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Dagmar Wagner arbeitet seit 1990 im Opferschutz.

„Tag der Kriminalitätsopfer“

Opferschutz: Polizeiarbeit am Menschen orientiert

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Kreis RE - Anfangs kritisch beäugt, ist der Opferschutz längst eine feste Größe im Präsidium Recklinghausen: Seit 20 Jahren ist Kriminalhauptkommissarin Dagmar Wagner Ansprechpartnerin für Betroffene – und öffnet Türen.

Es ist nur ein kleines Silberkettchen, die Symbolkraft dahinter groß. Es trägt den Namen eines Mädchens, das kürzlich unter, sagen wir einmal, nicht sonderlich glücklichen Umständen zur Welt gekommen ist. Nichts an den Startbedingungen berechtigt zur Annahme, dass dieses Menschenkind ohne ein Bündel glücklicher Zufälle jemals an einer Elite-Universität landet. Vielleicht aber hilft ihm das Armbändchen später einmal, an sich selbst zu glauben.

Die Kripo-Hauptkommissarin Dagmar Wagner arbeitet im Opferschutz der Recklinghäuser Polizei, sie kennt die Mutter des Mädchens gut und hat das Kettchen gekauft und gravieren lassen. Dafür gibt es im Landeshaushalt NRW naturgemäß kein Budget. Wagner ist das herzlich egal, dann geht es eben auch mal so.

Seit 1991 gibt es den „Tag der Kriminalitätsopfer“, der am Freitag, 22. März, wieder ansteht (s. „WEISSER RING“ ruft zu Jahrestag auf). Doch schon 1990 hat die heute 61-jährige Polizistin den Opferschutz in der Kreispolizeibehörde Recklinghausen mit aufgebaut. In der Behörde von Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen ist die Hilfe für Kriminalitätsopfer hoch angesiedelt, es gibt ein eigenes Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz.

Dagmar Wagner startete mit Selbstbehauptungskursen für junge Frauen

Mit ihren Kolleginnen, den Kriminalhauptkommissarinnen Marion Bednarz und Ingeborg Friedrich, betreut Wagner Tag für Tag Opfer aus allen nur denkbaren Deliktbereichen, die ein Ballungsraum mit fast 750.000 Menschen in den zehn Kreisstädten und Bottrop hervorbringen kann. Traumatisierte Kinder, Frauen und Männer, Menschen mit körperlichen und seelischen Schäden sind die Vergessenen hinter Meldungen über Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Raub, Betrug oder Misshandlungen in Ehe und Partnerschaft (s. Vom Recht auf ein Leben ohne Angst). Polizeiarbeit im Präsidium RE endet nicht mit dem Abrücken des Streifenwagens nach Wiederherstellung häuslichen Friedens oder der Abgabe von Kripo-Ermittlungsakten an den Staatsanwalt.

Dass der Opferschutz eine feste Größe ist und eine Kripo-Kommissarin auf allen Dienststellen „Daggi“ genannt und hochgeschätzt wird, war nicht immer so. „Als ich 1990 gefragt wurde, ob ich im Opferschutz, in der Opferhilfe arbeiten möchte, habe ich ‚Ja‘ gesagt, ohne genau zu wissen, was mich erwartet“, erinnert sich Wagner. „Es wurde sehr kritisch beäugt, was ich da eigentlich mache.“ Polizeiarbeit war „Täterarbeit“, Opferhilfe vor 20 Jahren absolutes Neuland.

Dagmar Wagner startete mit Selbstbehauptungskursen für junge Frauen, organisierte Info-Veranstaltung in Schulen, Kindergärten. Die über Jahre wachsende Professionalisierung der Prävention und des Opferschutzes hat die Struktur geschaffen, um heute Kriminalitätsopfern effektiv helfen zu können. Die Idee dahinter heißt intern Pro-aktiver Ansatz: Betroffene sollen möglichst schnell das Angebot bekommen, mit Opferschützern Kontakt aufzunehmen.

„Das betrifft zum Beispiel den Bereich Wohnungseinbruch“, berichtet Dagmar Wagner. „Alle Betroffenen werden angeschrieben oder auch angerufen.“ Dabei ist klar: Auch als Opferschützerin kann die 61-Jährige niemals nur die „große Schwester“, die verständnisvolle Zuhörerin sein. Für alle Polizisten gilt das Legalitätsprinzip: Wenn man von Straftaten erfährt, muss man dem nachgehen.

So gesehen ist es eine umso größere Kunst, sich das Vertrauen von Verbrechensopfern zu erarbeiten. Klar ist zudem, das Polizisten keine Mediziner oder Therapeuten sind, keine Sozialversicherungs- oder Rentenfachleute – sie vermitteln diese Experten. Auch hier ist Vertrauen Voraussetzung, um als Türöffner rasche Hilfe für Kriminalitätsopfer zu organisieren. Der enge Kontakt zu sozialpsychiatrischen Diensten und speziell Trauma-Ambulanzen ist enorm wichtig. Man liest und hört von Raubüberfällen – und vergisst das als Nichtbetroffener im nächsten Moment. Nicht ahnend, welche Folgen es für die Kiosk-Angestellte oder den Tankstellenpächter hat, in die Mündung einer Schusswaffe zu blicken.

Senioren verlieren ihr lebenslang Erspartes

„Es gibt Menschen, die werden das nie wieder los. Angst im Dunkeln zu haben, ist vielleicht noch die mildeste Form“, berichtet Wagner. Dass das sogenannte Stalking – Nachstellungen mit psychischer Gewalt in Form von direkten Drohungen, Telefonterror, Verleumdungen – seit Jahren unter Strafe steht, ist für Dagmar Wagner ohne Zweifel ein Fortschritt. Auch was die öffentliche Wahrnehmung angeht. Gleichwohl liegen aus ihrer Sicht die Hürden für Polizeimaßnahmen oder gar eine Verurteilung oder Schadenersatz im Zivilverfahren weiter hoch. „Es ist ja das Stalkingopfer, das belegen muss, dass es in seiner Lebensführung massiv beeinträchtigt ist.“ Akut hinterlassen der Enkeltrick oder die fiese Betrugsmasche der „falschen Polizisten“ enorm hohe Schäden, beschämte Opfer und fassungslose Angehörige. Senioren sind die Zielgruppe professionell vorgehender Betrüger. „Wenn man sieht, wie Menschen um ihr Erspartes gebracht werden, das sie sich Zeit ihres Lebens vom Mund abgespart haben, ist das erschütternd“, erzählt Dagmar Wagner.

Dagmar Wagner betreute Angehörige des Germanwings-Suizidabsturzes

„Wird die Handtasche geklaut, bekommt man vielleicht Geld von der Versicherung. Gibt man einem ,falschen Polizisten‘ Geld, sieht man nichts.“ Dabei werden die älteren Menschen in der öffentlichen Meinung gleich noch mal zum Opfer – wie naiv darf man sein, um darauf hereinzufallen? Die „echte Polizei“ weiß es besser: Aus Telefonüberwachungen ist bekannt, wie perfide die Täter ihre Opfer oft über Wochen unter Druck setzen, systematisch Vertrauensverhältnisse zu Bankangestellten und sogar Verwandten zerstören: „Die stecken doch alle unter einer Decke. Sie sind bedroht, geben sie uns ihr Geld – wir verwahren es…“

Die Arbeit im Opferschutz der Polizei bleibt nicht in den Kleidern hängen. Das Bewahren professioneller Distanz funktioniert nur bis zum Punkt, an dem allein Empathie noch der Schlüssel ist, um jemanden zu erreichen. Wie ihre Kolleginnen hat auch Dagmar Wagner im persönlichen Gespräch Angehörigen Todesnachrichten überbringen müssen, sie betreute Menschen nach dem Tsunami 2004 in Thailand und nach dem Germanwings-Suizidabsturz mit Schülern und Lehrern aus Haltern an Bord.

„Ich dachte immer, dass mir das nichts ausmacht. Als ich viel später mit meinem Mann unsere Tochter vom Flughafen abgeholt habe, und auf der Anzeigetafel ,landed‘ stand, ging nichts mehr, ich habe geweint.“ Gleichwohl: Dagmar Wagner ist fest entschlossen, einen Antrag auf Verlängerung über die Ruhestandsgrenze hinaus zu stellen. Fürs erste hat sie noch das Namenskettchen für ein kleines Mädchen in der Tasche.

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