Sergej W. vor Gericht

Prozess um BVB-Attentat: Verteidiger will Auswechslung von Staatsanwalt

DORTMUND - Es ist der wohl größte Prozess in der Geschichte des Dortmunder Landgerichts: Acht Monate nach dem Bombenanschlag auf das Team von Borussia Dortmund wird dem mutmaßlichen Attentäter Sergej W. seit Donnerstagmittag der Prozess gemacht. Zum Auftakt hatte die Verteidigung eine überraschende Forderung.

13.25 Uhr: Erster Prozesstag ist zuende

Der erste Prozesstag ist zu Ende. Der Angeklagte will sich vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern. Anwalt Alfons Becker, der den bei dem Anschlag verletzten BVB-Abwehrspieler Marc Bartra vertritt, hat die Zahlung von mindestens 15.000 Euro Schmerzensgeld beantragt.

13 Uhr: Anklage wird verlesen

Der Prozess geht weiter. Oberstaatsanwalt Carsten Dombert bleibt erst einmal auf seinem Platz. Zu der Anregung der Verteidiger ihn vom Prozess abzuziehen, nimmt er so Stellung: "Ich fühle mich nicht befangen." Außerdem übte er selbst massive Kritik an der Verteidigung. Der Vorwurf, dass er einseitig ermittelt habe, sei nicht gerechtfertigt.

Jetzt wird die Anklage verlesen. Darin wird Sergej W. 28-facher Mordversuch vorgeworfen.

12.36 Uhr: Scharfe Kritik der Verteidigung an Staatsanwalt

Verteidiger Carl W. Heydenreich hat noch vor Verlesung der Anklage angeregt, Oberstaatsanwalt Carsten Dombert auszuwechseln. Begründung: Er sei voreingenommen und habe eine "beispiellose Verleumdungskampagne" gegen den Angeklagten geführt. "In keiner deutschen Stadt identifiziert sich die Bevölkerung so sehr mit dem Fußball wie in Dortmund", so Heydenreich. Deshalb laste ein enormer Erwartungsdruck auf dem Prozess.

Richter Peter Windgätter zu der Anregung: "Ich habe keine Kompetenz, den Leitenden Oberstaatsanwalt zu veranlassen, wen er in die Sitzung schickt, und wen nicht." Im Moment ist der Prozess kurz unterbrochen.

12.11 Uhr: Der Prozess hat begonnen

Der Prozess hat begonnen. Sergej W., der Angeklagte, wurde von Wachtmeistern in den Saal 130 des Dortmunder Landgerichts geführt. Es sind kaum Zuschauer im Saal, keiner von ihnen trägt einen BVB-Schal oder ein Trikot.

Dafür sind umso mehr Journalisten da - rund ein Dutzend Kamerateams haben sich vor dem Schwurgerichtssaal positioniert. In den Verhandlungssaal selbst durften aber nur wenige von ihnen. Das Gericht hat eine Pool-Lösung verfügt. Das heißt: Die Kameraleute und Fotografen, die drin sind, müssen ihre Bilder den anderen zur Verfügung stellen.

11.34 Uhr: "Ich möchte sehen, wie so ein geldgieriger Mensch aussieht"

Die Wachtmeister haben den Zuschauerbereich geöffnet. Jeder der rein will, wird durchsucht.

Zuschauer und BVB-Fan Murat Cam (44) aus Dortmund: "Das war ein schwarzer Tag für den Fußball. Ich möchte sehen, wie so ein geldgieriger Mensch aussieht, für den ein Menschenleben bedeutungslos ist. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, was als Nächstes passieren könnte."

Zuschauer und BVB-Fan Gerhard Richter (65) aus Dortmund: "Ich war auf dem Weg in die Kneipe an der Ecke. Ich hatte ja keine Karte. Da kamen mir schon die ersten entgegen und haben gesagt: Das Spiel fällt aus. Ich möchte den Mann jetzt einfach mal sehen. Und versuchen zu ergründen, was für Gedanken dahinter gesteckt haben. Wenn ich selbst BVB-Aktien gehabt hätte, hätte ich die auf keinen Fall verkauft. Ein echter BVB-Fan macht so etwas nicht."

10.43 Uhr: Noch kaum Zuschauer da

Wachtmeister spannen am Eingang des Landgerichts an der Hamburger Straße Flatterband ab - für den erwarteten Zuschaueransturm. Tatsächlich ist aber noch kaum einer da. Um 11 Uhr soll die Tür für Zuschauer geöffnet werden.

10.36 Uhr: Rund 50 Journalisten sind schon vor Ort

Der erste BVB-Fan ist am Landgericht eingetroffen - zwei Stunden vor Prozessbeginn. Er hat einen schwarz-gelben Regenschirm dabei. "Ich erwarte heute gar nichts", sagt er. "Aber nachher müssen wir dann mal gucken, zu welchem Gefängnis er fährt - und dann. . ."

Die ersten Kamerateams und Fotografen sind ebenfalls schon da. Das Dortmunder Landgericht hat den rund 50 Journalisten, die zum Prozessauftakt erwartet werden, einen Presseraum zur Verfügung gestellt, in dem gearbeitet werden kann. Es gibt Kaffee und Wasser.

Vorbericht: Sergej W. ist wegen 28-fachen Mordversuchs angeklagt

Oberstaatsanwalt Carsten Dombert hat Sergej W., den 28-jährigen Deutschen mit russischen Wurzeln, unter anderem wegen 28-fachen Mordversuchs angeklagt.

W. soll am 11. April drei selbst gebaute Splitterbomben in einer Hecke am BVB-Mannschaftshotel "L?Arrivée" versteckt und diese ferngezündet haben, als der voll besetzte Mannschaftsbus gerade zum Champions-League-Spiel gegen AS Monaco abgefahren war.

Die Metallstifte flogen mehrere Hundert Meter weit und beschädigten Häuser und Autos. Auch der Bus wurde getroffen. Abwehrspieler Marc Bartra erlitt einen offenen Bruch des Unterarms und musste noch am selben Abend operiert werden. Ein Polizist, der den Bus auf einem Motorrad begleiten sollte, kam mit einem Knalltrauma in die Klinik. "Er kann aktuell noch nicht wieder arbeiten", sagt sein Rechtsanwalt Boris Strube.

Als Motiv für den Anschlag geht Oberstaatsanwalt Dombert von Habgier aus. Sergej W. soll mit verschiedenen Wertpapieren und Optionsscheinen auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie gewettet haben. Am Tatort gefundene angebliche islamistische Bekennerschreiben entpuppten sich ebenso als falsche Spur wie im Internet verbreitete Pamphlete aus der rechten und der linken Szene.

Sergej W. wurde am 21. April an seinem Wohnort in Rottenburg am Neckar festgenommen. Derzeit sitzt er in Bochum in Untersuchungshaft. Für die Verhandlung werden Journalisten aus dem In- und Ausland am Dortmunder Landgericht erwartet. Für Zuschauer sind 50 Plätze im Sitzungssaal 130 reserviert. Der Einlass erfolgt über einen Sondereingang auf der Hamburger Straße. Beginn der Sitzung ist um 12 Uhr.

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