Theater Dortmund

Schauspieler Frank Genser über seine erste Regie: "Kann sein, dass ich Bier trinke"

Schauspieler Frank Genser spricht über seinen ersten Seitenwechsel auf den Regiestuhl, über "norway.today" und die Angst des Menschen, nicht mit der digitalen Idealwelt mitzuhalten.

Als Schauspieler ist Frank Genser unter anderem in "Die Show", "Der Kirschgarten", "Endspiel" und "Die Parallelwelt" zu sehen. Über seine erste Regie sprach er mit uns wenige Tage vor der Premiere.

Sie sind seit Jahren ein etablierter Schauspieler. Warum jetzt Regie? Für die Karriere?

Nein. Ich liebe den Beruf des Schauspielers, ich mach das jetzt seit 20 Jahren, und ich möchte den weiter ausführen. Für mich ist es die Neugier, die andere Seite kennenzulernen. Nicht als Schauspieler die Ideen des Regisseurs auszuführen, sondern zu versuchen meine Ideen vom Team und den Schauspielern umsetzen zu lassen. Das ist ein ganz anderes Handwerk. Hab ich dafür ein Händchen oder nicht?

Was, wenn nicht?

Das Risiko kann verschieden ausfallen. Dass ich nicht das Ergebnis erreiche, das ich mir vorgestellt habe. Oder dass ich es erreiche, aber das Publikum es ganz schlimm findet. Denn Theater mache ich ja nicht für mich, sondern für die Leute, die kommen. Das Haus geht damit auch ein freundliches, zuvorkommendes Risiko ein. Aber das ist im Theater ja eigentlich immer so, auch bei erfahrenen Regisseuren und Schauspielern weiß man vorher nicht, ob sich einlöst, was man sich vorher gedacht hat. Manchmal stellt sich bei den Proben heraus: Das geht überhaupt nicht zusammen. Und daran ist niemand schuld, denn die vorherigen Überlegungen sind ja Theorie. Dann muss man reagieren und jeder in seinem Bereich handwerklich gucken, wie schwenkt man um, damit es wieder passt.

Wie sind Sie an die Regie von norway.today gekommen?

Die Wege, wie Stücke ausgewählt werden und mit welchem Team, sind extrem verschieden. Das hängt von tausenden Faktoren ab: Wie schnell einigt man sich auf ein Stück im Haus? Wie haben die Regisseure Zeit? In meinem Fall war es so: Ich habe schon seit längerer Zeit immer mal wieder Interesse gezeigt, selbst Regie zu führen. Ich habe nie gesagt: "Hey, gib mir mal die Regie für dieses Stück mit diesen Schauspielern" - das wäre anmaßend. Ich weiß ja nicht mal, ob ich das kann (er lacht). Aber jetzt ergab sich die Gelegenheit.

Wie sah die aus?

Kay Voges hat ja die Schauspielstudenten ans Haus geholt [vier Studierende aus Graz, die ihr letztes Ausbildungsjahr am Schauspiel Dortmund verbringen, Anm.d.Red.]. Einer von ihnen, Frieder Langenberger, spielt mit in "norway.today". Kay sagte: Frank, wie sieht?s aus, Frieder muss noch was lernen, kann aber präsent spielen, du willst was lernen übers Regieführen, das wäre doch eine gute Kombination, und das Stück "norway.today" wär doch passend. Und ich habe nicht so einen wahnsinnig großen Apparat bei meinem ersten Versuch. Eine glückliche Fügung von mehreren Dingen. Eine Gelegenheit.

Das Stück wird nach wie vor häufig gespielt und ist beim Publikum immer sehr beliebt. Beruhigt Sie das oder erhöht es Ihre Nervosität?

Die Kombination - zwei junge Schauspieler und ich - ist eine super Kombination. Ich kenne das Stück gut, hab?s zwar nicht selbst gespielt, aber oft gesehen. Es sind junge Figuren und hier spielen es junge Schauspieler - das heißt, sie sind nah an den Figuren, die sie spielen. Ein Stück, das von Selbstfindung, Selbstsuche handelt - das erlebt jeder Schauspieler, wenn er von der Schauspielschule ins Berufsleben wechselt. Und jetzt lerne ich damit das Regiehandwerk kennen, bin plötzlich in einer anderen Verantwortung - da gibt es viele Überschneidungen zum Stück.

Seit 7. Dezember proben Sie. Wie läuft?s?

Es ist sehr aufregend für mich. Ich habe sehr oft Regisseure bei ihrer Arbeit beobachten können, aber der Unterschied dazu, einer zu sein, ist weit größer, als ich mir das vorgestellt habe. Sehr spannend. Die Betrachtung von szenischen Vorgängen von außen, dann analysieren und entscheiden, ob und wie man es ändert, immer im Hinblick auf das ganze Stück und die einzelnen Handlungsbögen - das ist wirklich etwas ganz anderes. Eine ganz andere Art mit dem Phänomen Theater umzugehen. Das macht die Neugier auf das, was wir am 26. Januar präsentieren werden, im positiven Sinne noch größer.

Viele Regisseure halten es nicht aus, bei der Premiere im Saal zu sitzen. Wissen Sie schon, wo Sie sein werden?

Nein, das weiß ich nicht. Das mache ich von der Situation abhängig. Ich kann mir vorstellen, dass ich mich reinsetze - aber das halte ich im Moment für die unwahrscheinlichere Variante (er lacht). Es kann sein, das ich ums Haus laufe, oder dass ich in meiner Garderobe sitze und Bier trinke, oder dass ich - nein, lesen werde ich nicht, dafür werde ich wohl viel zu aufgeregt sein. Wir werden sehen.

Was machen Sie aus dem Stück?

Es geht ja um zwei junge Menschen, die sich im Internet verabreden, um sich gemeinsam umzubringen. Sie verabreden sich am Preikestolenfelsen in Norwegen, um zusammen runterzuspringen. Dann treffen sie sich dort, lernen sich kennen und gehen eigentlich der Frage nach: Wollen wir uns wirklich umbringen oder nicht? Tun wir das jetzt wirklich? Jeder für sich.

Sie stellen es infrage, weil sie einander kennenlernen.

Genau. Beide sind in einer Notlage. Sie wollen sich umbringen, weil sie aus einem defizitären Gefühl heraus mit ihrem Leben nicht zufrieden sind. Das Gefühl, nicht zu reichen. Es gibt so viele Klischee- und Rollenbilder, von denen es heißt: Das ist das echte, das beste Leben, so muss das Leben sein! Wenn man sich das anguckt, dann findet immer automatisch ein Abgleich mit einem selber statt. Und dann merkt man: Das habe ich aber nicht, das bin ich nicht. Dann entsteht das Gefühl: Ich habe dieses echte Leben nicht. Mein Leben reicht nicht. Also sagen sie: Ich will nicht mehr.

In diesem Punkt hat sich seit 2000, als das Stück geschrieben wurde, sehr viel geändert. Damals gab es kein Instagram, kein Youtube, und niemand hatte ein Handy.

Das Stück ist in dieser Zeit älter geworden - aber aktueller. Die Welt hat sich, wenn man so will, in diesem Punkt zu Ungunsten des Menschen entwickelt, aber zugunsten des Stücks. Es ist nachvollziehbarer geworden. Weil es auch die Frage stellt, was von diesen vielen Oberflächen denn wirklich echt ist. Aber kurz vor ihrem geplanten Selbstmord treffen die Figuren im Stück glücklicherweise einen Menschen, mit dem es möglich ist, diese Fragestellungen auf gleicher Höhe zu besprechen. Oder besser, zu erleben. In diesem Stück geht es viel ums Erleben. Ums Ausprobieren, was echt ist und was erstrebenswert ist.Das stellt das gesamte System des Abgleichens grundsätzlich infrage. In diesem System ist immer eine Behauptung, und ich steh daneben und muss mich damit abgleichen. Ist das wirklich ein sinnvolles System, um hinter die Frage zu kommen, wie ich leben will?

Sie sind etwa doppelt so alt wie die beiden Schauspieler. Wie beeinflusst das die Probenarbeit?

Als das Stück Premiere hatte, 2000, war ich 25, also nur wenig älter als die Figuren im Stück. Die Gedanken darin kann ich sehr gut nachvollziehen. Das können Alexandra Sinelnikova und Frieder Langenberger auch. Aber sie sind in der heutigen Zeit jung und haben einen ganz anderen Umgang und eine andere Sicht auf dieses Phänomen.

Zum Beispiel?

Die digitalen Medien heute verbreiten Texte und Bilder viel schneller als früher, und auch viel radikaler in der Bildsprache und in den Texten. Die jungen Schauspieler bewerten die Frage nach Fake oder nicht entsprechend auch viel radikaler. Sie verstehen viel besser, dass das Teil ihres Lebens ist, und dass es, wenn man das nicht mehr erträgt, ein Grund sein könnte, nicht mehr so leben zu wollen.Ein anderer wichtiger Punkt ist dieser: Ich habe gelesen, dass das Ansteigen des Digitalen im Leben einhergeht mit einer Abnahme der Empathiefähigkeit. Der Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Das ständige digitale Austragen von emotionalen Dingen - Diskussionen, Konflikte, Liebesbekundungen - macht es den Menschen schwieriger, es im echten Leben zu tun. Die Fähigkeit, Stimmungen, Gesichtsausdrücke eines Menschen einzuordnen, nimmt offenbar ab. Weil es gar im Digitalen weniger stattfindet. Wenn das so ist, ist das ein erschreckendes Phänomen. Denn der direkte Austausch mit Menschen ist doch ein unschätzbarer Wert. Wenn das verloren ginge, wäre das eine Katastrophe.

Andererseits gehört es offenbar zur Natur des Menschen, angesichts großer Veränderungen das Neue zu verteufeln.

Absolut. Als damals der erste Zug gefahren ist mit vielleicht16 Kilometer pro Stunde oder so, haben die Regierungen erwogen das Zugfahren zu verbieten aus Angst, dass Menschen bei diesen Geschwindigkeiten sterben, und heute fährt der ICE Tempo 300. Damit das klar ist: Ich argumentiere überhaupt nicht gegen die digitalen Medien. Aber ich bin sehr dafür, dass deswegen der reale Austausch nicht verloren geht. Das ist auch ein Thema der beiden Figuren 2019: Was meint der andere, wenn er mir etwas sagt, eigentlich wirklich? Oder wenn er mich so anschaut? Sich immer wieder zu fragen, was steckt dahinter, das ist ein wichtiges Thema des Stücks.

Wie streng ist der Regisseur Frank Genser? Lassen Sie bei der Probenarbeit mit sich reden?

Auf jeden Fall. Einer muss natürlich die Entscheidungen treffen, und das muss ich als Regisseur schon tun. Aber die Suche nach dem richtigen Weg, die Infragestellung von Situationen und inhaltlichen Sachen, das ist ganz sicher Mannschaftssport.

Haben Sie in diesen Wochen als Regisseur etwas über Ihre Rolle als Schauspieler gelernt?

Nein. Dazu hatte mein Gehirn noch keine Zeit und keine Luft, um das abgleichen zu können. Aber ganz sicher hat diese Erfahrung Auswirkungen auf vieles, was mit meinem Verhältnis zum Theater zu tun hat. Wie ich Theater gucke, wie ich Theater proben werde. Welche Auswirkungen das hat, da bin ich auch gespannt drauf.

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