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Die Konzerte unter Tage lockten viel Publikum an.

Serie

Der tiefste Konzertsaal der Welt

HALTERN - Kulturerlebnisse unter Tage: Der Schacht Haltern 1/2 stellte vor seiner Stilllegung einen Rekord auf.

Auf der dritten Sohle, 1012 Meter unter der Haard, ratterten normalerweise nur die Bergwerksmaschinen, doch in den Sommermonaten der Jahre 2003 bis 2006 erklangen in der Tiefe bei 28 Grad Celsius Werke von Tschaikowsky und Beethoven, Jazz- und Dixieland-Musik. Im Rahmen des Europäischen Klassik-Festivals Ruhr gaben bekannte Musiker Konzerte unter Tage – eine ungewöhnliche Idee der Veranstalter, die jeweils über 1000 Gäste in Begeisterung versetzten. Und die meisten staunten: So hatten sie sich die Welt tief unter ihnen nicht vorgestellt.

Mit solchen Kulturbonbons unter Tage bekamen die Veranstalter sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Schließlich war es der tiefste Konzertsaal der Welt. „Wir Bergleute haben Spaß an der Musik, und wir freuen uns, wenn wir den Gästen wenigstens ein kleines Türchen zum Bergbau öffnen können“, sagte Bergwerksdirektor Horst Sablotny, der gern Gastgeber war.

Das Klassik-Festival Ruhr gibt es immer noch. Doch der Schacht ist dicht, seit 2006.

Hohe Nachfrage

Aber vorher galt es noch einen Mord auf dem Pütt zu klären. Jan Zweyer, gebürtiger Frankfurter und Ruhrgebiets-autor aus Leidenschaft, stellte 2005 im Original-Ambiente seinen Krimi „Siebte Sohle, Querschlag West“ vor. Mit 40 Stundenkilometern rasten seine Fans im Korb hinunter durch 300 Millionen Jahre altes Gebirge, um ihm zu lauschen.

Zweyer hat als ehemaliger Bergbauangehöriger in seinem Leben viele Grubenfahrten unternommen, obwohl er in der Verwaltung arbeitete. Deshalb hat die Untertage-Lesung im Füllort ihn nicht besonders beeindruckt. „Viel mehr beeindruckt hat mich die Anzahl der Zuhörer. Aufgrund dieser Nachfrage habe ich zwei Lesungen hintereinander im Füllort durchgeführt, was ziemlich herausfordernd war“, sagt er im Rückblick. Und weiter: „Ich mache mir aber keine Illusionen: Die vielen Menschen sind nicht wegen mir, sondern in erster Linie deshalb gekommen, weil sich so die Gelegenheit bot, einmal anzufahren. Und das ist doch auch schön, oder?“ Vielleicht ein bisschen untertrieben: Schließlich musste er anschließend so viele Bücher signieren wie noch nie zuvor.

Wirtschaftlich nicht mehr tragbar

Zu den Zuhörern gehörte auch Horst Sablotny, Werksleiter des Bergwerks Auguste Victoria/General Blumenthal. Er war es auch, der im Februar 2006 das Ende der Kohleförderung in der Haard bekannt geben musste. Das Bergwerk Blumenthal, 1977 der Bergbau AG Lippe zugeordnet und 2001 mit Auguste Victoria verschmolzen, werde das Baufeld inmitten der Haard „abwerfen“ und die beiden Schächte verfüllen, diese Entscheidung teilten Sablotny und Produktionsdirektor Wolfram Zilligen bei einer Pressekonferenz in Marl mit. Denn eine Förderung der noch in der Haard lagernden Restkohle sei wirtschaftlich nicht mehr vertretbar.

Auf Haltern 1/2 fuhren zu Spitzenzeiten 800 Bergleute ein; in diesem Bergwerk liefen zwei Abbaubetriebe. Mehr als 15 Millionen Tonnen Kohle wurden im Laufe der Jahre gefördert. Horst Sablotny warb wiederholt für das Bergwerk als Garant eines sicheren Energieversorgers und wichtigen Wirtschaftsfaktors.

Das Ende des 300 Millionen Euro teuren Schachtes auf 15 Hektar Land sah er mit Bedauern. Bundespräsidenten, Kanzler, Minister und ausländische Staatsgäste fuhren hier ein. Die Grube war Bühne für Fernsehübertragungen, Lesungen und Konzerte. All das gehörte somit der Vergangenheit an.

Versprechen von Politikern verpufften

Im März 1980 hatten die Teufarbeiten für das Bergwerk General Blumenthal (Schacht 1/2) in der Haard begonnen. Die gesamte Anlage mit den übertägigen Gebäuden wurde offiziell im September 1985 in Betrieb genommen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker reiste extra an. Er betonte, die Kohle sei ein unersetzlicher Rohstoff für die ganze Bundesrepublik und der Bergbau als großer Arbeitgeber und Ausbilder habe einen Anspruch auf Solidarität.

Versprechen von ranghohen Politikern verpufften allerdings. „Kein Mensch kann ernsthaft wollen, dass die Kohle als heimischer Energieträger ausfällt“, mit diesem Plädoyer für den Bergbau erfreute der Staatssekretär des Bundesumweltministeriums bei einer Grubenfahrt die Führungsriege des Bergwerks. Ein Jahr später, 1988, mussten sich die Bergleute auf Kurzarbeit einstellen. Dennoch blieb die Ruhrkohle AG dabei: Die Nordwanderung geht weiter! Zu diesem Zeitpunkt wurden täglich 10.593 Tonnen Kohle abgebaut.

Karl-Hans Gärtner, Bergwerksdirektor von 1988 bis 1998, schrieb in einer Chronik: „Manch führende Rolle hat das Bergwerk übernommen, wenn es galt, neue Maschinen zu testen oder moderne Techniken einzuführen.“ Er nannte unter mehreren Beispielen die Superlokomotive mit ihren 400 PS: Sie konnte 16 statt 8 Kohlewagen ziehen bei einer Geschwindigkeit von elf Metern in der Sekunde (40 km/h). „Diese und andere Leistungen haben das Bergwerk weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.“ Besuch aus der ganzen Welt kam deshalb zum Schacht, beispielsweise auch der Energieminister von Australien.

Optimismus Anfang der 90er

Die Landesregierung hielt nicht nur in Anerkennung der Leistungen am Bergbau fest. An der Nordwanderung gab es für den SPD-Fraktionschef im Landtag, Prof. Friedhelm Farthmann, nichts zu rütteln, wie er bei einem Besuch in Haltern im April 1990 bekräftigte. Ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor in der Region müsse erhalten bleiben. Zu jener Zeit waren im Kreis Recklinghausen 29.000 Menschen durch den Bergbau an einen Arbeitsplatz gebunden.

Im Dezember 2005 holte das Bergwerk Auguste Victoria/Blumenthal die letzte gewinnbare Kohle aus 1100 Metern Tiefe ans Tageslicht. Alfred Dodot, Abteilungsleiter markscheiderische Öffentlichkeitsarbeit, war selbst acht Jahre auf Haltern 1/2 in der Haard tätig. Er, der heute im Ruhestand ist, sah den Rückzug pragmatisch: „Ein Bergmann ist es gewohnt, sein Revier zu wechseln.“

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