Reihe: "Sonntagsgericht"

Wenn dem Übersetzer einfach keiner zuhört

Gerichtsreporter Jörn Hartwich hat schon viele kuriose Szenen erlebt. Doch eine Situation im Prozess gegen einen alten SS-Wachmann war an Absurdität kaum zu überbieten.

Dieser Prozess gehört zweifelsfrei zu den wichtigsten des Jahres. In Münster ist zurzeit ein 94-jähriger Mann aus dem Kreis Borken angeklagt, der als Teenager und junger Erwachsener SS-Wachmann im KZ Stutthof war.

Dort, in der Nähe von Danzig, soll er bei der Ermordung Hunderter Gefangener geholfen haben. Was er bestreitet. Aufgespürt hat ihn der Dortmunder Staatsanwalt Andreas Brendel, den viele nur den "Nazi-Jäger" nennen. Er selbst ist jetzt als Anklagevertreter vor Ort.

Korrespondenten aus aller Welt

Und weil es einer der letzten Nazi-Prozesse sein könnte, der vor einem deutschen Gericht verhandelt wird, richtet sich der Blick der Welt in diesen Tagen auch ganz besonders intensiv nach Münster. Die Berichte der Nachrichten-Agenturen werden ins Spanische, ins Polnische, ins Englische und in weitere Sprachen übersetzt. Die englische Tageszeitung "The Times" hat einen eigenen Korrespondenten vor Ort, genau wie "De Telegraaf" aus Holland und der Fernsehsender "Channel One Russia".

Außerdem haben sich dem Prozess 17 Nebenkläger angeschlossen - darunter Holocaust-Überlebende aus Israel und den USA. Vor Gericht werden sie allerdings von ihren Anwälten vertreten, weil die Anreise nach Deutschland zu beschwerlich ist.

Vier Übersetzer vor Ort

Trotzdem hat sich das Gericht perfekt vorbereitet. Es könnte ja sein, dass trotzdem mal einer der Nebenkläger in Münster auftaucht. Für diesen Fall wurden im Schwurgerichtssaal extra zwei "Sprecher-Kabinen" aufgebaut, in der jeweils zwei Simultan-Übersetzer sitzen. Einmal für Hebräisch, einmal für Englisch. Zwei natürlich, damit sie sich abwechseln können. Vorne gibt es natürlich eine Scheibe, durch die die Dolmetscher alles sehen können, was im Gerichtssaal passiert.

Es ist aber auch interessant, mal hineinzusehen. Dann nämlich blickt man in die hochkonzentrierten Gesichter von Menschen, die unablässig reden. Weil ja auch jeder noch so kleinste Hinweis aus dem Gerichtssaal übersetzt werden muss.

Niemand hört zu

Aber für wen eigentlich? Das Kuriose an der ganzen Situation ist nämlich, dass niemand da ist, der ihnen zuhört. Kein einziger. Die Nebenkläger aus Israel und den USA waren ja nicht da. Die Übersetzer hätten sich also eigentlich gelassen zurücklehnen können. Warum sie das nicht getan haben, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Dass das natürlich nicht so richtig Sinn macht, haben die Richter allerdings auch gemerkt. Für den nächsten Verhandlungstag wurden die Übersetzer erst mal beurlaubt.

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