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Auch die Firma Baum Zerspanungstechnik beteiligt sich am Marler Projekt „Gewerbegebiete im Wandel“: Jörg Kohlrausch, Gordon Kühl, Melanie Baum, Sam Scharf und Yannick Niemann (v.l.) pflanzen Blütenstauden und Bäume.

Prämie

"Gärten des Grauens": Was tun die Städte im Kreis Recklinghausen gegen Steinwüsten?

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REGION - Gärten des Grauens: Gegen sogenannte Steinwüsten wächst in vielen Städten der Region der Widerstand. Die Stadt Bottrop lockt jetzt sogar mit einer Prämie, um die Bürger zum Umdenken zu bewegen. Und was tun die Städte im Kreis Recklinghausen?

„Nein, Geld können wir nicht anbieten“, heißt es unisono aus den Stadtverwaltungen im Vest. „Aber wir haben das Thema auf dem Schirm.“ So liegen dem Rat der Stadt Recklinghausen zwei Fraktionsanträge von CDU und Bündnis 90/Die Grünen vor, die mehr Blühstreifen und Regeln für Schottergärten vorsehen. „Beschlüsse werden aber frühestens nach der Sommerpause fallen“, kündigt eine Stadtsprecherin an. „Dabei wollen wir uns auch daran orientieren, was die Kommunen in der Nachbarschaft auf die Beine stellen.“

Denn beim Thema Insektenschutz ist Marl einen Schritt weiter: So schließt der Bebauungsplan für das Baugebiet Langehegge/Freerbruchbach explizit Schottergärten aus. Darüber hinaus schreibt der Bebauungsplan für alle Flachdächer eine Dachbegrünung vor. Als vorbildlich gilt auch das Projekt „Grün statt Grau – Gewerbegebiete im Wandel“: In Zusammenarbeit mit der Stadt begrünen Unternehmen ihre Firmenflächen im Gewerbepark Lenkerbeck. Sie pflanzen zum Beispiel Obstbäume oder stellen Bienenkästen auf. Noch bis zum 30. Juni können die Bürger am Wettbewerb für naturnahe Vorgärten teilnehmen. Wert- und Sachpreise winken. Auf Aufklärung setzt die Stadt Herten: Hier wirbt z.B. der Arbeitskreis Grüne Stadt mit Infoständen auf dem Hertener Blumenmarkt oder durch Ausstellungen im Glashaus für die ökologische Gestaltung von Privatgärten.Weiterhin wird im Rahmen des Stadterneuerungsprojekts „Hassel.Westerholt.Bertlich“ seit 2017 ein Vorgartenwettbewerb unter dem Motto „Mach was draussen“ durchgeführt. In den Stadterneuerungsgebieten „Neustart Innenstadt“ und „Hassel.Wes-terholt.Bertlich“ stehen zudem Fördermittel für die ökologische Umgestaltung von Hofflächen zur Verfügung.

Schon 15 Prozent aller Vorgärten sind versiegelt

Um der Versiegelung der Vorgärten einen Riegel vorzuschieben, hat die Stadt Waltrop im Bebauungsplan ihres letzten großen Neubaugebietes „Großer Kamp“ klare Regeln erlassen: Hier dürfen maximal 50 Prozent für befestigte Flächen wie Zuwegungen, Hauseingänge oder Stellplatzflächen genutzt werden. „Der Rest der Fläche müsse begrünt werden, Carports und Garagen sind nicht zugelassen“, heißt es im Bebauungsplan. Ähnliche Vorschriften bestehen in Datteln (max. 60 %) – und in Oer-Erkenschwick wird dies ebenfalls in Erwägung gezogen.

Um Biene, Hummel und Co. einen reich gedeckten Tisch zu bieten, hat sich die Hebewerksstadt überdies das Projekt „Blühendes Waltrop“ ausgedacht: Gemeinsam mit den Schulen und dem Ver- und Entsorgungsbetrieb will Bürgermeisterin Nicole Moenikes einen Teil der öffentlichen Flächen in Blühflächen umwandeln. Rund 3500 Quadratmeter wurden bereits ausgewiesen.

Und warum sind Schottergärten heutzutage so gefragt? 15 Prozent aller Vorgärten – so eine neue Studie des Bundesverbands für Gartenbau – ist bereits unter Pflastersteinen, Kies oder Schotter verschwunden. Auftraggeber seien zum einen Senioren, denen die Gartenarbeit zu anstrengend geworden ist. Vor allem aber kommen die Aufträge von jungen Menschen, die zu wenig Zeit hätten, um sich um ihre Gärten zu kümmern, sagen die Landschaftsgärtner. Trendforscher Ulrich Köhler ergänzt: „Der Kiesvorgarten ist die zeiteffiziente Weiterentwicklung des gepflegten Rasens.“

Vlies stoppt Versickern von Regenwasser

Naturschützer, Stadtplaner und Gartenbauverbände blicken besorgt auf die karg bepflanzten Zonen. „Sie sind ökologisch nutzlos und bieten vielen Tier- und Insektenarten keinen Raum zum Leben“, sagt Katharina Peters vom Verband Gartenbau NRW.

„Oft werden Gifte eingesetzt, um die Fläche frei von Unkraut und Algen zu halten. Die Steine heizen sich im Sommer auf und verhindern so ein Abkühlen der Umgebungsluft“, erklärt sie. Weil unter dem Kies oft auch noch wasserundurchlässige Vliese verlegt werden, fällt die so versiegelte Fläche für das Versickern des Regenwassers aus und belastet zusätzlich das Abwassersystem.

Da ist der Ansatz der Aktion „Grünes Bottrop“ zweifelsohne vorbildlich: Wer einen Garten mit Gras und Blumen, anstatt mit Kies und Steinen dekoriert, erhält dort 30 Euro pro Quadratmeter als Zuschuss. „So werden Schottergärten nicht verboten, sondern die Anwohner zum Nachdenken und Handeln angeregt“, erklärt die Sprecherin von „Innovation City“, ein Modellprojekt, das von Unternehmen wie RAG, Eon, RWE oder Steag getragen wird. Insgesamt stehen 2,6 Millionen Euro bis zum Jahr 2022 zur Verfügung.

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