Ostwallviertel

Das untergegangene Dortmunder Bermuda-Dreieck

DORTMUND - In den Kneipen des Ostwallviertels hat eine ganze Generation von Dortmundern die Nächte durchgefeiert. Heute ist vom Dortmunder Bermuda-Dreieck nichts mehr übrig. Wie konnte das passieren?

Toni schiebt sich langsam durch die feiernden Massen. Über seinem Kopf balanciert der muskulöse Kellner ein gutes Dutzend Pils, Alt und Cola auf einem Tablett. Seit Stunden nimmt er keine Bestellungen mehr auf, sondern macht einfach immer wieder das Tablett voll. Innerhalb von Minuten sind alle Getränke weg.

Das "Schwarze Schaf" ist proppevoll, aus den Boxen dröhnt Westernhagen und Kiss. Dichter Rauch hängt unter der Deck - alle paar Wochen müssen die nikotingetränkten Wände gestrichen werden. Wer den dunklen Pub an der Olpe verlässt, muss im schlimmsten Fall über eine Stunde warten, bis er wieder reinkommt, so viele Leute stehen häufig davor.

Rund 20 Kneipen drängelten sich am Ostwall

Willkommen im Ostwallviertel am Ende der 1980er-Jahre. "Das war die vielleicht beste Zeit in meinem Leben", sagt Toni, der eigentlich Antonio Fraile-Vinuelas heißt, dreißig Jahre später.

Der heute 57-Jährige arbeitete von 1986 bis 1989 im "Schwarzen Schaf". Das Schaf, halb Pub, halb Disko, ist zu der Zeit eines der Partyzentren eines pulsierenden Kneipenviertels. In gerade einmal zwei Blocks drängeln sich rund 20 Läden.

Hier lagen die bekannten Kneipen des Ostwallviertels:

Besonders an der Olpe und dem Ostwall liegen die Kneipen Tür an Tür. Die Gäste pendeln fröhlich hin und her: Erst eine Altbierbowle in der "Galerie", dann ein Weißbier im "Paulaner" und nach einem Baguette in der "Brasserie Flo" ins "Treibhaus" oder ins "Schwarze Schaf" - ein normaler Abend im Ostwallviertel.

"Auf dem Ostwall und an der Olpe war das Gedränge abends manchmal so groß wie heute auf dem Westenhellweg samstagnachmittags", sagt Thomas Gehrmann. Er ist einer der zentralen Figuren der goldenen Zeit des Kneipenviertels, er gründet eine Wirte-Vereinigung, betreibt selbst jahrelang das "Schwarze Schaf".

Und er organisiert von 1987 bis 1995 das Ostwallfest, zu dem zu Hochzeiten an zwei Tagen rund 100.000 Menschen kommen. Es gibt mehrere Bühnen mit Livemusik, für einen Auftritt von Jürgen Drews legen die Ostwallwirte 17.000 Mark auf den Tisch. Verglichen mit dem Ostwallfest ist das heutige "Kreuzviertel bei Nacht" klein.

"Wir waren ein Magnet", sagt Toni. "Das, was heute das Bermuda-Dreieck in Bochum ist, waren damals wir."

Ruhige Wohnstraßen, triste Parkplätze

Wer im Jahr 2018 durch das Ostwallviertel streift, kann sich das nicht vorstellen. Der geht durch ruhige Wohnstraßen, vorbei an tristen Parkplätzen am Wall. In den Räumen der "Galerie", einst eine Dortmunder Kneipen-Legende, sitzt nun ein Immobilienbüro, unter der Adresse des Schwarzen Schafs findet sich ein Fitnessstudio.

Nicht nur aus dem Straßenbild ist Dortmunds bisher letztes großes Ausgehquartier verschwunden: Es gibt keine Infos im Internet, keinen Wikipedia-Eintrag, keine Fan-Seiten auf Facebook, kein Buch. Wer die Geschichte des großen untergegangenen Dortmunder Kneipenquartiers aufschreiben will, stochert zwangsläufig im Ungefähren.

Man muss sich auf die Erinnerungen der Menschen verlassen, die damals im Viertel unterwegs waren. Einerseits gibt es die zuhauf: Beinahe jeder Dortmunder zwischen 40 und 60 kann so wie Toni eine Geschichte über das Viertel erzählen. Doch Erinnerungen sind wie Steine in der Meeresbrandung: Über die Jahrzehnte werden ihre Ecken und Kanten abgeschliffen, sie verlieren ihre ursprüngliche Form.

So gibt es zu den Anfängen des Ostwallviertels nur Anhaltspunkte. So wie eine kleine Anzeige in den Ruhr Nachrichten 1968, in dem der "Dorfstadl" am Ostwall, ein Vorgänger des "Kaiser Franz" und später der "Passage", für sich wirbt: "Wenn Sie jeden Tag um zehn Uhr ins Bett gehen, Sie nur an Silvester tanzen, dann ist der Dorfstadl gar nichts für Sie!" Schon in den 1960ern konnte man also offenbar am Ostwall gut in die Nacht reinfeiern.

"Das Viertel boomte in den Siebzigern!", sagt Dagmar Schnecke-Bend. Die heute 67-jährige Castrop-Rauxelerin kommt 1975 nach Dortmund, sie macht eine Lehre zur Goldschmiedin. "Wer etwas auf sich hielt, ging in den Victorian Pub." Die Kneipe ist im Stil eines englischen Landhauses gehalten, es gibt viel Mahagoni-Holz und Messinglampen. "Da latschten alle rum, vom Geschäftsmann bis zur kleinen Nutte", erinnert sich Schnecke-Bend.

Prinz Frédéric von Anhalt trank Champagner, Roy Black kam auf ein Bier

Sie geht später selbst unter die Wirte: Zusammen mit ihrem Mann übernimmt sie 1982 den "New Yorker" am Rand des Ostwallviertels, für 1800 Mark Kaltmiete und 20.000 Mark Ablöse vom Vorbetreiber. Das Publikum ist gehoben, der Tresen lederbezogen, getrunken werden eher Long Drinks als Bier, es gibt Dallas-Fernsehabende.

"Wir waren ein bisschen versnobt", sagt Schnecke-Bend. Frédéric von Anhalt, der spätere Mann von Hollywood-Star Zsa Zsa Gabor, kommt auf eine Flasche Champagner vorbei, Schlagersänger Roy Black trinkt dort gerne mal ein Bier.

Schnecke-Bends Ostwall-Kapitel endet 1985: "Mein Mann spielte lieber Skat, als sich um den Laden zu kümmern". Sie trennt sich von ihm, die beiden geben das "New Yorker" ab, das kurze Zeit später für immer schließt.

Da geht es mit dem Ostwallviertel aber erst richtig los. Gab es Ende der 1970er Jahre nur ein paar Kneipen, werden es in den 1980ern immer mehr. "Es war eine stetige Entwicklung", sagt der spätere Wirt Thomas Gehrmann.

Das Quartier weckt auch die Interessen der Dortmunder Brauereien: "Die boten den Hausbesitzern im Viertel richtig gutes Geld an, um bei ihnen im Erdgeschoss Kneipen eröffnen zu dürfen." Die Initialzündung für das goldene Zeitalter des Ostwallviertels ist, als Mitte der 1980er vier, fünf Kneipen fast gleichzeitig aufmachen.

Heiko Wasser wurde ein Chronist des Ostwalls

Mittendrin ist Heiko Wasser. Der Journalist, der heute Formel-1-Rennen für RTL kommentiert, gibt zu der Zeit - zusammen mit Thomas Gehrmann - ein eigenes Szene-Magazin namens "Nacht-Zähne" heraus. Und wird so zu einem Chronisten des Ostwallviertels. "Ich kannte jeden DJ, jede Kellnerin und jeden Wirt des Viertels", sagt er.

Das Magazin erscheint in 10.000er-Auflage, Wasser beliefert damit die Kneipen, Videotheken und Friseure in Dortmund um Umgebung. Besonders beliebt ist die Notizen-Seite, auf denen der Klatsch und Tratsch der Szene ausgebreitet wird. "Die hat jeder gelesen, aber niemand wollte drin vorkommen."

Zuvor hat Wasser selbst als DJ in den Kneipen des Ostwalls aufgelegt. Besonders gut erinnert er sich an Rosenmontag 1985 in der Kneipe "Kaiser Franz": Damals legten Wasser und zwei andere DJs in einer Tour von 15 Uhr am Nachmittag bis 7 Uhr am nächsten Morgen auf. "Eine Riesen-Party, der Laden war durchgehend voll, viele kamen nicht mehr rein und feierten einfach draußen." Die Kneipe macht 27.000 Mark Umsatz an einem Tag.

Anwohner kämpfen gegen die Kneipenszene

Der Ostwall ist für die Wirte eine Goldgrube. Für manche Anwohner ist er jedoch eine unerträgliche Belastung. Das Ostwallviertel ist dicht besiedelt, über den Kneipen und in den Nebenstraßen gibt es Hunderte Wohnungen. Es gibt Beschwerden über den immer größer werdenden Lärm, die Glasscherben von zerbrochenen Flaschen und Gläsern, die Parkplatznot im Viertel.

Schon Mitte der 1980er formiert sich Widerstand in Form einer Bürgerinitiative, es werden Unterschriften gegen die Kneipenszene gesammelt, es gibt Bürgerversammlungen. Ihren ersten Erfolg feiert die Anwohner-Initiative 1986: Am Eingang der Nebenfahrbahn des Ostwalls werden ausfahrbare Poller installiert. Sie verhindern, dass die Gäste direkt vor ihrer Lieblingskneipe parken können.

Fast schlimmer für sie ist jedoch, dass damit der zentrale Laufsteg vor den Ostwall-Kneipen wegfällt. "Davor konnte man mit Papas Auto so lange um den Block kreisen, bis man sein Mädel gefunden hatte", sagt Gehrmann.

Dann, Ende 1988, ändert die Stadt den Bebauungsplan für die City. Die Attraktivität von Dortmunds Zentrum soll bewahrt werden, und dazu gehört für die Stadt ausdrücklich auch die Förderung der östlichen City als Wohngebiet.

In der Begründung des Bebauungsplans "In W 109" wird aufgezählt, was diese Attraktivität bedroht: Porno-Läden, Spielhallen - und das weitere Wachstum des "Vergnügungsviertels" am Ostwall. Es bestehe sogar die "Gefahr", dass sich die Ausgehszene auf das benachbarte Klosterstraßenviertel am Schwanenwall ausdehne.

Politik entscheided sich für die Anwohner und gegen die Kneipen

Das Ostwallviertel ist fortan offiziell als Wohnviertel ausgezeichnet. Der heutige Mieterverein-Geschäftsführer Rainer Stücker hat in dieser Zeit häufig mit Streitigkeiten im Ostwallviertel zu tun. Er sagt: "Die Kommunalpolitik hat sich damals tendenziell für das Wohnen und gegen die Kneipen entschieden."

Die kneipenkritischen Anwohner pochen immer rabiater auf die Einhaltung der Nachtruhe. Der Ton wird rauer. Im Magazin "Nacht-Zähne" schreibt der Schwarze-Schaf-Betreiber Thomas Gehrmann 1990 über die Auseinandersetzung mit Anwohnern: "Weit über 300 Anzeigen in einem Monat. Eine ?stolze' Bilanz!!! Kaltes Wasser aus dem dritten Stock auf ahnungslose Gäste. Eine mutige Tat!!! Streifenwagen für nicht stattfindende Schlägereien anfordern. Einfach verantwortungslos!!!"

Aus der Entfernung von dreißig Jahren sagt Gehrmann: "Die Politik hat das Kneipenviertel hingerichtet. Die ständigen Anzeigen haben die Wirte mürbe gemacht."

Wirte kämpfen mit Gülle gegen die Wallraser

Der Niedergang des Ostwallviertels beginnt. Er wird verstärkt durch zwei andere Entwicklungen: Anfang der Neunziger setzt ein Boom der Außengastronomie ein. Die Leute wollen plötzlich draußen essen und ihr Bier trinken. Doch Vorstöße der Ostwall-Wirte, Biergärten entlang des Walls oder im Park hinter dem Museum Ostwall aufzuziehen, bekommen kein Grünes Licht von der Stadt.

Außerdem taucht ein weiteres Problem auf: Die Raser entdecken den Ostwall für sich. Anfang der 1990er Jahre gibt es illegale Autorennen mit Tausenden von Zuschauern. Die Wirte versuchen, die Raser zu vertreiben. Einmal besorgen sie sich hunderte Liter Gülle von einem befreundeten Bauern in Lanstrop und verteilen sie mit Schöpfkellen auf dem Mittelstreifen des Ostwalls, dazu bestreichen sie die Zäune, von denen die Zuschauer gerne die Rennen beobachten mit Mayonnaise und Senf. Doch nichts hilft.

"1995/96 war der Ostwall eigentlich tot"

Von diesen Nackenschlägen erholt sich der Ostwall nicht mehr. Die Betreiber der Kneipen wechseln immer schneller. Es ist eine Abwärtsspirale, meint Gehrmann: "Wenn die guten Wirte gehen, kommen meist schlechtere hinterher." Viele Kneipen bleiben leer. "1995/96 war der Ostwall eigentlich tot", sagt Gehrmann.

Eine Kneipe nach der anderen macht zu. Das merkt auch die Politik. Im Mai 1996 sagt der damalige SPD-Fraktionschef im Rat, Franz-Josef Drabig, dass es falsch gewesen sei, die Ostwall-Kneipenszene austrocknen zu lassen. Rechtsdezernent Dr. Wolfgang Kenneweg sagt, dass der Bebauungsplan für das Ostwallviertel "die Kneipen-Entwicklung blockiert hat".

Doch der schleichende Tod des Kneipenviertels geht unausweichlich weiter. Die letzten Kneipen verschwinden Mitte der 2000er Jahre.

"Alles, was Leben in die Stadt bringt, wird torpediert."

Der Untergang des Ostwall-Kneipenviertels steht exemplarisch für das schwierige Verhältnis Dortmunds zu seiner Ausgehkultur. Das aktuellste Beispiel ist die neue Phoenix-Konzerthalle auf Phoenix-West, gegen die ein Anwohner klagt, auch hier wegen Lärmbelästigung.

Beide Seiten haben ihre Argumente: Die Bewohner, die zumindest nachts halbwegs ruhig schlafen wollen, und auch die Nachtschwärmer, für die ein Quartier wie das Bermuda-Dreieck in Bochum, die Altstadt in Düsseldorf oder das Belgische Viertel in Köln einfach zu einer Großstadt dazu gehört.

Heiko Wasser, der Chronist des verschwundenen Dortmunder Ausgehviertels, hat seine Meinung dazu schon lange gefunden: "Das Ostwallviertel ist fahrlässig und dumm zerstört worden. Alles, was Leben in die Stadt bringt, wird torpediert."

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