Raus aus Hartz IV, rein in den Sozialen Arbeitsmarkt

„Ein Gefühl wie auf der Beschleunigungsspur“

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Kreis RE - Dieser Jahreswechsel wird für Wolfgang Müller (Name von der Redaktion geändert) ein ganz besonderer sein. Am 1. Januar 2019 ist er den Stempel „Hartz IV“ endlich los. Der 62-Jährige wird einer der ersten Langzeitarbeitslosen im Kreis Recklinghausen sein, die eine Stelle im neu geschaffenen Sozialen Arbeitsmarkt erhalten – sozialversicherungspflichtig und nach Tarif entlohnt.

500 bis 700 weitere sollen im Laufe des Jahres folgen. Das jedenfalls ist das Ziel des Jobcenters Kreis Recklinghausen.

Müller, seit 2006 arbeitslos, wird als Angestellter der AWO das Hausmeister-Team im Bürgerhaus Süd in Herten verstärken. Dort war er zuvor auch schon in einer zeitlich befristeten Maßnahme als Gehilfe tätig. Der Hertener sagt von sich selbst, dass er ein Händchen für unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten besitzt. Viele Jahre hat er als Bauschlosser gearbeitet, sich dann selbstständig gemacht und ist mit seiner Firma schließlich in die Pleite gerutscht. Das war der Anfang vom (vorläufigen) Ende für den damals 50-Jährigen. „Ich war topfit, aber das wussten die Chefs ja nicht, wenn sie meine Bewerbung sichteten. Die sahen nur auf mein Alter.“

Klaus Uhländer, Geschäftsführer der rebeq, kennt viele solcher Fälle. Denn Qualifizierung und Förderung von Langzeitarbeitslosen ist ein Kerngeschäft der AWO-Tochter. „Darunter sind Menschen, die haben richtig was gelernt, malocht und sind dann durch persönliche Rückschläge in die Arbeitslosigkeit abgerutscht“, sagt er. Mitarbeiter der Jobcenter in den kreisangehörigen Städten haben schon vor Wochen damit begonnen, Kandidaten für den Sozialen Arbeitsmarkt zu identifizieren.

Um in Frage zu kommen, müssen die Bewerber mindestens sechs Jahre Hartz IV bezogen haben. An Interesse und Motivation mangele es nicht, betont Jobcenter-Leiter Dominik Schad. Ohnehin werde niemand zum Mitmachen gezwungen.

In sogenannten Vorschaltmaßnahmen, von mehreren Trägern organisiert, werden die Arbeitslosen auf ein geregeltes Arbeitsleben vorbereitet. „Der Tagesablauf bekommt völlig neue Strukturen“, erläutert Christian Vogt, der bei der rebeq mit der Umsetzung dieser Maßnahmen betraut ist. Die Betroffenen müssten damit erst einmal klar kommen. Ab dem ersten Tag der Arbeitsaufnahme werden die Beschäftigten schließlich von einem Coach sozialpädagogisch begleitet. Dessen Aufgabe ist es, zu vermitteln, wenn es am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld Probleme gibt.

Fünf Jahre Zeit, sich zu stabilisieren

Hartz-IV-Empfänger Wolfgang Müller würde in drei Jahren das Rentenalter erreichen. Trotzdem will er den Hausmeister-Job im Bürgerhaus Süd unbedingt. Zuhause betreut er noch einen zwölfjährigen Sohn. Auch dessen Zukunft hat er im Blick. „Mein Junge soll sehen, dass man für sein Geld arbeiten muss“, betont Müller. Und außerdem: „Nicht mehr auf Hartz IV angewiesen zu sein, da fühlt man sich wie auf der Beschleunigungsspur.“

Der Soziale Arbeitsmarkt kann allerdings nur funktionieren, wenn entsprechend viele Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden. Hier fühlen sich Städte und Wohlfahrtsverbände in der Pflicht. In allen Rathäusern laufen dazu Gespräche. In Datteln hat der Rat bereits die Schaffung von 16 Arbeitsplätzen beschlossen. Allein die AWO will 50 Stellen anbieten. Arbeit gibt es genug. Die Männer und Frauen könnten zur Pflege der Grünflächen eingesetzt werden oder im Offenen Ganztag an Schulen mithelfen. Sie könnten in Kitas mit den Kindern kochen oder alte Menschen aus Seniorenheimen beim Friedhofsbesuch begleiten. Alles Tätigkeiten, für die aktuell keine personellen Kapazitäten vorhanden sind. Die Stellen können bis zu fünf Jahre vom Bund gefördert werden; zunächst zu 100 Prozent, am Ende dann noch zu 70 Prozent.

Das neue Gesetz

Der Soziale Arbeitsmarkt beruht auf einem im November verabschiedeten Gesetz der Bundesregierung zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit. Konkret geht es um den Paragraf 16i („Teilhabe am Arbeitsmarkt“), der neu in das Sozialgesetzbuch II (SGB II) aufgenommen wurde und dauerhaft öffentlich geförderte Beschäftigung ermöglichen soll. Eigentlich verbirgt sich dahinter genau das, was Gewerkschaften, Kirchen und Parteien aus dem Kreis RE im „Vestischen Appell“ bereits seit Jahren fordern: die Einführung eines Sozialen Arbeitsmarktes, der Hartz-IV-Empfängern im Idealfall den Übergang in eine reguläre Beschäftigung ermöglicht. Für die Sozialetats von Kreis und Kommunen wäre das eine willkommene Entlastung. 2019 soll das neue Instrument an den Start gehen. Um es umzusetzen, erwartet das Jobcenter Kreis Recklinghausen im kommenden Jahr 13 Mio. Euro zusätzlich an Eingliederungsmitteln vom Bund. Damit könnten, grob geschätzt, mindestens 500 Stellen im sozialen Arbeitsmarkt geschaffen werden.

Aber wie realistisch ist die Annahme, dass der Weg über den Sozialen Arbeitsmarkt am Ende in Dauerbeschäftigung mündet? Fachleute sehen jedenfalls große Chancen. Die Betroffenen hätten fünf Jahre Zeit, sich zu stabilisieren. Und wenn sie sich bewerben, trügen sie nicht mehr den Makel, aus der Arbeitslosigkeit zu kommen, heißt es bei der rebeq.

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