Premiere

Theaterstück "Die Parallelwelt" spielt in zwei Städten gleichzeitig

Dortmund - "Die Parallelwelt" ist das erste Theaterstück, das in zwei Städten gleichzeitig stattfindet - im Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble. Für die Zuschauer ist das ziemlich verwirrend.

Allein schon nach der Pressekonferenz ist man verwirrt. Da sitzt Kay Voges direkt vor einem, er spricht und gestikuliert, der Klang seiner Stimme ist so klar als spräche er in ein Mikrofon, das sich im gleichen Raum befindet. Doch der Intendant des Dortmunder Schauspiels ist genau in diesem Moment 420,63 Kilometer Luftlinie von den Mitarbeitern und Presseleuten in Dortmund entfernt, sein Konterfei erscheint auf einer riesigen Leinwand, hinter der die Dortmunder Bühne verschwindet.

Viel schlimmer wird es, als dann sowohl in Dortmund als auch in Berlin Kameraleute hinter die Bühne gehen und dort umherfilmen - und alles sieht exakt gleich aus. Was vorher in Oben und Unten auf der Leinwand geteilt war, ist nun nur noch über die Erinnerung zu rekonstruieren: Dortmund war oben, oder?

Die Grundannahme der Schauspielkunst

Voges ist bei der Konferenz genau da, wo sich der eine Teil des Ensembles am Samstag bei der Premiere von "Die Parallelwelt" befinden wird: im Berliner Ensemble, dem goldverzierten Jugendstilhaus mitten in der Bundeshauptstadt. Zum allerersten Mal bricht ein Regisseur auf diese Weise die Grundannahme der Schauspielkunst auf: nämlich dass sich während einer Vorstellung Menschen in einem Raum und in einem Moment gemeinsam dem Geschehen auf einer Bühne widmen.

Walter Benjamin formulierte in seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" vor achzig Jahren dieselben Gedanken und nannte es die "Aura" eines Kunstwerks: das Jetzt und Hier als wesentlicher Faktor seines Daseins, die Einmaligkeit in Zeit und Raum. Ein Film hat demnach keine "Aura", auch eine Fotografie nicht, und erst recht nichts, was bereits digital konzipiert wurde.

Parallel und fast in Echtzeit

In Dortmund stehen nun sieben Darsteller auf der Bühne und in Berlin ebenso viele. Sie werden gefilmt und tragen Mikrofone. Was sie sagen und was die Kameras sehen, wird so gut wie in Echtzeit in der anderen Stadt zu sehen sein, auf einer Leinwand. Die Besucher im jeweiligen Haus sehen neben dem Leinwand-Geschehen das "echte" Geschehen auf "ihrer" Bühne. So ist das Stück, je nachdem, wo man es sieht, trotzdem einzigartig.

Dass die Schauspieler von Anfang an parallel spielen und auch miteinander interagieren, ist möglich, weil die Verzögerung von 0,3 bis 0,4 Millisekunden fast gar nicht spürbar ist - die Macher mieteten eine eigene Glasfaserleitung vom Dortmunder U bis nach Berlin, die außer ihnen niemand nutzt. Die Leitungsstücke von den Rechenzentren zu den Schauspielhäusern legten sie selbst. "Wenn Sie gläubig sind, beten Sie ruhig für uns, dass die Verbindung hält", sagte Voges den "Anwesenden".

"Man muss sich vergewissern, dass der Andere wirklich existiert"

Was eigentlich Anwesenheit bedeute, das stellen sich die Schauspieler und Mitarbeiter seit mehreren Wochen täglich. Voges ist der einzige, der jeden Tag im Zug sitzt, um zum jeweils anderen Ensemble zu fahren. Alle anderen, erzählt der Regisseur, seien sich nach der ersten eineinhalbwöchigen Glasfaser-Probenphase, obwohl sie sich täglich für mehrere Stunden gesehen hatten, überschwänglich in die Arme gefallen: "Man bekommt eine unheimliche Sehnsucht nach Körpern", sagt Voges. "Einfach weil man sich vergewissern muss, dass der Andere wirklich, physisch existiert und nicht nur eine körperlose Stimme und eine Ansammlung von Lichtpunkten auf der Leinwand ist."

Es ist ein bisschen bei dieser Produktion, als verlasse man seine träge physische Hülle, in der man sich seit der Geburt befindet, und begäbe sich in eine Art Zwischenuniversum. Dass das Bühnenbild identisch ist, sich sogar die Chronologie der einzelnen Bilder irgendwann überkreuzt, ist herausfordernd. Es stellt unsere gesamte Wahrnehmung der Welt und die ihr zugrunde liegenden Muster und Annahmen infrage. Es könnte passieren, dass man, wie Alexander Kerlin in Dortmund sagte, nachher raus auf den Hof geht und Leute sucht - die jedoch weit, weit weg sind.

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