Spektakuläre Foto-Ausstellung im MKK

Pieter Hugos Fotos von unserer zerrissenen Welt

Dortmund - Der südafrikanische Fotografenstar Pieter Hugo zeigt im Museum für Kunst und Kulturgeschichte rund 200 Fotos aus mehreren Kontinenten. Sie offenbaren seinen Blick auf eine zerrissene Welt. Wir haben uns die Ausstellung angeschaut und mit Pieter Hugo ein Foto-Interview gemacht.

Pieter Hugo hat das Gesicht, die Größe, den Körperbau, die Tätowierungen eines Wrestlers und die Frisur von Vin Diesel, er könnte auch im Kino mit dem Auto über die Leinwand fliegen und dabei Verfolger erschießen, trockenen Spruch auf der Lippe, verliebte Puppe aufm Beifahrersitz.

Könnte. Was er kann, ist fotografieren, und zwar mindestens so gut wie Vin Diesel rumballern, nur eben in echt, seine Fotos hängen im Museum of Modern Art in New York und in vielen weiteren. Der erste Eindruck trügt oft, bei Pieter Hugo und noch öfter bei seinen Bildern.

Nicht, wie es scheint

Während die Actionhelden ihre halbgescheiten Sprüche knurren, sagt Hugo zum Beispiel: "Auch wenn es sich so anfühlt, als würde ich es schon seit jeher tun, bin ich immer noch schüchtern. Es ist einfacher, einen Fremden zu verprellen, als ihn kennenzulernen. Das Gegenüber muss bereit sein, etwas zu geben. Ich möchte ihm nicht das Gefühl vermitteln, dass das Bild nur durch mein Handeln entstanden ist. Dafür braucht es - und darauf hoffe ich - einen Moment freiwilliger Verletzlichkeit." So zitiert ihn die Webseite der Kölner Galerie Priska Pasquer anlässlich einer Hugo-Ausstellung.

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) zeigt ab Samstag (25.11.) rund 200 Fotos von Pieter Hugo, 13 Serien, überwiegend große Abzüge. Die Fotos und die Weitläufigkeit der Sonderausstellungsräume des MKK tun einander gut, Hugos Bilder sind mit Abstand ebenso wie aus der Nähe spektakulär. Einfach zu fassen sind sie allerdings nicht.

Dem Menschen zugewandt

Durch alle seine Serien zieht sich ein großes Interesse an den Menschen. Hugo sucht und porträtiert die Besonderen: Die Menschen, die mit Hyänen, Affen, Pythons und anderen Tieren in den Städten Nigerias zusammenleben. Die eigene Familie. Blinde und Albinos. Verstörend Entstellte und Kostümierte in Nigeria.

Obdachlose in einem schmutzigen Viertel von San Francisco. Elektroschrottverbrenner in Ghana, deren Arbeit die Luft und den Boden der ganzen Gegend verseucht. Seit er selbst Kinder hat, sind Kinder auch in seiner Arbeit wichtig geworden, wie die Kinder in Ruanda, die Jahre nach dem Völkermord 1994 geboren wurden, aber so ernst schauen, als hätten sie die grauenvolle Geschichte ihres Landes in den Knochen.

Sie sind nicht dokumentarisch

Hugos Bilder sind trügerisch, und er löst nicht alle Zweideutigkeiten auf. Die meisten Bilder sind inszeniert, aber oft sind jene, bei denen man es am stärksten vermutet, es gerade nicht und umgekehrt. Die Einzelheiten der Inszenierung verrät Hugo nicht und lässt den Betrachter zum Beispiel mit der unangenehmen Frage zurück, ob ein junges Mädchen sein knappes Paillettenkleid vorher schon trug oder für das Foto anziehen sollte.

Hugo befragt die Menschen, lernt sie kennen, versucht ihr Leben zu verstehen, und nimmt sich meistens viel Zeit für die Fotos, weil er auf den Moment wartet, in dem der Fotografierte sich öffnet. Bei den Schrottsammlern in Ghana richtete er den Schauplatz des Fotos her und das Licht ein, positionierte sie an den gewünschten Stellen - und wartete, bis er den Moment gekommen sah, manchmal eine Stunde oder länger.

Prägend für die Fotos sind dennoch Hugos Gedanken über die Menschen. Seine Verwunderung, seine Abscheu und Zuneigung, seine Zweifel darüber, was er davon halten soll, was er sieht.

Sie sind doch dokumentarisch

Auch wenn die Bilder selbst oft irreführend sind, erläutert die Ausstellung sie mit Hugos erklärenden Texten.

Die Hyänenmänner in Nigeria sind keine Gangster, sondern halten sich die Tiere, um Aufsehen zu erregen und dann den Schaulustigen ihre traditionelle Medizin zu verkaufen. Die verstörend Entstellten und Kostümierten der anderen Serie sind Schauspieler in der Drehpause im nigerianischen Nollywood, der drittgrößten Filmindustrie der Welt nach Holly- und Bollywood.

Die Knochen- und Schädelhügel in der Serie "Ruanda 2004" sind die Überreste der Opfer des Völkermordes, die auch viele Jahre danach noch nicht begraben worden waren.

Die Erklärungen zu den Fotos bieten viele solcher eindrücklichen Details über Aspekte des Lebens in mehreren Ländern Afrikas.

Sie sind vielleicht dokumentarisch

Andererseits wiederum: Wenn jemand schon bei den Fotos absichtlich mehrdeutig und missverständlich arbeitet, ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Geschichten dazu nicht alle wahr sind.

Spielt eigentlich keine Rolle

Pieter Hugo zeigt in dieser Ausstellung seine Neugier auf die Welt, auch wenn sie weh tut und fassungslos macht. Er fotografiert die Blinden auch deswegen, wie er schreibt, weil ihn das Unbehagen interessiert, das er dabei verspürt, weil sie seinen Blick nicht erwidern können. Die Schrottverbrenner, die Tod verbreiten müssen, um leben zu können. Die Kinder, die so zuversichtlich ihre Welt erforschen, von der er jedoch weiß, wie gefährlich und enttäuschend sie ist.

Wir hängen in der Luft, nichts ist sicher oder einfach, die Welt ist ein abgründiger, unbegreiflicher, erschreckender und schillernder Ort, und wenn du einfache Wahrheiten suchst, tja, schau doch hin: Dann lebst du auf dem falschen Planeten.

Trost verspricht vielleicht der schlicht nicht kleinzukriegende Mut der Menschen sich dagegen aufzulehnen, der aus Hugos Bildern spricht, und ebenso aus Hugos eigener unerschrockenen Suche nach immer neuen Fragen ohne Hoffnung auf Antworten.

Weitere Infos zur Ausstellung gibt es auf der Homepage des MKK.

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