche mit dem Klaren verschwand, bevor sie über den Tresen gereicht wurde, in einer Brötchentüte. "Das müssen ja nicht alle sehen", sagte Gerti. Dem Mann war das egal. Gerti nicht.

Gertrud "Gerti" Düwell führte, man kann das so sagen, ein sehr deutsches Leben. Wie das Land sich entwickelte, so entwickelte sich dann auch ihr Leben: Rund zweieinhalb Monate vor Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie in Bochum als eine Timmer geboren, kleine Verhältnisse, der Vater früh verstorben, die Mutter erzog alleine den Sohn und die Tochter. Er wurde, wie der Vater es einst war, Elektriker, sie besuchte das städtische Lyzeum, allerdings nur kurz.

Kam dank Anzeige in die Stadt

Als das Mädchen 14 Jahre alt war, war Schluss, Geld war wichtiger als Bildung, auch wenn es wenig Geld war. Das Land stand kurz vor der Wirtschaftskrise, da wurde Gertrud Verkäuferin in Bochum. Als ihr Sohn Jahrzehnte später ihre Rentenansprüche zusammenstellte, zeigte sich, was sie damals verdient hatte. Nicht mehr als ein Taschengeld.

Sie kam dann dank einer Anzeige nach Dortmund, die Bäckerei Düwell suchte eine Verkäuferin, Sohn Josef fand dann auch so seine Ehefrau: Gertrud Timmer, die hübsche junge Frau mit einem offenen Lächeln und warmen Augen, sollte es später werden. Doch da, was einfach ist, jeder kann, gab es auch hier Probleme: Die Eltern Düwell waren gegen die Verbindung, der Stand war der Stand und Gerti nicht gemäß.

Bücher waren wichtig

Doch in der Liebe und im Krieg ist ja alles erlaubt, Liebe war da und Krieg auch und als Jürgen Düwell Fronturlaub hatte im Jahr 1943, da wurde geheiratet. Wer sollte schon wissen, wie lange man sich lieben kann? Das Hochzeitsbild zeigt ein glückliches, ein lachendes Paar. Zuversicht trotz alledem.

Josef wurde dann verlegt, von Griechenland nach Russland, dann wieder zurück, da kam er in Gefangenschaft und zum Glück wieder raus. 1945 schon, was für eine Freude, die Hände dran, die Füße auch, er übernahm die Bäckerei und gegessen wird ja immer. Das Wohnzimmer direkt hinter dem kleinen Ladenlokal, vorne stapelten sich die Brote und hinten die Bücher, obwohl es eine kleine Wohnung war. Bücher waren Gerti wichtig, auch sie bekamen alle einen Schutzumschlag verpasst.

Nicht alles lief immer perfekt

Schade nur, dass das Lesen so lange dauerte, weil so wenig Zeit war. Morgens früh raus und abends noch die Buchhaltung und zwischendrin war ja auch noch genug zu tun. Von Emanzipation hatte sie nichts gehört und war dann trotzdem ziemlich weit vorn dabei, als sie Anfang der 50er- Jahre als eine der ersten Frauen in der Nachbarschaft den Führerschein machte. Im Opel Caravan, beigefarben wie ein Taxi und hinten umgebaut für Brot und Brötchen, fuhr sie die Waren aus und lockte den Sohn mit Karl-May-Büchern zur Mitarbeit.

War natürlich nicht alles immer eitel Sonnenschein, Gerti hatte ein großes Herz und damals konnte man noch anschreiben. Also die Ware mitnehmen und am Anfang des nächsten Monats zahlen, wenn wieder Geld in der Kasse war. Leider war auch dann nicht immer Geld in der Kasse oder es wurde für andere Dinge ausgegeben oder an den Einkauf konnte sich der Kunde nicht mehr erinnern - dann wurde es nicht leichter, säumige Kunden, ein schlecht gelaunter Bäckermeister als Ehemann.

Man ließ es sich mal gut gehen

Nur gut, dass der eine Sohn Jura studierte und sich seine ersten, inoffiziellen Lorbeeren verdiente, indem er aufpasste, dass keine Fristen verstrichen. Das half zwar nicht seiner Karriere, aber der Familie, und Karriere hat er dann ja auch noch gemacht: Er wurde Vorsitzender Richter am Bundesarbeitsgericht und später Professor an der Universität Konstanz, das schafft auch nicht jeder Bäckerssohn.

Aber das war alles noch weit weg von der Rheinischen Straße, hier war der Festtag der Sonntag, wenn alle Teilchen ausgefahren waren, dann ging die Familie aus. Sie hat am siebten Tage zwar nicht geruht, aber wenn die Arbeit getan war, dann ließ sie es sich gut gehen. Das Viertel lebte damals im Schatten und von der Dortmunder Hütten-Union. Stahlwerker, die nicht die Welt verdienten und zu denen dann irgendwann die Welt kam. Das Wirtschaftswunder brauchte Muskelkraft und Malocher aus dem Ausland und so veränderte sich ab den 1970er-Jahren langsam das Viertel.

Ehemann starb an Krebs

Das Leben lief weiter an der Rheinischen Straße, harte Arbeit brachte gewissen Wohlstand und den zeigte man damals mit Pelzen. Gerti mochte Pelze, trug sie bei den Treffen mit Freundinnen und so hätte es weiterlaufen können - dann kam der Krebs bei Jürgen, dem Ehemann. Er wurde bestrahlt im Knappschaftskrankenhaus und es war dann letztlich nicht der Lungenkrebs, der ihn tötete, es waren die Spätfolgen der Bestrahlung. Er stürzte bei einem Ausflug, die Wirbelsäule, konnte nicht mehr richtig gehen, musste gepflegt werden und starb dann 1982.

Ein schwerer Schlag, aber noch nicht das Ende. Enkelkinder kamen, das erste, ein Mädchen, lernte das Laufen in der Bäckerei. Mit einem der alten Tricks, Gerti hielt ein Bonbon hoch, das Kind streckte sich, versuchte ranzukommen, dann der erste Schritt. Wacklig, aber ein Schritt. Der zweite. Das Leben läuft weiter, da kann man machen, was man will. Und es ist ja auch gut so.

Mehrere Schlaganfälle

Ein Sohn Jurist, der andere Bäckermeister, die Familienpatriarchin hinter dem Verkaufstresen. Die Bäckerei als Lebensinhalt. Dann die Expansion, Wachstum als Chance, um zu überleben. Zu schnelles Wachstum, ungesund, wie sich zeigte. Kredite, die vertilgten, was herein kam. Alles nicht genug trotz der Arbeit von früh bis spät in den frühen 2000er-Jahren.

Gerti war dann auf der Rheinischen Straße unterwegs, auf dem Weg zur Bahnhaltestelle, um in die Stadt zu fahren. Der erste Schlaganfall. Weitere folgten. Sie wurde dann bettlägerig und was jetzt dafür sorgte, dass der Lebenswille schwand, das weiß wohl nur sie allein. Die Bäckereien verloren, das Stammhaus drohte, verloren zu gehen. Wozu sollte man denn da noch aufstehen?

Der Laden lebt weiter

Es war der 31. Mai 2008, Gerti Düwell, Bäckerin, Geschäftsfrau, Mutter und Großmutter, lag im Johannes-Hospital und sollte am nächsten Tag operiert werden. Dazu kam es nicht mehr. Niemand mehr da, der Brötchen über den Tresen reichte, Gebäck ausfuhr oder eine Schnapsflasche in Papier einschlug. Denn die Form, die ist zu wahren.

Wie es dann weiterging mit ihrem Lebensinhalt, der Bäckerei, hat Gerti Düwell nicht mehr erlebt: Die Tradition lebt weiter, fünf Familienmitglieder arbeiten in ihr. Es war nicht leicht, wieder auf die Beine zu kommen, aber es hat geklappt. Alles fließt, verloren hat nur, wer aufgibt. Und Aufgeben ist keine Option. Gerti würde sich freuen.

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