Sind die Haltestellen in Dortmund barrierefrei?

Wo Stufen und Schwellen zum Hindernis werden

Dortmund - Der Ausbau der Haltestellen kommt voran, aber auch in der Stadtbahn sind noch längst nicht alle Anlagen barrierefrei. Eine Expertin rät deswegen: "Vor Fahrtbeginn genau informieren".

Mittags an der Stadtbahn-Haltestelle Möllerbrücke. Ingrid Bange (75) hat sich auf ihren Rollator gestützt und wartet auf den Aufzug. "Vor zwei Monaten hatte ich eine Knieoperation", berichtet die Seniorin. Seitdem sei sie auf die Gehhilfe angewiesen. Ein halbes Jahr werde sie den Rollator noch benötigen. Erst habe man ihr "Stöcke" geben wollen. "Aber damit wäre es für mich noch schwerer, in die Bahn oder in den Bus zu kommen."

Während sie erzählt, öffnen sich die Aufzugtüren und eine Mutter mit Kinderwagen kommt heraus. Ohne Aufzug hätten sie und die ältere Dame erhebliche Probleme, nach unten auf die Bahnsteige zu gelangen bzw. von den Bahnsteigen nach oben. Was wäre die Alternative? Mit dem Rollator oder dem Kinderwagen über die Fußtreppe? Ausgeschlossen. Die Rolltreppe nehmen? Nicht unmöglich, aber schwierig. "Anstrengend" sei das, mit dem Rollator in Bus und Bahn zu steigen, findet Ingrid Bange. "Aber es geht, irgendwie."

Barrierefreiheit nutzt allen

Das Beispiel bestätigt, was Experten schon lange sagen: Barrierefreiheit nutzt allen. Nicht allein älteren und gebrechlichen Menschen. Auch jenen, die wie Ingrid Bange nur zeitweise auf Gehhilfen angewiesen sind. Mütter und Väter, die mit Kinderwagen unterwegs sind und vielleicht noch Einkaufstaschen dabei haben, profitieren von Barrierefreiheit.

Selbst Jüngere, die Reisekoffer schleppen, nutzen lieber den Aufzug als die Rolltreppe. Bis Anfang 2022, so will es das Gesetz, sollen alle Haltestellen von Stadtbahn und Bussen bis auf begründete Ausnahmen barrierefrei ausgebaut sein.

Wir stehen im Bahnhof Möllerbrücke und warten auf den Zug. Zeit, unsere bisherige Testfahrt in Gedanken Revue passieren zu lassen. Wir sind unterwegs mit Esther Schmidt (52) und schauen uns Stadtbahnhöfe an. Sie sitzt von Geburt an im Rollstuhl und fährt täglich mit der Bahn aus der Nordstadt ins Kreuzviertel, wo sie im "Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben" Menschen in Sachen Teilhabe berät.

Gestartet waren wir am Bahnhof Schützenstraße. Der Aufzug ist einer der wenigen, der mit Sprachansagen für Blinde und Sehbehinderte ausgestattet ist. Bis Juni, haben die die Dortmunder Stadtwerke (DSW21) angekündigt, sollen alle 51 Aufzüge Sprachansagen haben. Zug-Ansagen in den Bahnhöfen sollen peu à peu folgen. Und auch die Stadt lässt wissen, dass sie sieben Bahnhöfe und 28 Haltestellen, für die sie zuständig ist, ebenfalls barrierefrei ausstatten will; für insgesamt 2,57 Millionen Euro.

Einfahrt der U47 in den Bahnhof Schützenstraße. Ester Schmidt musste ihren Rollstuhl leicht schräg stellen und so viel Schwung ansetzen, dass der Rollstuhl mit einem dumpfen Poltern im Zug aufsetzte. Der Einstieg verläuft eben nicht glatt und eben, wie wir es an barrierefreien Bahnhöfen erwartet haben. Gerade an älteren Stationen, sagt DSW21, müssen immer noch Höhenunterschiede bis zu zehn Zentimetern überwunden werden. Ist das barrierefrei? "Nö", sagte Ester Schmidt, "aber es ist nutzbar."

Bahnhof Stadtgarten gilt als barrierefrei

Umstieg am Bahnhof Stadtgarten. Weil Esther Schmidt ihren Rollstuhl in der Bahn nicht wenden konnte, musste sie rückwärts raus. Wieder ein hartes Aufsetzen, hinüber zum Aufzug und auf den Bahnsteig der U42. Der Bahnhof Stadtgarten gilt als barrierefrei, aber Esther Schmidt findet Beschilderung und Wege als "unübersichtlich und verwirrend, vor allem für Blinde."

All das schießt mir durch den Kopf, als an der Möllerbrücke der Zug einfährt. Wir nutzen den Bahnhof als Ausgangspunkt für die Weiterfahrt mit der U47 nach Aplerbeck. Wir passieren jene fünf Haltestellen auf der B1, die alle nicht barrierefrei sind und bis 2022 umgebaut werden sollen. Allein an der Kohlgartenstraße müssen Menschen mehr als 30 Treppen laufen. Esther Schmidt mit ihrem Rollstuhl hätte keine Chance, von hier aus in die Bahn zu kommen. Vielen Älteren und Familien mit Kinderwagen geht es ebenso.

Kurze Zeit später erreichen wir die neue Haltestelle Allerstraße in Aplerbeck - und sehen ein Muster für Barriefreiheit. Es gibt in den Boden eingelassene Leitsysteme für Blinde, es gibt zwei Notruf- und Infosäulen, die sowohl von groß- als auch von klein gewachsenen Menschen leicht zu nutzen sind. Auch Blindenschrift ist vorhanden.

Der Übergang vom Bahnsteig in den Zug läuft problemlos. So soll es sein. Wir fahren zurück in die Innenstadt. Unser Fazit: Der Ausbaustandard der Stadtbahnhaltestellen ist insgesamt fortgeschritten, aber noch sehr unterschiedlich.

Dass der Ist-Zustand jedem Menschen eine problemlose Teilhabe am Bahnverkehr völlig ohne Hilfe ermöglicht, so weit würde Esther Schmidt nicht unbedingt gehen. "Ich kann jedem nur raten, sich vor Fahrtbeginn genau zu informieren."

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