Ein Pferd alleine zerstörte den Bunker

"Es war nur noch ein Trümmerhaufen, alles war platt"

Dortmund - Eleonore Engelbert, 1927 geboren. Erlebte, wie Toten die Schuhe gestohlen wurden.

In Marten bin ich geboren, da habe ich auch den Krieg erlebt. Die Kriegsjahre waren überall gleich. Ängstlich.

Durch den Luftzug hin und her geflogen

Mein Vater war Soldat. Er war Österreicher, hat sich aber einbürgern lassen. Er hat dann die Gefangenen überwacht und immer Butterbrot mitgenommen, weil die so wenig zu essen hatten.

Ich habe in Dortmund gearbeitet. Bei Fliegeralarm sind wir in den Bunker am Körner Platz. Das waren so viele Stufen runter. Bei einem Angriff sind wir vom Luftzug immer hin und her geflogen. Ich weiß auch nicht mehr, wo der herkam. Wir haben uns immer festgehalten. Als wir nach dem Angriff am Körner Platz raufkamen, lagen da alle Toten.

Im Bunker saßen sie eng zusammen

Da hat eine Frau versucht, einer Toten die Schuhe auszuziehen. Das konnte man gar nicht begreifen. Sie war tot. Aber sie selber hatte keine Schuhe. Die hat gedacht, die Tote braucht ja keine mehr. Wir saßen im Bunker immer ganz still. Eng aneinander gekuschelt. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern, deren Mann gefallen ist, gab ihre Kinder nicht her. Sie hielt sie immer fest.

Ich denke nicht mehr oft daran. Heute geht es mir gut.

Heiligabend mit ein paar Kerzen

Oft waren wir auch hier in Marten im Bunker. Auf der Martener Straße war eine große Zechenhalde. Die Männer haben da Erde rausgeholt und alles abgestützt. Und als nach dem Krieg oben auf dem Bunker ein Pferd eingestürzt ist, war der Bunker weg. Wir fühlten uns im Bunker immer sicher, bis das Pferd eingebrochen ist.

Einmal waren wir an Heiligabend 1944 im Bunker. Da waren kleine Kinder. Wir haben Tannenzweige genommen und zumindest drei oder vier Kerzen angemacht - und die Kinder haben sich gefreut. Mein Bruder war neun Jahre jünger als ich, der saß im Rollstuhl. Den musste man immer in den Keller tragen.

Mit Lockenwicklern in den Keller

Meine Mutter hat immer erst ihre Mutter in den Keller gebracht, dann meinen Bruder. Und als die letzten unten waren, war schon wieder Entwarnung. Der Alarm kam oft. Manchmal zweimal in einer Nacht, manchmal eine Woche lang gar nicht.

Ich habe von 1943 bis 1946 eine Lehre als Friseurin gemacht. Da haben wir die Haare gemacht und die Damen sind immer mit ihren Lockenwicklern bei Fliegeralarm in den Keller meiner Chefin gestürzt.

"Wo ist jetzt was?"

Die Dortmunder Innenstadt hat furchtbar ausgesehen. Es war nur noch ein Trümmerhaufen. Es war schlimm. Alles war platt. Man wusste ja gar nicht mehr: Wo ist jetzt was? Es war eine schreckliche Zeit.

Natürlich hatte ich Angst. Ich war jung.

Meinen Mann habe ich sofort nacht dem Krieg kennen gelernt. In der Tanzschule hat er mit mir den ersten Tanz gemacht. Zu meiner Mutter habe ich gesagt: den heirate ich. Das war Liebe auf den ersten Blick und hielt 59 Jahre. Der war so braun gebrannt. Er war auf Fehmarn in Gefangenschaft.

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