Problem auch in Dortmund

Logistik-Dienstleister finden kaum noch Paketzusteller

DORTMUND - Manche Autofahrer, die genervt warten müssen, weil ständig Paketzusteller in zweiter Reihe parken, mögen es vielleicht nicht glauben: Aber es fehlt an Zustellern, auch in Dortmund. Nicht zuletzt, weil die Arbeit hart und vielfach schlecht bezahlt ist. In Dortmund wird daran geforscht, wie Roboter Zustellern künftig helfen könnten.

Alle Welt bestellt Schuhe, Kleidung und längst auch Lebensmittel online - und die Paketzusteller kommen mit der Arbeit nicht hinterher. In der KEP-Branche - Kurier-, Express- und Paketdienstleister - wurden 2016 3,16 Milliarden Sendungen befördert, Pakete für Firmen inbegriffen. Laut Bundesverband Paket & Express Logistik gab es aber vor allem bei den Sendungen an Privatkunden ein großes Plus (13,2 Prozent) gegenüber dem Vorjahr. In 2021 rechnet der Verband mit weit über vier Milliarden Sendungen in Deutschland.

Die Branche sucht händeringend Paketzusteller

Der Markt boomt, und die Branche sucht händeringend Paketzusteller. Selbst die Deutsche Post DHL, die am besten zahlt, tut sich inzwischen schwer, neue Mitarbeiter zu finden, wie Sprecher Rainer Ernzer bestätigt. 150 Paketzusteller sind für die Post in Dortmund im Einsatz, 10 bis 15 sucht sie aktuell.

Dienstleister wie GLS, DPD und Hermes beauftragen vor allem Subunternehmer, die wiederum Fahrer anstellen. Es gebe einen "akuten Fahrermangel", heißt es auf Anfrage von Dienstleister GLS, der keine Zahlen für Dortmund nennt. Anders Hermes, wo Sprecher Ingo Bertram berichtet, dass 320 Mitarbeiter bei "Servicepartnern" (Subunternehmern) Sendungen in Dortmund zustellen. Aktuell seien 20 Stellen unbesetzt, es gebe in Dortmund wie überall einen "zunehmenden Mangel an geeignetem Personal" gerade auf der "letzten Meile". Auf dem Weg zum Kunden.

Job als Paketzusteller ist extrem hart und stressig

Bei immer mehr Paketen ist es kein Wunder, dass den Firmen die Zusteller ausgehen. Klar ist aber auch: Der Job ist extrem hart und stressig. Dr. Sebastian Stütz vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund beschäftigt sich intensiv mit der Branche, er sagt: "Zusteller benötigen nicht nur einen Führerschein, sondern müssen auch ein Gedächtnis für Adressen haben und körperlich belastbar sein - und die Arbeit zu der angebotenen Entlohnung machen wollen."

Bei der Deutschen Post DHL verdienen Paketzusteller als Einsteiger immerhin 2145,88 Euro brutto. Zusteller, die für Subunternehmer von Hermes & Co. arbeiten, bekommen bei einer 40-Stunden-Woche um die 1550 Euro im Monat, schätzt Benedikt Lutter-Gras von der Gewerkschaft Verdi in Dortmund. Die Verträge seien aber ganz unterschiedlich, nicht selten müssten Zusteller deutlich mehr Stunden arbeiten. Unter "sehr schwierigen Bedingungen."

Ein Bericht des WDR deckte im November auf, dass einige für Hermes tätige Firmen Fahrer deutlich unterhalb des Mindestlohns bezahlten. Und erst an diesem Donnerstag gab es eine Zoll-Razzia am Hermes-Depot in Hückelhoven an der niederländischen Grenze: Auch dort wurden bei Subunternehmern unter anderem Verstöße gegen das Mindestlohngesetz festgestellt.

Verdi fordert eine "Generalunternehmerhaftung", dass also Hermes & Co. für die schwarzen Schafen unter den Subunternehmern haften. Bislang erfolglos.

Haustürzustellung "als aufpreispflichtiger Zusatzservice"?

Die Branche sucht weiter neue Zusteller, bei Hermes etwa lenkt man aber auch von sich ab und verweist auf die Kunden: Eine "Null-Versandkosten-Mentalität" wie in Deutschland könne auf Dauer nicht funktionieren, sagt Sprecher Bertram. Man müsse über die verstärkte Nutzung von Paketshops nachdenken, wo Kunden Pakete abholen. Bertram: "Eine Haustürzustellung könnte es durchaus weiterhin geben, dann aber als aufpreispflichtiger Zusatzservice." Ähnlich äußerte sich zuletzt der DPD-Chef.

Auch IML-Wissenschaftler Stütz sagt: "Wir Kunden sind dazu erzogen worden, dass Versenden nichts kosten darf. Wenn wir bereit wären, für den Paketversand mehr zu zahlen, wären es den Dienstleistern auch eher möglich, Fahrern dies durch höhere Löhne weiterzugeben."

Bei der Post ist noch keine Rede von zusätzlichen Gebühren für die Paketzustellung. Hauptziel ist es laut Sprecher Rainer Ernzer, "Pakete mit einem Anlauf zuzustellen". Dafür müssten mehr Kunden das Portal Paket.de nutzen, wo sie steuern können, wann und wohin ihr Paket geliefert wird.

"Kunden werden öfter Pakete an Paketschränken abholen"

Weiterhin ausbauen werde die Post aber auch ihr Netz an Packstationen (derzeit 16 in Dortmund). Und nicht nur sie: Inzwischen gibt es in der Innenstadt auch drei "Amazon Locker" - Stationen, an die man sich Amazon-Bestellungen schicken lassen kann. "Dass Kunden immer öfter Pakete an Paketschränken abholen, wird sicherlich ein Phänomen sein, das uns häufiger begegnen wird", glaubt auch IML-Wissenschaftler Stütz.

Praktisch alle Logistik-Dienstleister beschäftigen sich zudem damit, wie Roboter und Drohnen bei der Zustellung helfen können. Die Post hat im vergangenen Jahr den Roboter "Postbot" getestet: Das 1,50 Meter hohe Gefährt trottet rollend hinter dem Zusteller her und kann bis zu 150 Kilo Sendungen transportieren. Stütz hat 2016 an einer umfangreichen Studie zum Thema mitgearbeitet und sagt: "Paketroboter sind 2030 soweit. Ein Roboter wird aber eher nicht alleine unterwegs sein, sondern hinter dem Zusteller herfahren und ihn unterstützen."

Umfrageergebnis überrascht - Paketboten sind beliebter als die meisten denken.

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