Ben Redelings am Donnerstag in Dortmund

Der Geschichtenerzähler sagt: "Der Fußball ist unkaputtbar"

Dortmund - Geschichten über den Fußball zu erzählen, ist Ben Redelings' Berufung. Seit Jahren sammelt er Anekdoten. Die schönsten erzählt er am Donnerstag in Dortmund-Mengede. Und ein paar auch in diesem Interview.

Ben Redelings ist Bochumer. Als Mensch. Und als Fußball-Fan. Eigentlich wollte er mal Lehrer werden, dann entschied er sich aber doch für den Fußball. Er arbeitet als Journalist, Autor, Filmemacher und Moderator. Im Fußballmuseum moderiert er das Fußballquiz, das bis jetzt jedes Mal ausverkauft war. Am Donnerstag erzählt er im Amtshaus in Dortmund-Mengede die schönsten Geschichten zu 55 Jahren Bundesliga. Und ein neues Format in Dortmund steht in den Startlöchern. Wir haben den Tausendsassa interviewt.

Sind Sie besessen von Fußball?

Es gibt Momente, wo ich glaube, dass ich besessen bin und dann gibt es Momente, wo ich mit dem Fußball so wenig wie möglich zu tun haben möchte, weil mich bestimmte Sachen gerade abstoßen. Da denke ich dann: Es wäre ganz gut, wenn du ein wenig mehr Distanz hättest. Aber insgesamt ist es schon so, dass ich ohne Fußball im Leben wohl nicht mehr auskommen könnte - und das ist auch gut so.

Was sind das für Momente, wo Sie gerne mehr Distanz hätten?

Die Bundesliga ist mittlerweile ein Amüsierbetrieb der gehobenen Sorte geworden. Das merkt man nicht nur an den extravaganten Darstellern, sondern auch an deren leicht divenhaftem Verhalten.Es macht immer noch sehr, sehr viel Spaß. Aber das Freundetreffen und das Bier dabei ist mittlerweile fast genauso wichtig wie das Geschehen auf dem Rasen.Und irgendwoher muss das ja kommen. Es könnte die fehlende Nähe sein, die von vielen beklagt wird, die schon seit den 70er-, 80er-Jahren dabei sind. Da wusste man, dass Stars Stars sind, aber diese doch zum Anfassen waren. Vielleicht sind das so Momente, wo man denkt: Es gab mal schönere Zeiten.

Es wird gerade viel diskutiert, über Montagsspiele, Ablösesummen, streikende Spieler. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ich beklage schon sehr lange, dass da eine Entwicklung ist, die wenig Spaß macht. Ich habe 2006 einen Film gedreht: "Wem gehört das Spiel?". Damals haben wir geglaubt, dass das Ding kurz davor ist, gegen die Wand zu fahren. Und letztendlich war die WM 2006 der Katalysator dafür, dass das noch mehr ausgeufert ist, noch mehr Geld in das System gepumpt wurde und man sich noch mehr entfremdet hat.Ich habe fast keine Lust mehr, mich darüber zu beklagen. Ich nehme das alles selektiv wahr, picke mir die Rosinen heraus und genieße das Ganze. Ich versuche, das Drumherum auszublenden, weil ein Protest, das habe ich schon früh gelernt - wir haben die Montagsspiele ja schon vor vielen Jahren in der 2. Liga beklagt - nichts bringt und nichts ändern wird. Man muss sich eben selbst als Fußballbetrachter ein bisschen anpassen.

Aber geht dem Fußball dadurch nicht etwas ganz Essenzielles verloren, nämlich die Leidenschaft?

Ich habe letzte Woche das Spiel Real Madrid gegen Paris Saint Germain gesehen. Eigentlich ist es vom Drumherum das Abstoßendste, was es momentan im Fußball gibt, sich diese beiden Mannschaften anzugucken. Ich bin auch mit dieser Meinung dareingegangen. Und ich muss sagen: Es war eins der schönsten, besten Spiele der letzten Jahre. In dem Moment, wo man ein Spiel genießt, kann man das Drumherum komplett ausblenden. Und ich glaube, das ist auch das, was den Fußball zu diesem Faszinosum macht: Er ist unkaputtbar. Das ist das Schöne wie auch Erschreckende.

Woher kommt Ihre persönliche Leidenschaft für den Fußball?

Das ist sehr klassisch bei mir gelaufen. Ich bin an der Hand des Vaters schon mit vier, fünf Jahren ins Stadion geschleust worden. Ich bin im Schatten des Ruhrstadions groß geworden. Als Fünfjähriger habe ich dieses grünliche Schimmern der Flutlichter hinter den Bäumen gesehen und wusste: Da willst du hin. Der VfL Bochum hat es mir aber dabei über all die Jahre nicht leicht gemacht, weil die Erfolge ja nicht da sind.

Anfang des Jahres haben Sie in Ihrer Kolumne für N-Tv einen berührenden Abschiedsbrief an Ihren Vater veröffentlicht. Haben Sie die Begeisterung für den Fußball von ihm bekommen?

Ja, definitiv. Von meinem Vater und von meinem Bruder.Mein Vater ist Anfang des Jahres gestorben. Er war über vier, fünf Monate schwer krank. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass der Fußball noch viel, viel mehr sein kann, als das, was ich bisher immer angenommen hatte.Wir haben in der Zeit der Krankheit häufig versucht, schlechte Situationen damit zu überbrücken, dass wir auf das Thema Fußball gewechselt sind. Da haben wir uns blind verstanden. In dem Moment, wo klar war, es gibt kein Zurück mehr für ihn, haben wir auch nicht mehr über Fußball geredet. Da habe ich begriffen, wie wichtig der Fußball für unser Verhältnis war und wie entscheidend das uns beide geprägt hat. Es war sehr schwer zu rekapitulieren, dass etwas vorbei ist.

Sie haben Ihre Gefühle öffentlich gemacht. Wie waren die Rückmeldungen?

Ich wollte meinem Vater das eigentlich schon zu Lebzeiten geschrieben haben. Das war aber völlig unmöglich. Ich habe auch bei der Beerdigung nicht sprechen können. Für mich war das etwas, das ich für mich selbst schreiben wollte. Das hört sich blöd an, wenn man es dann als Artikel veröffentlicht. Ich wollte meinem Vater auf diese Art und Weise danken und ihm, sagen, wie wertvoll er in meinem Leben war. Und interessanterweise war es dann der Fußball, der im Text im Fokus stand. Es war bewegend, wie viele Leute daran Anteil genommen haben und das auch nachvollziehen konnten.

Was lieben Sie am Fußball am allermeisten?

Was ich wirklich total liebe, was aber auch ein Klischee ist, ist, dass der Fußball verbindet. Du kannst ans Ende der Welt fahren und du triffst fremde Menschen, die auch Fußballfans sind. Und dann spürst du ein unsichtbares Band, das aber wirklich da ist. Das habe ich so häufig erlebt. Das schafft der Fußball wie nichts anderes auf der Welt. Das ist ganz wertvoll.Das andere ist: Klar, es gibt eine unglaubliche Rivalität zwischen Vereinen, zwischen Fangruppen, aber wenn es hart auf hart kommt, dann ist man in den Farben getrennt, aber in der Sache vereint. Das ist schön. Weit über all das, was man sonst mit dem Fußball an tollen Erlebnissen hat, Siege oder gewonnene Pokale. Aber als Bochum-Fan gab's Pokale nicht so häufig - eigentlich nie.

Ist dieser letzte Punkt vielleicht im Ruhrgebiet ganz besonders bedeutend - die Rivalität der Vereine, aber die Gemeinsamkeit im Fußball?

Viele Leute beneiden uns um diese Dichte der Fußballkultur, die wir hier im Ruhrgebiet haben. Klar, es gibt die Schalker, die Dortmunder, die Essener, die Bochumer, die Oberhausener, die Wattenscheider. Eigentlich müssten die sich immer, wenn sie sich in der Kneipe treffen, auf die Fresse hauen. Aber das kann man ja gar nicht durchhalten im Ruhrgebiet (lacht). Fußball ist das, was uns verbindet. Das ist doch faszinierend.

Sie vermitteln Ihr Fußballwissen mit viel Humor. Nehmen wir den Fußball im Allgemeinen viel zu ernst?

Ja, von meiner Seite aus auf jeden Fall. Man muss aber differenzieren. Es gibt für mich eine Ausnahme, wo ich wirklich bitterernst bin. Das sind die 90 Minuten im Stadion. Da muss es volle Rivalität geben können und da muss man sich auch die unflätigsten Sachen an den Kopf werfen dürfen. Aber vor und nach den 90 Minuten spielt das alles keine Rolle mehr. Da kann auf dem Platz passiert sein, was will, die Fans müssen sich die Hand geben und beim Bier wieder zusammenstehen können. Wer das nicht kann, dem spreche ich den Sinn für das Wahre des Fußballs ab.

In Ihrem Programm erzählen Sie etliche Anekdoten. Verraten Sie eine Ihrer Lieblingsanekdoten?

Es gibt eine Lieblingsanekdote von mir, die mit Dortmund zu tun hat und prägnant für den Wandel des Fußballs ist: 70er-Jahre, Bundesliga. Willi Ente Lippens im schwarzgelben Trikot hat den Ball am Fuß und neben ihm läuft der Schiedsrichter Walter Eschweiler und irgendwann ruft der zu Willi Ente Lippens rüber: "Wilhelm, ich glaube, deine Frau betrügt uns."

Ist es schwieriger, heute solche Anekdoten zu sammeln?

Ja, es ist fast unmöglich. Sehr, sehr wenig dringt nach draußen. Journalisten haben es echt schwer, wenn sie Interviews mit Spielern führen. Die werden autorisiert und von Medienabteilungen und Beratern manchmal bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Es wichtig, dass die Leute das wissen, damit sie nicht denken, dass die Spieler so schlicht und nichtssagend sind. Das wird aus ihnen gemacht. Es laufen da sicherlich haufenweise gute Typen rum, nur, wie kennen oder erkennen sie nicht.

Wo haben Sie zuletzt noch solche Anekdoten gefunden?

Ein Typ wie Jürgen Klopp fehlt in der Bundesliga. Er ist einer der Letzten, der noch sehr unbefangen agiert hat. Der gerne mal auf einer Pressekonferenz sagte: Ich muss jetzt aufstehen und für kleine Jürgen Klopps verschwinden. Und dann sagte einer: Du kannst ja wieder kommen. Und er sagte: Nee, da wo ich jetzt hingehe, da will man danach nicht wiederkommen,Jürgen Klopp ist klasse. Der hat auch 2011 beim Titel mit Dortmund den schönen Satz gesagt: "Wenn du das Glück an dem Tag eingesammelt und in die Welt rausgeschossen hättest, dann hätte noch ganz China gegrinst." Das ist so ein Satz, denn kannst du in 1000 Lebenssituationen zitieren. Ach ja, Jürgen Klopp...

Den vermissen sie in Dortmund alle...

Ja, das ist ja auch total nachvollziehbar. Wir haben Dortmund immer beneidet um den Trainer. Aber ich denke, er wird wiederkommen in die Bundesliga. Relativ weit südlich in der Republik wahrscheinlich.

Sie moderieren im Fußballmuseum gemeinsam mit Matthias Scherff von Radio 91.2 sehr erfolgreich das Fußballquiz. Es ist jedes Mal ausverkauft. Worin erklären Sie sich den Erfolg?

Es ist ein bisschen wie "Wer wird Millionär?" in Kneipenatmosphäre. Man ist mittendrin, isst einen Burger, trinkt ein Bier und hat drei Stunden in fröhlicher Runde. Es macht einfach wahnsinnig Laune.

Gab es eine Frage, die bislang keiner beantworten konnte?

Die Fragen denk ich mir alle aus. Da ist auch der ein oder andere humorvolle Schlenker dabei. Und einige Fragen sind bewusst so gewählt, dass sie nur eins von 20 Teams beantworten kann. Aber sagen wir mal so: Die Trefferquote war sehr gering, als wir die einfache Aufgabe gestellt haben: Bitte buchstabiert einmal Lukasz Piszczek.

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