Hotline völlig überlastet

Impf-Priorisierung von chronisch Kranken sorgt erneut für Chaos bei der Terminvergabe - ein Betroffener berichtet

  • Oliver Prause
    vonOliver Prause
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Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht: Die Entscheidung der Landesregierung, chronisch Kranke bei den Corona-Impfungen zu priorisieren, sorgt erneut für Chaos bei der Terminvergabe. Aber nicht nur die Anrufer sind sauer, sondern auch der Kreis Recklinghausen.

Die Kehrtwende der Landesregierung kam erst am späten Donnerstagnachmittag. Mittels Erlass wollte das NRW-Gesundheitsministerium den Impfzentren mehr Flexibilität ermöglichen und nach laut gewordener Kritik wegen nicht abgerufener Impfdosen für die Über-80-Jährigen nun auch chronisch kranken Menschen eine frühzeitige Immunisierung ermöglichen. Soweit, so gut.

Gut gemeint, ist aber nicht gleich gut gemacht. Denn was sich auf dem Papier sinnvoll liest, führte am Freitagmorgen (26. März) auch im Kreis Recklinghausen zu einem erneuten Chaos bei der Impftermin-Vergabe. Ein Betroffener berichtet von seinen Erfahrungen.

Kein Durchkommen: Um Punkt 8 Uhr sind alle Hotline-Leitungen besetzt

Der 49-Jährige wollte über die vom Kreis RE am 25. März in einer Pressemitteilung publizierte Hotline-Nummer 02361 9709060 einen Impftermin für seinen schwer kranken Vater aus Waltrop vereinbaren. Beim ersten Anruf um 7.57 Uhr teilte ihm die Bandansage jedoch mit, er möge doch ab 8 Uhr anrufen - erst dann sei die Hotline besetzt. Doch auch pünktlich um diese Zeit gab es kein Weiterkommen: „Zurzeit sind alle Plätze besetzt, bitte haben Sie noch Geduld oder schreiben Sie uns eine E-Mail“, hieß es nur vom automatischen „Gesprächspartner“ am anderen Ende.

Doch Geduld wurde in diesem Fall eben nicht belohnt: Nach zehn Minuten flog der Anrufer automatisch aus der Leitung. Auch ein weiterer Versuch endete wieder nach exakt zehn Minuten mit dem abrupten Anruf-Ende und nach derselben lapidaren Erklärung: „Leider sind weiter alle Plätze belegt, bitte rufen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal an oder schreiben Sie uns eine E-Mail an prioimpfung@kreis-re.de.“

Impftermine für chronisch Kranke im Kreis RE: Wer kein Internet hat, braucht viel Geduld

Letzterem kam der 49-Jährige dann zwar nach und bat per elektronischer Nachricht um einem Impftermin für seinen Vater, der seit Jahren an der Lungenkrankheit COPD leidet. Der Frust saß bei ihm dennoch tief nach den vergeblichen Versuchen zu früher Stunde - ohne dabei jemals mit einem „echten“ Hotline-Mitarbeiter reden zu können. „Die Möglichkeit, per E-Mail nach einem Termin zu fragen, lässt andere Menschen sicher ratlos zurück. Denn es gibt immer noch ältere chronisch Kranke, die kein Internet besitzen und auch keine Person haben, die sich auf diesem Weg um ihre Belange kümmern kann.“

Die Recklinghäuser Kreisverwaltung kann die Enttäuschung des 49-Jährigen und vieler anderer Betroffener absolut nachvollziehen. „Aber“, so erklärt Pressesprecherin Svenja Küchmeister auf Nachfrage von 24VEST, „ich bitte gleichzeitig auch um etwas Verständnis für unsere Situation.“

Kreis Recklinghausen wird von der Impf-Entscheidung aus Düsseldorf „überrollt“

Einmal mehr in der Corona-Krise sei man von einer Entscheidung aus Düsseldorf „überrollt“ worden. Zwar habe die NRW-Landesregierung die Änderung an der Impf-Reihenfolge vorab über die Medien kommuniziert - für die Kommunen und Kreise selbst habe es aber keine genauen Informationen diesbezüglich gegeben. „So war bis Donnerstag überhaupt nicht klar, in welchen Zuständigkeitsbereich die Impftermin-Vergabe für chronisch Kranke fallen würde.“

Letztlich blieb die Organisation der zusätzlichen Impftermine nicht an den Kassenärztlichen Vereinigungen hängen, die für die Impfungen der Altersgruppen verantwortlich sind, sondern an den Kreisen und Städten. Und diese müssten nun den Ärger der Bevölkerung über die Unzulänglichkeiten ausbaden.

„Wir tun unser Möglichstes“, sagt Svenja Küchmeister. Dass man überhaupt bereits Impftermine für chronisch Kranke im Kreis Recklinghausen ermöglichen würde, sei keine Selbstverständlichkeit. In einer direkt nach der Entscheidung der Landesregierung anberaumten Telefon-Konferenz der Bezirksregierung hätten Nachbarkreise diese Regelung für sich abgelehnt. „Sie wollen lieber erst die Gruppe Ü80 durchimpfen, bevor die Anderen an der Reihe sein sollen.“ Der Kreis RE habe sich jedoch anders entschieden, weil man die Ängste der Menschen mit chronischen Erkrankungen sehr ernst nehme, erläutert die Pressesprecherin.

Chaos bei der Impftermin-Vergabe: Kreisverwaltung sieht die Landesregierung in der Verantwortung

Dass nun ausgerechnet die Mitarbeiter des Kreises Recklinghausen den Frust der Menschen über die schlechte Erreichbarkeit der Hotline abbekommen, sei sehr schade. „Sie sind der falsche Adressat“ - denn die Fehler seien woanders gemacht worden, so Svenja Küchmeister.

Ihre Kollegin beim Kreis RE, Lena Heimers, erklärt, dass man wegen der überraschenden Kehrtwende aus Düsseldorf sogar „noch kurzfristig Hotline-Kräfte von der Impftermin-Vergabe für die Berufsgruppen abgezogen und an die Impf-Prio-Hotline gesetzt“ habe. Somit hätten dort am Freitagmorgen zumindest sieben Mitarbeiter gesessen.

Überlastete Hotline: 2500 Anrufe in den ersten 50 Minuten

Das reichte aber offenkundig hinten und vorne nicht aus, um alle Anrufe entgegenzunehmen. „In den ersten 50 Minuten haben 2500 Menschen über die Hotline versucht, einen Impftermin für sich oder Angehörige zu bekommen“, berichtet Svenja Küchmeister. Laut Patrick Hund, Leiter des Impfzentrums in Recklinghausen, seien in der Höchstphase über 300 Leute in der Warteschleife gewesen, was für einen Systemabsturz gesorgt habe.

Wer telefonisch nichts erreicht hat, den verweist Svenja Küchmeister auf die E-Mail-Adresse für eine Impf-Priorisierung (prioimpfung@kreis-re.de). „Wir können zwar keinen genauen Zeitpunkt nennen, wann man Bescheid bekommt. Aber jede E-Mail wird nach chronologischem Eingang bearbeitet.“ Weiter verspricht die Pressesprecherin: „Auch am Wochenende sind unsere Mitarbeiter im Einsatz für eine zeitnahe Terminvergabe.“ Und Patrick Hund ergänzt: Nur heute bis zehn Uhr sind über 900 neue E-Mails eingegangen.“

Impfzentrum Recklinghausen: Fast 100 Menschen am Freitag ohne Termin

Grundsätzlich solle man aber wirklich nur mit einem Termin zum Impfzentrum in Recklinghausen kommen, bittet Kreisverwaltung. Jeder, der ohne Termin das Impfzentrum aufsucht, müsse abgewiesen werden und werde nicht geimpft. Bis 10 Uhr seien das alleine am heutigen Freitag fast 100 Menschen gewesen.

Auch die ersten Personen aus der Prio-Gruppe 2 können sich nun gegen Corona impfen lassen. Doch nicht jeder aus dieser großen Gruppe ist sofort dran.

Rubriklistenbild: © Montage: 24VEST

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