Palliativ- und Hospiznetz Dortmund

Sterben muss man nicht allein

Dortmund - 2017 sind 7230 Menschen in Dortmund gestorben. Die meisten von ihnen in Krankenhäusern oder Heimen. Die wenigsten dort, wo sie am liebsten sterben möchten: zuhause. Das Palliativ- und Hospiznetz Dortmund will das Sterben menschlicher machen. Hier erfahren Betroffene, wer ihnen hilft.

Vor 150 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei kaum als 40 Jahren. Im Jahr 2030 werden schon über 13 Millionen Einwohner in Deutschland über 70 Jahre alt sein. Der demografische Wandel baut die Alterspyramide zu einem Konstrukt mit neuen Konturen um. Das Bild von der Pyramide stimmt nicht mehr. Eine interaktive Grafik des Statistischen Bundesamtes führt anschaulich vor Augen, dass die heute 50-jährigen Männer und Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1960 und 1970 die größte Altersklasse bilden. Das hat Folgen für das Sterben in der Stadt:

In den drei Dortmunder Hospizdiensten sind diese noch jungen Jahrgänge längst angekommen. Der Wunsch nach einem würdevollen Tod im Hospiz ist in Dortmund groß. Doch das Angebot in den Hospizstationen reicht nicht aus. Diese Zahlen belegen das:

In Würde zu Hause sterben

Fast zwei Drittel der unheilbar erkrankten Patienten wollen zu Hause sterben. Die Realität sieht anders aus. "2 Prozent sterben in einem Hospiz. 46 Prozent in einem Krankenhaus und 20 Prozent in Altenheimen", sagt der Dortmunder Hausarzt und Palliativmediziner Dr. Martin Pieper über den selten erfüllten letzten Willen. Zugleich spüren die Hospizdienste in der Stadt eine steigende Nachfrage der Patienten und auch der Angehörigen, die das begleitete Sterben in gewohnter Umgebung ermöglichen möchten. Aber mit dieser Situation überfordert sind.

Alexandra Hieck vom "Hospiz am Ostpark" spricht in einem der stets ausgebuchten "Letzte Hilfe"-Kurse vom schleichenden "Strukturwandel der Familie". Dieser Wandel habe über Jahrzehnte auch das Sterben beeinflusst. Das Geburtshaus der einstigen Großfamilie sei längst nicht mehr der Ort, an dem Großeltern oder Eltern sterben. Angehörige leben auch fernab vom Elternhaus ein von Traditionen abgekoppeltes Leben. Dem Sterben eile oft ein "sozialer Tod" Alleinstehender in der Einsamkeit voraus. Ein Tod ohne Familienangehörige. Ohne beste Freunde. Ein Tod, umgeben von Medizintechnik und Hygienestandards in Krankenhäusern oder Heimen.

Palliativmedizin ist keine Sterbehilfe

Palliativmediziner, Hospizdienste, spezialisierte Pflegedienste und Seelsorger stellen Würde und Wohlbefinden der Sterbenden in den Mittelpunkt. Wo Familie fehlt, können gute Freunde und Ehrenamtliche unterstützen. Dr. Martin Pieper über die Vorarbeit in den letzten 15 Jahren: "Die Palliativmedizin hat enorme Fortschritte gemacht. Fachgesellschaften sind gegründet worden. Für Ärzte gibt es Weiterbildungen. Und wir konnten einen Rechtsanspruch auf die spezialärztliche Versorgung durchsetzen. 2015 gab es dann den größten Schritt von allen: Das Hospiz- und Palliativgesetz konnte die Palliativversorgung gesetzlich verankern." Die Palliativmedizin verlängert das Leben nicht. Sie soll den Sterbeprozess gestalten.

Mit Palliativmedizin den Sterbenden ummanteln

"Palliativ" stammt aus dem Lateinischen und meint das "Ummanteln" des Patienten. Dahinter steht in Dortmund ein ganzheitlicher Ansatz, den spezialisierte Hausärzte, Pflegedienste, Hospizdienste sowie Angehörige und Ehrenamtliche verfolgen. Der Patient soll nicht unter Schmerzen, Übelkeit, Atemnot und Angst leiden. Wie der Palliativärztliche Konsiliardienst (PKD) in Dortmund funktioniert und ob Patienten und Angehörige dafür zahlen müssen, erklären Dr. Martin Pieper, die Anästhesistin Anke Schildhauer, die PKD-Koordinatorin Silke Razavi und Robert Kunze vom Pflegedienst Hübenthal in diesem Video. Ihre Aussagen sind ein guter Einstieg in das Thema:

In Dortmund garantieren 16 Palliativmediziner von Montag (7 Uhr) durchgehend bis Freitag (14 Uhr) die ärztliche Versorgung der Sterbenden. Sie machen das nicht, weil sie damit das große Geld verdienen. "Wir sehen die Notwendigkeit. Wir wollen das", begründet Anke Schildhauer die Initiative. Die palliative Versorgung muss ein Arzt verordnen. Wie ein Medikament. "Sie ist keine Sterbehilfe", stellt sie klar. "Wir behandeln die Symptome, die uns der Patient zeigt. Bei Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot und Angst sind wir an einem Punkt, an dem wir palliativ arbeiten." Die Kommunikation mit dem Patienten und Angehörigen sei dabei enorm wichtig.

Dortmund Vorbild für Deutschland

Der Qualitätsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Dr. Alexander Graudenz, sieht im PKD eine Vorbildfunktion für ganz Deutschland. Denn der Konsiliardienst integriert die Dortmunder Hausärzte in seine Arbeit. Das ist nicht in allen deutschen Städten oder Landkreisen so. In Dortmund erreicht das Palliativ-Netzwerk Dortmund pro Jahr zwischen 1600 und 1800 Patienten und deren Angehörige. Pro Monat berät der Dienst rund 40 Bürger. Tendenz: steigend.

Wer den Palliativärztlichen Konsiliärdienst anruft und Hilfe für einen Sterbenden in Anspruch nehmen möchte, stößt auf die Koordinatorin Silke Razavi. Sie hat das Dortmunder Netzwerk mit aufgebaut und kann aus dem Vollen schöpfen. Patienten und Angehörige aufklären, Formulare ausfüllen, Anträge stellen, Sorgen und Nöte erkennen, den nächsten Palliativarzt einschalten, Hilfsmittel beschaffen und Entlastung organisieren - die examinierte Krankenschwester vermittelt in aller Kürze ein Wissen, dass sich Angehörige oder Sterbende in einer schwierigen Zeit mühsam zusammensuchen müssten.

Angehörige entlasten

Das Palliativnetzwerk verfolgt einen stark ausgeprägten Dienstleistungs-Gedanken: Angehörige sollen sich nicht mit den großen organisatorischen Aufgaben beschäftigen müssen. "Ich sage den Angehörigen immer: Wir übernehmen die gesamte Organisation." Selten bekommt das Netzwerk eine Rückmeldung. Aber Silke Razavi spürt genau, wie entlastend die Arbeit auf Angehörige und Sterbende wirkt.

So gut spezialisierte Mediziner, Pflegedienste, Hospize und Ehrenamtliche in Dortmund auch arbeiten: Nicht immer können sie alle Probleme lösen. Dr. Anke Schildhauer über einen besonderen Mangel: "Es gibt viele Fälle, in denen benötigen wir Psychologen. Wenn es schnell geht, bekommen wir mit guten Kontakten in drei bis vier Wochen einen Termin. Sonst erst in sechs Monaten. Doch dann ist der Patient schon tot."

Im Alltag erkennen die Mitarbeiter des Palliativnetzwerkes immer wieder, wie wertvoll ihre Arbeit ist. Das zeigte sich auch, als eine Dortmunderin ihren Ehemann vom Pflegeheim zurück nach Hause holen wollte. Das Pallaitiv-Netzwerk nimmt ihr die Organisation ab, stellt den Kontakt zu einem Pflegedienst her, vereinbart die Hausbesuche des Arztes und informiert über Hilfsmittel. Es war nur ein Wort, das Silke Razavi reichte:

"Danke".

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