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Bildungspatin Michelle Adam lernt mit einer jungen Schülerin. Dafür kann sie mietfrei in einer WG wohnen.

Tausche Bildung für Wohnen

Sozialprojekt sorgt für Aufsehen und wird ausgezeichnet

DUISBURG - Rückwärts zählen von zehn bis eins? Eine harte Nuss für die kleine Mona: nicht zu schaffen. Im sozialen Brennpunktviertel Duisburg-Marxloh ist die Erstklässlerin neu in einem besonderen Projekt. Ihr gegenüber sitzt Michelle Adam, Bildungspatin der Sechsjährigen.

„Welche Zahl ist größer: Die Fünf oder die Drei?“, fragt Adam. „Die Drei!“, antwortet Mona. Auch in den anderen Zimmern der „TauschBar“ wird an diesem Tag in Kleinstgruppen fleißig geübt. Die Bildungspaten betreuen ihre Schützlinge mindestens ein Jahr lang intensiv – und wohnen dafür mietfrei. Für die bundesweit einmalige Idee „Tausche Bildung für Wohnen“ gab es den „Deutschen Nachbarschaftspreis“ 2018.

Es wird konsequent Deutsch gesprochen

Bildungspatin Adam kam nach dem Abi aus dem niedersächsischen Oldenburg nach Duisburg. Sie wohnt in einer möblierten WG des Projekts. Ihre Arbeit mit Kindern aus bildungsschwachen Familien findet vor allem in der „TauschBar“ statt – einer großen Wohnung, die im Viertel auch „Stadtteilkinderzimmer“ genannt wird. Standortleiterin Anna-Sophia Hippke erläutert: „Wir geben den Kindern ein vertrautes Umfeld und einen Raum, wo sie in Ruhe lernen können. Die meisten der Kinder haben viele Geschwister, da ist es laut. Sie haben zuhause kein Zimmer zum Lernen und oft auch keinen Schreibtisch.“ Das Konzept sei eine Win-win-Situation für beide Seiten, sagt Hippke: „Man bekommt ein Zimmer – und für die Kinder wird etwas Sinnvolles getan.“

Die Bildungspaten gehen vormittags in die Schulen, unterstützen die Lehrer und lernen Stärken und Schwächen der einzelnen Kinder gut kennen, die sie am Nachmittag dann in kleinen Gruppen fördern. Die Jungen und Mädchen kommen aus verschiedenen Schulen ganz in der Nähe. Ein fest angestelltes Projektteam sorgt für die Organisation und die Schulung der Paten vor deren Einsatz.

Die Bedürfnisse der Kinder unterscheiden sich teilweise – ebenso das Lerntempo oder das geeignete Programm. So erzählt der zehnjährige Ismail munter von seinem Berufswunsch: Er mag Mathe, will Polizist werden. Zeidan (13) wirkt dagegen verschlossen. An Lernen ist noch nicht zu denken. Das Rezept: Erst mal eine lockere Runde „Uno“ im „Wohnzimmer“ mit allen Kindern. Beim Kartenspiel wird gelacht, gekichert. Auch Zeidan öffnet sich. „Mir ist wichtig, dass die Kinder ihre Lücken füllen können, dass wir sie so gezielt fördern, dass sie in der Schule weiterkommen und einen Abschluss schaffen“, beschreibt Adam das Ziel. Die Kinder sollen zudem soziale Kompetenzen erlernen und Selbstvertrauen entwickeln. Manche müssen Grundregeln erlernen: Pünktlich sein, anklopfen, niemanden auslachen. Es wird konsequent Deutsch gesprochen.

Projekt expandiert in weitere Städte

Im Dezember soll das Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“ auch in Gelsenkirchen starten. In Dortmund wird ein Start 2019 angepeilt. Zahlen müssen bedürftige Familien für die Teilnahme nichts. Die Mitarbeiter rufen Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes ab.

Neben den Paten sind auch andere Akteure und Unterstützer im Boot. Die benötigten Wohnungen wurden gespendet. Mehrere Stiftungen und Sponsoren helfen finanziell.

Die Vollzeitpaten sind meist Studenten, Azubis oder junge Leute, die sich im Bundesfreiwilligendienst engagieren. Sie erhalten ein Taschengeld. Und es gibt freiwillige Helfer, die sich stundenweise um Flüchtlingskinder kümmern, die noch nicht in die Schule gehen.

Die Lernförderung, 2014 zunächst mit einer Pilotphase gestartet, zeige Wirkung, sagt Anna-Sophia Hippke: „Die Schüler machen Fortschritte. Das spiegeln uns auch die Lehrer wider, die die Kinder auswählen und uns Tipps und Rückmeldung geben.“

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