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Unfallfluchten im Kreis Recklinghausen. Von links: Eric Tönnies, Centermamager Palais Vest, Karl-Heinz Henn, Polizei RE, Fiederike Zurhausen, Polizei RE und Olaf Magnusson, Centermanager Marler Stern. 291118, Foto: Thomas Fiekens

Pilotprojekt

Unfallflucht: Polizei testet den „stillen Zeugen“

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Kreis RE - Im Pilotprojekt sollen Briefkästen und Hinweiszettel potenziellen Tippgebern die Scheu nehmen, Ermittlern und Geschädigten zu helfen.

Im Thema ist Eric Tönnies sofort. Bei der Vorstellung eines weiteren Bausteins zur Bekämpfung der auch im Zuständigkeitsbereich der Recklinghäuser Polizei grassierenden Unfallflucht, kann der Centermanager des Palais Vest am Donnerstagnachmittag auf Anhieb eigenes Erleben besteuern: Erst am Vorabend hat ein Autofahrer die Schrankenanlage des Shopping-Centers in der Recklinghäuser Innenstadt demoliert – und ist dann mit hohem Sachschaden hinter sich getürmt.

Für Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen unterstreicht das, dass die Bekämpfung des Phänomens Unfallflucht (s. Info) aller Anstrengungen wert ist – warum also soll man nicht als ungewöhnliches Gegenmittel einen Zeugenbriefkasten testen?

Das Recklinghäuser Präsidium – zuständig für den Kreis RE plus Bottrop mit zusammen rund 735.000 Menschen – hat vier Kooperationspartner gefunden, die beim Test mitmachen. Zeugenbriefkästen werden in den nächsten Tagen in Bottrop (Frischecenter) und Castrop-Rauxel (Real) aufgebaut, ebenso im Palais Vest (RE) und im Marler Stern. Dort gibt es auch Hinweiszettel, die Zeugen ausfüllen und einwerfen können – der „stille Zeuge“ ist ein bewusst niederschwellig gehaltenes Angebot. An diesen Läden und Einkaufszentren gibt es große Parkplätze – der klassische Tatort von Unfallfluchten.

„Wir hoffen, dass sich Zeugen melden, die uns aus welchen Gründen auch immer einen Unfall nicht über den Notruf 110 telefonisch melden wollen. Oder die ganz einfach kein Handy dabei haben. Ohne Zeugenbriefkasten würde die Sache vielleicht vergessen“, sagt Polizeidirektor Karl-Heinz Henn. Er ist Chef der Direktion Verkehr, seine Beamten haben täglich mit Unfallfluchten zu tun – und mit Ausreden der Verursacher. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand nicht mitbekommt, wenn er ein fremdes Auto anrempelt. Und schon gar nicht, wenn jemand offensichtlich verletzt wird.

Ein bisschen Angst ist eingepreist

Macht die Polizei den Verursacher ausfindig, reichen die Sanktionen von Geldstrafen, Fahrboten und drei Punkten in Flensburg bis im Extremfall zur Freiheitsstrafe. „Das kann auch schnell in Richtung Führerschein gehen“, berichtet Henn. Heißt, dass im Zweifel auch die Fahrtüchtigkeit auf den Prüfstand kommt. „Und nach Unfallfluchten muss man damit rechnen, dass Versicherungen unangenehme Fragen stellen.“

All dies muss jeder Unfallverursacher abwägen, wenn er sich aus dem Staub macht – und doch geben viele Gas. Mit dem Zeugenbriefkasten und Plakataktionen beteiligt sich die Recklinghäuser Polizei an der landesweiten Aktion „Unfallflucht ist unfair“ – natürlich erwartet niemand, dass auf Anhieb Zeugenhinweise in Serie in den bewusst öffentlich platzierten Briefkästen landen. Doch sie sollen zugleich auch die demonstrative Drohung darstellen, dass kein Unfallsünder sicher sein kann, unbeobachtet geblieben zu sein. Salopp formuliert: Ein bisschen Angst vor dem „Petzen“ ist ins Konzept eingepreist.

„Ich kann bestätigen, dass wir eine fortschreitende gesellschaftliche Erosion von Regeln erleben, die wir uns aus gutem Grund gegeben haben“, sagt Olaf Magnusson, Centermanager des Marler Stern. Auch er erlebt immer wieder, dass Leute darüber klagen, dass ihr Wagen auf dem Parkplatz beschädigt worden ist. „Das führt am Ende vielleicht sogar zu dem Gefühl: Da will ich nicht mehr hin, weil mir da immer einer reinfährt. Das kann nicht unser Interesse sein.“

-Für Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen spiegeln über die „Blech“-Unfallfluchten hinaus die Taten mit Personenschäden „eine besorgniserregende Entwicklung“ wider. -Seit 2014 (3448 Fälle) stiegen die angezeigten Unfallfluchten um 40 % bis auf 4928 in 2017 an. -Unfallfluchten mit Verletzten: 148 in 2014 und 187 in 2017. Immerhin 70 % wurden aufgeklärt.

Die Schranken-Unfallflucht am Palais-Vest scheint aufgeklärt: Die Polizei teilte gestern mit, dass ein 24-Jähriger als mutmaßlicher Verursacher ausfindig gemacht werden konnte. Schaden laut Polizei: Mindestens 7500 Euro.

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