Stellvertretender Landrat

Hilmar Claus ist seit acht Jahren als Botschafter des Kreises unterwegs

Castrop-Rauxel - Kennen Sie den zweiten Stellvertretenden Landrat des Kreises Recklinghausen? Eben. Auf diese Frage werden in Castrop-Rauxel die wenigsten Menschen eine Antwort parat haben. Dabei ist Hilmar Claus Castrop-Rauxeler durch und durch, hat die politische Landschaft der Stadt über viele Jahre mitgeprägt. Aber Landrat? Und was ist das überhaupt?

Wenn man Hilmar Claus längere Zeit zuhört, passiert etwas Ungewöhnliches. Der Mann, der immer eher etwas scheu und zurückhaltend wirkt, dem Kritiker auch aus den eigenen Reihen in der Kommunalpolitik schon mal vorgeworfen haben, dass er mehr den Mund aufmachen sollte, verwandelt sich. Im Gespräch öffnet er sich nach und nach dem Fragesteller, wird lebhafter, engagiert, teilweise fast euphorisch. Die Augen beginnen zu leuchten. Wo man sonst eher nachfragen muss, um Details zu erfahren, redet er sich jetzt warm, erzählt Anekdoten, lacht, strahlt.

Der Mann ist mit seiner Aufgabe offensichtlich zufrieden. Sie gibt ihm viel, das sagt er selbst. Sie hat ihn auch weiter geprägt und ihm viele neue Erfahrungen ermöglicht. Das sagt seine Frau. Sein Amt: Zweiter Stellvertretender Landrat des Kreises Recklinghausen. Ein Ehrenamt, "das für mich kein Job, keine Aufgabe ist, sondern wirklich eine Ehre", so der 1955 in Obercastrop geborene CDU-Politiker. Seit 2009 ist er Stellvertreter von SPD-Landrat Cay Süberkrüb. Der Landrat ist auf Kreisebene das Pendant zum Bürgermeister auf Stadtebene. Also Chef der Verwaltung und politische Führung im Kreistag zugleich. Während der Landrat wie der Bürgermeister direkt vom Volke gewählt wird, werden die beiden Stellvertreter vom Kreistag gewählt. Erster Stellvertreter ist derzeit der SPD-Mann Harald Nübel, Hilmar Claus vertritt die Farben der Christdemokraten.

Privatleben

Geboren ist Hilmar Claus am 23. Januar 1955 in Obercastrop. Hier wuchs er auch auf und ging zur Schule. Früher hat er bei der SG Castrop auch Fußball gespielt, Mittelfeld. "Eher defensiv, viele Tore habe ich nicht geschossen", sagt Claus. Am 16. Dezember 1975 hat er seine Frau Birgit geheiratet, im zarten Alter von 20 Jahren. 2001 hat das Ehepaar Claus das Einfamilienhaus an der Hochstraße gekauft, wo es heute wohnt. Und dafür die erst 1989 gebaute Doppelhaushälfte an der Straße Am Hain (Nähe Gaswerkstraße) verkauft. Sie kehrten damit auch ins Dorf Rauxel zurück, wo sie zuvor schon mal wohnten und wo ihre Kinder Kirsten (heute 41) und Christian (38) die Wilhelmschule besuchten. Von seinem Sohn hat Claus auch zwei Enkel (sechs und zwei Jahre alt).

Kommunalwahl ging krachend verloren

Zum Amt kam er wie die Jungfrau zum Kinde. Völlig unerwartet für ihn. Hilmar Claus hatte 2009 gerade eine Wahl verloren, war als Bürgermeisterkandidat der CDU in Castrop-Rauxel krachend gescheitert. Nicht wenige Castrop-Rauxeler CDU-Aktivisten lasteten Claus damals einen Hauptteil der Schuld an der deutlich verlorenen Wahl an. Er sei zu zurückhaltend mit dem politischen Gegner Johannes Beisenherz umgegangen, sei zu zögerlich, nicht präsent genug gewesen. Er habe sich damals nicht als Kandidat nach vorne gedrängt, "aber die Leute, die dafür infrage gekommen wären, standen auch nicht gerade Schlange". So habe er sich als Stadtverbandsvorsitzender in der Pflicht gesehen. Claus: "Die Wahl war nicht zu gewinnen. Die Stimmung war damals klar für Beisenherz, dem wir auch keine gravierenden Fehler in seiner ersten Amtszeit anlasten konnten. Da war nichts zu holen." Dementsprechend sei er auch nicht zu enttäuscht gewesen, als die Wahl verloren ging. Nur knapp 27 Prozent der Stimmen entfielen damals auf Hilmar Claus. "Für die Parteimitglieder war das nicht toll." Direkt nach der Wahl habe er im engen CDU-Kreis seine Konsequenz gezogen und seinen Rücktritt als Stadtverbandsvorsitzender der CDU angekündigt.

Und dann kam da auf einmal dieser Anruf. Hilmar Claus war allein zu Hause, seine Frau kam erst abends. Am anderen Ende der Leitung Lothar Hegemann, Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag. "Der hat mir gesagt, dass er und einige andere entscheidende Leute in der Fraktion es gut fänden, wenn ich den Posten als Stellvertretender Landrat übernehmen würde", erzählt der heute 63-jährige Claus. In der Erinnerung an das Gespräch muss er lächeln, erst verhalten, dann immer stärker. "Ich habe keine Sekunde gezögert und sofort zugesagt." Lothar Hegemann kommentierte die Entscheidung für Claus seinerzeit gegenüber unserer Redaktion so: "Er wird den Kreis und unsere Partei als stiller und zuverlässiger Arbeiter mit sozialer Ader hervorragend vertreten." Und was sagte seine Ehefrau Birgit damals dazu? Überraschung? "Mein Mann hat in den Jahren so viele politische Ämter gehabt. Nein, überrascht hat mich das wirklich nicht." Und haben dann die Sektkorken geknallt? Aber nein. Und da müssen beide laut lachen. "Das ist auch nicht unser Ding", so Birgit Claus. "Aber für mich war das schon eine Anerkennung meiner politischen Arbeit", fügt Hilmar Claus wieder sehr ernsthaft hinzu. Wusste er denn, worauf er sich einlässt? "Nö, ich hatte keine Ahnung, was der Stellvertretende Landrat so zu tun hat. Habe ich da aber auch gar nicht nach gefragt."

Die unterschiedlichsten Termine

Die Fragen stellte er später, als er zum Landratsbüro gehörte, in dem alle Termine und Aufgaben, die der Landrat und seine beiden Stellvertreter zu übernehmen haben, koordiniert. "Als politischer Vertreter von Cay Süberkrüb musste ich in all den Jahren aber so richtig nur einmal tätig werden, als ich dringende Förderanträge unterschreiben musste. Ich weiß gar nicht, wo der Landrat da war", so Claus. In Abwesenheit des Landrats müssen seine Stellvertreter ansonsten etwa den Vorsitz bei Kreistagssitzungen führen. Die regelmäßigen Aufgaben, bei denen Claus in Vertretung des Landrats tätig wird, sind aber gänzlich anderer Natur. Von der abfälligen Bezeichnung "Grüßaugust" möchte nichts hören, die Mehrzahl seiner Verpflichtungen sind aber eindeutig repräsentativer Art. Das zeigt auch ein Blick in eine Excel-Liste seiner Termine, die Claus parat hat: "Jahresfest Bezirksverband der Kleingärtner, Gemeinschaftsschau Haar und Feder, Kreislandfrauentag, Abschlussfeier PTA-Schule, Reservistenverband, Amtswechsel Geschäftsführer HWK, EU-Partner begleiten, zehn Jahre Startercenter, Unternehmer des Jahres Dorstener Zeitung." Ein sehr kleiner und völlig willkürlicher Einblick in die Terminübersicht.

Schule und Beruf

Nach der Schulausbildung hat Hilmar Claus bei Gewerkschaft Victor Chemielaborant gelernt, wechselte später zur Westfälischen Essenzen-Fabrik nach Dortmund. Dort war er im Labor tätig, wo Aromastoffe entwickelt wurden. Später wechselte er zurück auf die Zeche und Kokerei Erin, wiederum ins Labor. In der Zeit machte er nebenbei noch vier Jahre an der Abendschule seinen Chemotechniker. Im Mai 1984, nach Schließung der Kokerei Erin, versetzte man ihn zum Zentrallabor der RAG nach Wattenscheid. Dort fing er an, die Organische Spurenanalytik speziell für Umweltgifte wie PCB oder PAKs zu entwickeln. 1989 ging es als Fachbereichsleiter nach Wanne-Eickel zum neuen RAG-Zentrallaboratorium. Dort blieb er bis zum Vorruhestand 2009.

"Dahinter verstecken sich tolle Erfahrungen"

"Hinter jedem Termin verstecken sich tolle Erfahrungen", kontert Hilmar Claus die Nachfrage, ob das denn immer so interessant sei, ob es nicht auch Termine gebe, auf die er verzichten könnte. An dieser Stelle geht der Stellvertretende Landrat so richtig aus sich heraus. "Ich habe noch nicht einen einzigen Termin erlebt, bei dem ich hinterher gedacht habe: denn hättest du dir wirklich sparen können. Ich treffe da auf so viele engagierte Menschen, die sich auf ihre ganz einzigartige Weise für ihre Belange und die Belange anderer Menschen einsetzen. Das ist einfach toll, das zu beobachten und den Menschen durch einen Besuch, durch ein paar Grußworte, eine Rede oder viele Gespräche die Wertschätzung des Kreises zu überbringen." Und Claus macht weiter, mit einem Feuer in der Stimme, das man ihm gar nicht zutrauen würde: "Da erlebt man, was das Ehrenamt in unserer Gesellschaft für eine Bedeutung hat. Ohne diese engagierten Menschen würde doch nicht viel klappen, die sind so wichtig."

Das gelte in nahezu jeder Hinsicht. "Die Termine in Marl etwa bei der Ausstellung Haar und Feder, wo Geflügel und Kaninchen gezeigt werden. Da sind 150 Menschen, denen ihre Arbeit, ihr Hobby, ihr Vereinsleben ganz viel bedeuten. Das macht doch Spaß, dabei zu sein." Eine dieser Schauen habe er damals ganz früh nach seiner Wahl 2009 besucht. "Ich habe mich da mit Claus vorgestellt. Daraufhin haben die mir alle die Hand geben und sich als Werner, Karl und so weiter vorgestellt. Das gibt bis heute noch Gelächter, wenn ich da mal wieder auftauche." Er lerne bei diesen Besuchen ganz viel. Etwa über die Bundeswehr, in der er aus Gesundheitsgründen nicht gedient hat, bei einer Widderschau, bei der er sich stundenlang mit Züchtern aus der gesamten Republik unterhalten habe, bei Landwirtschaftsversammlungen und besonders gern bei Terminen mit Feuerwehrmännern in vielen Kreisstädten. "Das wird nie langweilig", betont Claus.

Politische Laufbahn

Er habe sich schon immer sehr für Politik interessiert, erzählt Claus. In die CDU ist er vor 30 Jahren eingetreten. Auslöser dafür war als Person Helmut Kohl, den er bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Dortmunder Westfalenhalle erlebte. Im Ortsverband Rauxel Dorf wurde er schnell Beisitzer im Vorstand, 1989 wurde der Umweltfachmann Claus von der CDU-Fraktion im Stadtrat als Sachkundiger Bürger in den Umweltausschuss entsandt. 1994 folgte das erste Ratsmandat, 1999 leitete er den Wahlkampf des gewählten CDU-Bürgermeisters Nils Kruse und wurde sowohl Fraktionsvorsitzender im Rat als auch Stadtverbandsvorsitzender der Christdemokraten. 2002 begann auch seine Kreistagskarriere, als er für ein ausscheidendes CDU-Kreistagsmitglied - an den Namen kann er sich nicht mehr erinnern - in das Gremium nachrückte. In der CDU-Fraktion war er zeitweise auch als stellvertretender Vorsitzender tätig, zum Teil parallel zur Fraktionscheftätigkeit in Castrop. 2009 trat er als Bürgermeisterkandidat an, trat nach der verlorenen Wahl als Stadtverbandsvorsitzender zurück und trat zur Wahl 2014 nicht mehr für den Rat an. Claus wusste, dass längst nicht alle Fraktionsmitglieder im Rat immer ganz zufrieden mit ihm waren. "Es gab etwa ein Drittel, das dachte: Wann sagt er denn nun endlich was? Und es gab ein weiteres Drittel, das dachte: Hoffentlich sagt er nichts", schätzt Claus das selbst ein. Und fängt schallend an zu lachen. "Und da habe ich gedacht: das tue ich der Partei und mir nicht länger an". Da weiß einer, der sagt, dass man manchmal auch mal die Klappe halten sollte, ziemlich genau um seine Außenwirkung in Partei und wahrscheinlich auch in der Stadt. "Da bin ich konsequent, auch wenn das manche Leute irritiert hat."

Ein Soldat kippt neben ihm der Länge nach hin

Was macht denn besonders Spaß an dem Amt? Da muss Claus nicht lange überlegen: "Die Menschen, denen ich begegne." Die Autofahrten sind es dagegen nicht immer. "Ich könnte einen Fahrer bestellen, aber das liegt mir nicht", sagt Claus. Also fährt er selbst, ist so flexibler, kommt aber eben auch schon mal in zeitliche Bedrängnis. "Bei einer Fahrt zu einem Fliegerhorst in Rheine vor vielen Jahren habe ich mich mal richtig verfahren, stand auf einmal quasi am Hintereingang des riesigen Geländes. Und hatte nur noch zehn Minuten Zeit. Da habe ich schon schwer geschwitzt." Und als er dann endlich im Hangar auf seinem Ehrenplatz saß, kippte ihm genau gegenüber auf einmal ein Soldat, der dort mit vielen anderen strammstehen musste, der Länge nach um. "Und guckte mir dabei noch in die Augen. Wie gesagt, langweilig wird es nie".

Gleich zu Beginn seiner Landratstätigkeit musste er so richtig ran. Der erste Stellvertreter fiel aus und Claus musste dessen Termine mit erfüllen. "Das war schon ne Menge Arbeit damals, das hätte ich mit einem Beruf nebenbei nie schaffen können", erinnert sich Claus an seine Landrats-Lehrzeit. Die Arbeit habe sich inzwischen eingependelt. Mal gebe es mehr, mal weniger Termine. Die spreche das Landratsbüro mit ihm ab. "Ich bin nicht täglich unterwegs, aber das Amt nimmt schon reichlich Zeit in Anspruch. So mancher Termin dauert dann auch schon mal drei oder vier Stunden", erzählt Claus, der sich immer als Gast sieht und so auch verhalten möchte.

Immer wieder mal gebe es Situationen, wo er nicht nur als Botschafter des Kreises, sondern auch als Mensch gefragt und berührt sei. Das sind dann die Glanzlichter der Tätigkeit. Sogar seine Frau Birgit erinnert sich an ein solches Erlebnis, das ihren Mann sehr beeindruckt habe. "Erinnerst du dich an diese Zirkusaufführung?" Das tut Hilmar Claus. Natürlich. "Ja, das war eine Zirkusaufführung in Herten für behinderte Kinder, die da im Zuschauerraum mit ihren Eltern saßen. Da habe ich nicht nur zugeguckt, sondern hinterher noch sehr viele sehr intensive Gespräche geführt, mit Eltern, mit Lehrern. Da geht man nicht einfach raus und ist fertig damit. Das lässt man auch nicht einfach zurück, darüber denke ich noch tagelang nach. Dabei war das gar keine ernste Angelegenheit, da war auch nicht ein einziger Mensch traurig. Die gehen alle toll mit der Situation um, das war schon sehr beeindruckend."

2020 soll nun endgültig Schluss sein

Und wie versteht er sich mit Cay Süberkrüb, dem Landrat? "Wir beide haben sein sehr gutes Verhältnis. Wir duzen uns und haben ein kollegiales Verhältnis. Politik spielt da keine Rolle." Was sagt auf der anderen Seite der Landrat über seinen Vertreter? Cay Süberkrüb: "Als Landrat muss ich mich auf meine Stellvertreter verlassen zu können. Und das kann ich ohne Bedenken - sowohl auf Harald Nübel als auch auf Hilmar Claus. Hilmar Claus zeichnet sich in der Zusammenarbeit als ruhiger und zuverlässiger Kollege aus, der als Repräsentant unseres schönen Kreises mit Besonnenheit und Freundlichkeit überzeugt."

Zum Ende: Traumjob Stellvertretender Landrat also? Nein, das sei ja kein Job für ihn, auch wenn er dafür eine monatliche Aufwandsentschädigung von gut 1100 Euro erhält. Claus: "Das ist schon eine Ehre, diese Aufgabe ausfüllen zu können." Und so habe er seine bedenkenlose Zusage, die er Lothar Hegemann 2009 gegeben hat, noch nie bereut. Wirklich noch nie? "Nein, nicht eine Sekunde". 2020 soll nun trotzdem Feierabend sein. Auch im Kreistag. Auch als Vertreter des Landrats. Da steht er bei seiner Frau im Wort.

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