Wie die Polizei Unfallursachen findet

Warum ein Schulbus gegen die Hauswand krachte

Dortmund - Ein Dortmunder Schulbus kracht im Februar mit 38 Kindern gegen eine Hauswand. Wie kann das passieren? Diese Frage stellt sich die Polizei, rekonstruiert den Unfall und liefert einen Verdacht. In zehn Schritten zur Unfallursache.

Die Unfallursache ist noch unklar, die Ermittlungen der Polizei dauern an. Es sind Formulierungen wie diese, die immer wieder in Meldungen über Verkehrsunfälle auftauchen. Mittwoch, 21. Februar 2018, 7.50 Uhr: Ein Schulbus mit 38 Kindern kracht auf dem Weg zum Schwimmunterricht am Asselner Hellweg gegen eine Hauswand.

Der Schock ist groß. Die Unfallstelle sieht schrecklich aus, doch die Kinder der Wickeder Bachgrundschule hatten Glück, 17 von ihnen wurden leicht verletzt, ebenso der Busfahrer - und kamen mit einem Schock davon. Eine Lehrerin und ein zweijähriges Kind mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Und auch hier ist die Unfallursache zunächst unklar.

Die Polizei ermittelt im monatelangen Prozess

Was nach einem Unfall wie diesem bleibt, ist vor allem eine Frage: Wie konnte das passieren? Das herauszufinden ist die Aufgabe der Polizei.

Sie rekonstruiert Verkehrsunfälle. Die Arbeiten dafür fangen noch an der Unfallstelle selbst an, nehmen ihren Weg ins Verkehrskommissariat zu Zeugenvernehmung und Beweissicherung.

Und das Ergebnis - so könnte es sich abgespielt haben -wird letztlich an die Staatsanwaltschaft übergeben. Die technische Unfallrekonstruktion der Polizei ist die Basis für Gutachten, für Schuldfragen und für die Entscheidung, ob und welche Anklage die Staatsanwaltschaft erhebt. Das Ganze ist ein Prozess, der auch mal Monate dauern kann - Schritt für Schritt.

Schritt 1: Opferschutz direkt vor Ort

Gibt es Verletzte? Wurde schon ein Krankenwagen gerufen? Braucht jemand Erste Hilfe? Fragen, die die Polizeibeamten vor Ort zuerst klären. Die Polizei sichert die Straße ab und versorgt die Personen, bis Krankenwagen eintreffen.

"Opferschutz und Erste Hilfe stehen immer an erster Stelle", sagt Annika Leinweber, Polizeibeamtin im Wach- und Wechseldienst am Präsidium Mitte in Dortmund. Wenn es auf Dortmunds Straßen kracht, ist sie mit ihren Kollegen zur Stelle.

Schritt 2: Das Spurenbild wird gesichert

Die klassische Unfallaufnahme startet: "Wir schauen uns das Schadensbild an. Das kann schon Rückschlüsse auf die Ursache liefern", sagt Leinweber. Wo sind Bremsblockierspuren, wo liegen Splitter und Autoteile und wie stehen die Fahrzeuge? Dort, wo Autos zusammengeprallt sind, sichern die Beamten mit Spurfixfolie Lackspuren.

Ansonsten wird alles mit Kreide auf der Straße markiert und aus allen Perspektiven fotografiert, damit es auch dann noch nachvollziehbar ist, wenn die Autos abgeschleppt wurden. Am Asselner Hellweg zeugen Stunden nach dem Unfall nur noch pinkfarbene Kreuze auf dem grauen Asphalt von dem Szenario. Auf dem Bürgersteig die Kreuze für den Bus, ein Kreis für dem umgefahrenen Ampelmast und auf der Straße viele Kreuze, die markieren, wie andere beteiligte Autos standen.

Schritt 3: Planquadrate teilen die Unfallstelle in Vierecke

Ist die Unfallstelle geräumt, muss die Polizei eine Art Grundriss von der Unfallstelle erstellen. Referenzvierecke beziehungsweise Planquadrate nennt sich das, was sie dafür braucht. Will heißen, dass der gesamte Straßenabschnitt in Vierecke eingeteilt wird, um anschließend noch einmal fotografiert zu werden. "Je erhöhter die Position ist, aus der ich fotografiere, desto größer kann ich die Vierecke wählen", sagt Annika Leinweber.

Bei großen Unfallstellen auf Autobahnen werde alles auch aus Hubschraubern fotografiert. In der Innenstadt sei das eher selten. Aus Augenhöhe fotografiert dürfe ein Planquadrat nicht größer als etwa fünf mal sieben Meter sein. So auch am Asselner Hellweg. Die Vierecke müssen alle Spuren umfassen, ihre Ecken sind mit schwarzgelben Pointern auf der Straße markiert.

Schritt 4: Genaues Fotografieren und Messen für das Programm

Dann geht?s für die Beamten ans Messen. Bei jedem Planquadrat werden alle Seiten und die Diagonalen gemessen und auf einer Papierskizze eingetragen. "Das muss sehr genau sein, damit es später im Programm passt", sagt die 32-Jährige. "Und das ist der Zeitpunkt, bei dem man um eine Sperrung nicht herumkommt. Das kann von 30 Minuten bis zu mehreren Stunden dauern." Ist alles gemessen, wird die Unfallstelle samt Planquadrate fotografiert.

Schritt 5: Unfallmitteilungen oder Anzeige aufnehmen

Ebenso wichtig wie das Bild der Unfallstelle sind für die Rekonstruktion die Aussagen der Autofahrer. In der Unfallmitteilung nimmt Leinweber mit ihren Kollegen Name, Wohnort und Fahrzeugdaten auf.

Immer dann, wenn Menschen verletzt wurden oder wenn eine Straftat begangen wurde - zum Beispiel bei fahrlässiger Körperverletzung oder Fahrerflucht - , wird eine Unfallanzeige geschrieben. In der Regel bedingt das eine auch das andere: Gibt es beim Unfall Verletzte, ermittelt die Polizei meist wegen Körperverletzung und geht von einer Straftat aus.

Schritt 6: Handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat?

Jetzt kommt Thorsten Brüggenthies (47) mit seinen Kollegen vom Verkehrskommissariat ins Spiel. All die Infos zu den Verkehrsunfällen, die Annika Leinweber mit ihren Kollegen vom Wach- und Wechseldienst draußen aufgenommen hat, landen auf den Schreibtischen im Verkehrskommissariat. Handelt es sich nur um Ordnungswidrigkeiten, was bei den meisten Unfällen mit Sachschaden der Fall ist, geht alles weiter an die Bußgeldstelle. Um die Straftaten kümmert sich das Verkehrskommissariat weiter.

Schritt 7: Zeugen melden ihre Sicht schriftlich

"Kein Unfall ist wie der andere", sagt Brüggenthies. Dank der Fotos habe er aber immer einen guten Überblick über die Unfallstelle. Beim Unfall mit dem Schulbus am Asselner Hellweg hatten die Kollegen sechs Fotos gemacht. Mit all den Markierungen reicht das für einen ersten Überblick.

"Das eine ist der objektive Befund: Was stellt man vor Ort fest? Das andere ist der subjektive Befund: Was sagen die Zeugen?", erzählt Brüggenthies. Autofahrer, Beifahrer und andere Zeugen bekommen von Brüggenthies Post - mit der Aufforderung ihre Sicht auf den Unfall schriftlich zu schildern.

Schritt 8:Beweise abarbeiten und Schäden zusammenführen

Thorsten Brüggenthies schaut sich die gesammelten Beweise ganz genau an. "Verschiedene Lackschichten hinterlassen unterschiedliche Spuren. Und man sieht direkt ob jemand gegen eine Mauer oder ein Fahrzeug gefahren ist", sagt er. Die Spurfixfolie nimmt er unter die USB-Lupe - mit 200- bis 800-facher Vergrößerung.

"Die Kunst liegt darin, die Schäden zusammenzuführen. Das heißt: Finden sich Partikel von dem einen Lack auf dem anderen Fahrzeug?" Und roter Lack sei nicht gleich roter Lack. Je nach Hersteller, Modell und Baujahr gibt es große Unterschiede, entsprechend leicht sind Lackspuren den Fahrzeugen zuzuordnen. Das sei vor allem bei Unfallfluchten wichtig. Ebenso wenn es darum geht, ob sich der Sachverhalt so zugetragen hat oder eine Straftat vorgetäuscht wurde? "Hier sitzen häufig Männer, die zu Hause nicht zugeben wollten, dass sie das Auto vor eine Wand gesetzt haben", sagt Thorsten Brüggenthies.

Schritt 9: Leichenschau beim Bestatter

Auch das gehört zu Thorsten Brüggenthies' Aufgaben im Verkehrskommissariat: Sind Menschen bei dem Unfall gestorben, muss er beim Bestatter eine Leichenschau machen. Das ist keine Obduktion. Die Beamten untersuchen den Körper nur äußerlich auf Fremdeinwirkungen. "Die Frage ist ja, ob das Opfer durch den Unfall gestorben ist oder womöglich schon vorher tot war", erklärt er.

Schritt 10: Das Monobild entsteht

Dass die Unfallstelle so aufwendig und genau vermessen und fotografiert wird, hat einen ganz bestimmten Zweck: das Monobild-Verfahren. Aus all den Bildern und Daten kann Melanie Meister im Verkehrskommissariat ein einheitliches Bild, eben ein Monobild, aus der Vogelperspektive erstellen.

Am Asselner Hellweg haben die Kollegen drei Referenzvierecke erstellt. Meister überträgt alle Maße in ihr Programm, markiert die Vierecke auf den Fotos. Auf jedem Foto bilden sich so Linien und Vierecke. Dann wird alles zusammengefügt. "Entzerren", nennt es Melanie Meister. Es entsteht ein Foto der gesamten Unfallstelle aus der Vogelperspektive. "Das hier ist ein Puzzleteil, um die Ursache zu klären", sagt Meister. Es ist die Basis für weitere Gutachten und Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft. Denn es ist das, was vom Unfall bleibt, maßstabsgetreu und detailliert. Auch dann, wenn am Asselner Hellweg schon längst wieder der Verkehr fließt.

Letztlich bleibt die Frage, ob die Beweise für eine Entscheidung bei der Staatsanwaltschaft reichen oder nicht. Erhebt sie also Anzeige oder nicht? Was auf die Beschuldigten zukommt, entscheidet die Staatsanwaltschaft. Die Akte zum Unfall am Asselner Hellweg ging im Mai an die Staatsanwaltschaft.

Der Verdacht auf Körperverletzung in mehreren Fällen stehe im Raum, so Thorsten Brüggenthies. 17 verletzte Kinder, ein verletzter Busfahrer, eine schwer verletzte Lehrerin und ein schwer verletztes zweijähriges Kind. "Wir sagen aber nicht, er oder sie war es. Sondern: So könnte es gewesen sein."

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