Prozess-Tourist beim BVB-Verfahren

Bernd ist das Volk

Dortmund - Zum Prozessauftakt gegen Sergej W., den Angeklagten im BVB-Bus-Bomber-Verfahren, blieb es auf der Zuschauerbank erstaunlich leer. Bernd B. kam selbstverständlich - er reist seit 45 Jahren zu Prozessen in Deutschland.

Das Volk kommt am Donnerstag in seinen hellbraunen Slippern alleine die schmucklose Treppe mit dem blauen Geländer im Landgericht heraufgelaufen. Vorher hat es sich von Wachleuten abtasten lassen, ist durch einen Scanner gegangen, sein Handy musste das Volk nicht abgeben, denn ein Handy hat es nicht.

Bernd B. ist kein Fan von Borussia, Bernd hat mit Fußball wenig am Hut. Aber Bernd B. hat eine einzige echte Liebe: Prozessbesichtigungen. Wenn die Zuschauer vor den Gerichten der Republik das Volk sind, dann ist Bernd B. das Volk. Heute will er sich Sergej W. ansehen, der wegen 28-fachen Mordversuchs angeklagt ist.

Seit 45 Jahren besichtigt er Justizia

Seit 45 Jahren gondelt der 61-jährige B. durch die Gerichtssäle der Republik. Am Mittwoch hatte er sich in Heidelberg um 16.40 Uhr in einen Bus gesetzt. Mit einer dunkelblauen Stoffhose mit kleinen hellblauen Flecken an den Beinen, in der Hand eine gelbe und annähernd durchsichtige Plastiktüte. In ihr ein bisschen Geld, ein Schlüssel, eine Armbanduhr und was B. eben sonst so braucht, um zu reisen. Es ist nicht viel.

Ein Schnauz im Gesicht und die wenigen Haare an den Seiten kurz, so ist er dann abends in Dortmund ausgestiegen und hatte sich eine Bank gesucht. Konkreter: Den Vorraum einer Bank, um dort zu nächtigen.

Erstaunt über das Erstaunen

Auf erstaunte Nachfrage ist B. ein bisschen erstaunt, dass man das Schlafen in Bankvorräumen erstaunlich finden kann. Das mache er bei großen Prozessen häufiger. Stress, nein, den habe er in den Jahren nie bekommen. Einmal, in Stuttgart, da sei ein Wachmann gekommen und habe ihn aus der Bank heraushaben wollen.

Das Ende dieser Geschichte war dann, erzählt B., dass der Wachmann ihn zu einer benachbarten Bank gefahren habe, in der er dann schlief.

Was ein großer Prozess ist, erfährt er aus Zeitungen. In seiner Stadtbücherei haben sie zehn Zeitungen und die liest B. jeden Tag. Er hat wenig Geld, wovon er lebt, bleibt unklar. Aber viel Zeit ist vorhanden. Wenn keine große Verhandlung anliegt, dann setzt sich B. in die Amtsgerichte im Umfeld, aber das, den Eindruck bekommt man, wenn man mit B. spricht, ist eher eine Ersatzbefriedigung. So wie ein Raucher im allerschlimmsten Notfall noch mal in den Aschenbecher guckt, ob da nicht noch eine Kippe drin liegt, die man noch mal anstecken kann. Heute ist der Tabaksbeutel voll, um im Bild zu bleiben. Vor dem Landgericht steht Sergej W.. Gegen den Deutsch-Russen wird acht Monate nach einem Bombenanschlag auf den BVB-Bus verhandelt.

Ein "Sechser im Lotto"

B. hatte davon in der Zeitung gelesen, er hat kein Telefon und kein Internet, "das", sagt er, "ist alles zu teuer". So ein Prozess sei wie ein Sechser im Lotto, findet er, B. mag die schweren Straftaten. Mord, Totschlag, gerne auch mit Prominenz dabei. In Dortmund war er schon mal.

Damals, 2015, als gegen den früheren BVB-Präsidenten Gerd Niebaum unter anderem wegen Untreue verhandelt wurde. Damals BVB, heute BVB. Was passend für diese Stadt ist, in deren DNA das "Immer wieder aufstehen" mit drei Buchstaben verankert ist. BVB.

B. hat vermutlich keine Ahnung davon, dass seine Besuche in Dortmund ein guter Indikator sind, was hier wirklich wesentlich ist. Er aber denkt in anderen Kategorien. Und das, seitdem er mit 15 Jahren mal irgendwann ein Spiegel-Exemplar in die Hände bekam. Darin ein Foto von einer Frau hinter Gittern und dieses Bild hat in B. das Feuer für die Gerichte dieses Landes entfacht. Wer sich mit ihm unterhält, bekommt erstaunliche Einsichten eines Mannes zu hören, für den Gerichtssäle das Größte sind. Sätze wie diesen: "Ein Anwalt ist nur so groß wie die Straftat, die er verteidigt."

Beim Schlecker, beim Hoeneß und beim "Guschtlmolad"

Man möchte darüber nachdenken, aber B. gerät ins Plaudern. In einem speziellen Dialekt, es ist eine Mischung aus Hessisch, Rheinland-Pfälzisch und Baden-Württembergisch. Schwer zu verstehen und darüber hinaus schnell gesprochen. "Guschtlmolad" sagt B.. Mollath, Gustl, Opfer eines langwierigen Justiz-Irrtums. Hat er sich natürlich angesehen.

"Peggyknobloch." Die neunjährige Peggy Knobloch verschwand im Mai 2001, ein geistig Behinderter wurde 2004 zu einer lebenslangen Haft verurteilt und 2014 wieder freigesprochen. Hat sich B. auch angesehen. "Beim Schlecker" war B., "beim Hoeneß", das sei der größte Prozess gewesen, was den Andrang anging. Der Höhepunkt in all den Jahren aber: Der Fall Monika Weimar. Diese Frau, vom Boulevard "Mutter Weimar" genannt, wurde in einem Indizienprozess 1988 für schuldig befunden, ihre beiden Töchter ermordet zu haben.

Traumfrauen vor Gericht

Das Urteil wurde später aufgehoben, dann erneut bestätigt, aus juristischer Sicht war das alles ziemlich bemerkenswert. Für B., der anmerkt, Kinder zu mögen, war es aus anderer Sicht bemerkenswert. Monika Weimar sei in ihrer Art schon eine Traumfrau für ihn gewesen.

Es gibt Menschen, für die sind Züge einfach Züge. Fortbewegungsmittel. Dann gibt es wenige, für die sind Züge etwas ganz anderes: Ein Grund, an irgendwelchen Bahnhöfen zu stehen und Fotos von ihnen zu machen.

Es gibt Menschen, für die sind Verbrechen Verbrechen. Meist abstoßend, manchmal abgründig. Dann gibt es Bernd B.. Für ihn sind Verbrechen der Grund für Prozesse und da muss er hin. "Die Täter in Natur sehen" will er. Wie schnell es gehen kann, dass aus ganz normalen Menschen Verbrecher werden. Wie dünn, könnte man auch sagen, die Decke der Zivilisation ist.

Anschlag auf BVB-Bus: "Primitiver geht es nicht"

Und hier, in diesem Verfahren? "Primitiver", findet B., "geht es nicht". Lebenslänglich werde es geben. Und wenn bei Ersttätern auch Sicherungsverwahrung möglich ist, könnte Sergej W. die auch bekommen. B. verlässt am Nachmittag Dortmund. Fährt heim. Zu seinem nächsten Prozess. Und das schon länger als lebenslänglich.

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