Schauspiel

Im Stück "realReality" gibt es keine Zuschauer

Im interaktiven Schauspiel-Stück "realReality" steuern die Besucher den Darsteller - wie in einem Videospiel. Dabei tritt die Menschlichkeit schon mal in den Hintergrund.

Wenn ich sage "spring", dann fragt Anna Kpok nicht mal "wie hoch", sondern springt einfach. Egal wie unsinnig das gerade erscheinen mag. Anna Kpok wird gespielt von Michael Zier und zumindest letzterer ist einwandfrei ein realer Mensch. Bei allem anderen in der interaktiven Gaming-Performance "realReality" im Schauspiel kann man sich über die Realität streiten.

Ich bin "Springen/Ducken". Meine Mitspieler sind "Start/Stop", "Links/Rechts", "Benutzen/Inventar" und "Zoom/Einsammeln". Zu fünft steuern wir mit entsprechenden Sprachkommandos Anna Kpok durch ihre Wohnung der nahen Zukunft, ausgestattet mit maximal individualisierten, smarten Funktionen. Dann läuft etwas schief: Freunde verschwinden zwischenzeitlich und eine künstliche Intelligenz begehrt auf.

Die Illusion des Virtuellen lässt den Schauspieler vergessen

Dass sich ein Schauspiel kritisch mit der Digitalisierung unserer Welt auseinandersetzt, ist nun wirklich nicht neu. Die Handlung des Stücks soll deshalb, und weil sie erheblich von den Spielern gelenkt wird, hier nur eine untergeordnete Rolle spielen. Interessanter ist die Frage: Was macht es mit dem Spieler, selbst in diese Zwischenwelt aus virtuell und real einzugreifen?

Entscheidend zum Erfahren des Virtuellen trägt Michael Zier bei, der Anna Kpok absolut glaubhaft als Videospielcharakter verkörpert: Fast unnatürlich gemscheidige und vor allem fortwährende und sich wiederholende Bewegungsabläufe dürften jeden, der schon mal vor einem echten Computerspiel gesessen hat, sofort an einen animierten Charakter erinnern. Kommt das Kommando "Stop" zu spät, läuft Anna Kpok (beinahe) gegen eine Wand. Kommt gar kein Kommando, steht Anna Kpok leicht wippend und wartend da.

Diese Entmenschlichung des Schauspielers trägt bisweilen Blüten, die nach dem Besuch des Stücks zum Nachdenken anregen: Soll Anna Kpok die getrockneten Mehlwürmer nun essen? Klar. Sollen wir das Videospiel im Schauspiel nun zum dritten Mal neu starten und Anna Kpok noch mal für virtuelle Punkte zum Springen, Joggen und Drehen zwingen? Klar. Der Übergang zum Trollen verläuft fließend.

Ich habe das Gefühl, Anna Kpok ausweichen zu müssen, weil sie mich sonst einfach umrennt. Vermutlich ist das Quatsch. Aber die Illusion des ferngesteuerten Avatars siegt über das Wissen, dass dort eigentlich ein Schauspieler läuft.

Fünf Freunde sollt ihr sein

Auch in der Gruppe entwickelt sich eine Dynamik: Schließlich müssen wir zusammen durch die Handlung navigieren, Aktionen auslösen und kleine Rätsel lösen. Das klappt nur, wenn wir kooperieren.

Durch die großen Freiheiten, die man als Spieler von "realReality" hat, tritt die eigentliche Handlung des Stücks zeitweise in den Hintergrund. Man könnte auch sagen, manchmal ist unklar, was als nächstes passiert - oder eher: passieren soll. Am Ende fügt sich dann aber doch alles zusammen. Die 90 Minuten, die die Performance maximal dauert, könnte man aber wohl auch gänzlich ohne Handlungsstrang in der teilvirtuellen Welt gut verbringen. Zu entdecken und auszuprobieren gibt es genug.

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