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Rückblick auf ein ungewöhnliches Unterrichts-Projekt (v. l.): Lehrerin Gerlinde Risse, die Schüler Jan-Dieter Kanngießer, Chiara White, Elisa Leclaire, Julia Mynarek, Hannah Franke, Sasha Budschun und Lehrerin Anne Bolte mit Schulleiter Christian Passerah.

Thema Erster Weltkrieg

Projekt „Dig Hill 80“ – Geschichte zum Anfassen

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Kreis RE - Eine Schülergruppe aus Recklinghausen begibt sich auf die Spuren des Ersten Weltkriegs – und erhält eine bundesweit einmalige Einladung.

Höhe 80: Das war im Ersten Weltkrieg eine wichtige militärische Stellung im belgischen Wijtschate südlich von Ypern. Im vergangenen Jahr fanden dort umfangreiche archäologische Ausgrabungen statt. Dieses Projekt „Dig Hill 80“ wurde für eine Schülergruppe des Marie Curie Gymnasiums aus Recklinghausen zu einem besonderen Erlebnis: Die Jugendlichen waren nicht nur im Sommer vor Ort, sondern sie wurden auch als bundesweit einzige Schülergruppe zur Ergebnispräsentation der Grabungen in Ypern eingeladen. Dort haben sie jetzt von ihren persönlichen Eindrücken berichtet. Eindrücke, die unter die Haut gehen.

Die 15-jährige Chiara White schluckt, wenn sie von den Ausgrabungen auf Höhe 80 erzählt. „Da lag das geborgene Skelett eines 18-jährigen Soldaten auf einem Tisch. Der Mann war damals, als er starb, nicht viel älter als wir. Was wäre, wenn das mit jemandem aus meiner Familie passiert? Ein kurzes Leben – und plötzlich ist alles vorbei.“

Schüler bekommen Massengrab zu sehen

Auch ein gerade freigelegtes Massengrab bekam die Recklinghäuser Schülergruppe zu sehen. „Da lagen die Skelette achtlos übereinander. Die Menschen waren einfach schnell verbuddelt worden“, beschreibt Elisa Leclaire den furchtbaren Anblick, bei dem absolute Stille herrschte. Und Sasha Budschun berichtet, dass zwischen den Skeletten eine Hand nach oben ragte – eine Hand, an deren Finger noch der Ehering steckte. „Wie hat der Mann gelebt? Wie ist er gestorben? Wen hat er zurückgelassen? Er war verheiratet, vielleicht hatte er auch ein Kind“ sinniert die 16-Jährige.

Insgesamt zehn Schülerinnen und Schüler des Marie Curie Gymnasiums waren im vergangenen Sommer bei der Fahrt nach Flandern dabei, das verlängerte Wochenende war der Abschluss eines Geschichtskurses in englischer Sprache, der in den Klassen 8 und 9 stattfand. Ein Ziel der Kursfahrt war es, „Geschichte empathisch zu erleben“, wie Lehrerin Gerlinde Risse erläutert: „Die Erlebnisse sind den Schülern an die Seele gegangen. Über die Gefühle ist Interesse geweckt werden und dann entsteht auch Interesse an den Fakten.“

Die Schülerinnen bestätigen das: „Im Unterricht haben wir Zahlen zum Ersten Weltkrieg gelernt, Fakten, zum Beispiel, wer gegen wen gekämpft hat. Aber hier, an einem Ort des Krieges, haben wir bei Ausgrabungen Skelette von einzelnen Toten gesehen. Der Schrecken des Krieges ist uns vor Augen geführt worden – das ist ein ziemlicher Gegensatz zum normalen Schulunterricht“, erklärt Julia Mynarek. Und Sasha Budschun ergänzt: „Das war durch die direkte Konfrontation Geschichte zum Anfassen. Ich bin mir sicher, dieses Lernen wird uns länger in Erinnerung bleiben als das übliche Wissen.“

So haben bei den Jugendlichen auch die Besuche auf zwei riesigen Soldatenfriedhöfen bleibende Erinnerungen hinterlassen – dem Commenwealth-Friedhof „Tyne Cot“ und dem deutschen Soldatenfriedhof in Langemark, auf denen Zehntausende von Soldaten beigesetzt sind.

Fiktiver Brief am Grab eines Soldaten

„Wir hatten vorher in Recklinghausen über einzelne gestorbene Soldaten vom ,Tyne Cot‘-Friedhof recherchiert und dann einen Brief verfasst, den sie hätten schreiben können“, berichtet Sasha Budschun. Sie selbst hatte einen „fiktiven Brief“ des Australiers Clarence Smith Jeffries geschrieben und dann am Grab des Soldaten vorgelesen. „Das war sehr bewegend, ist mir stark in Erinnerung.“ Chiara White berichtet von einem Detail am deutschen Soldatenfriedhof: „Dort stand an einem Massengrab ein kleines Kreuz, das eine englische Klasse dort hingestellt hatte. Auf dem Kreuz stand: ,In remembrance of those, who fought, because they had to‘ also: ,In Erinnerung an die, die kämpften, weil sie es mussten‘. Das Kreuz zeigt doch auch, dass viele der Toten gedenken – egal, welcher Nationalität.“

Und dann war da noch die „Last Post Ceremony“: „Dabei gedenken jeden Abend seit 1927 sehr viele Menschen der Opfer in der Region, mit Zapfenstreich, Kränzen und Gesang“, erläutert Elisa Leclaire. „Das findet unter dem Menentor in Ypern statt, dort sind 54.000 Namen von getöteten Soldaten eingraviert.“ Wieder wird der Gruppe aus Recklinghausen klar, wie viele Menschen damals gestorben sind. „Warum haben sie nicht aufgehört zu kämpfen?“, fragt Chiara White. Und: „Das darf nicht wieder passieren.“

Eine Einsicht, die ganz im Sinn der beiden betreuenden Geschichtslehrerinnen ist: „Der Erste Weltkrieg zeigt, was passiert, wenn Nationalismen überborden“, warnt Gerlinde Risse, auch mit Blick auf aktuelle Tendenzen. Ihre Kollegin Anne Bolte betont: „Unser Ziel ist es auch, die Schüler zu global citizens zu erziehen – gegen Nationalismen.“

Und das I-Tüpfelchen des Projekts ist zweifellos, dass sieben der Schüler jetzt ihre persönlichen Eindrücke bei der Präsentation der „Dig Hill 80“-Fundstücke vor großem Publikum im Kulturzentrum Het Perron in Ypern vorgetragen haben. „Das war für unsere Gruppe sehr spannend – und eine große Ehre“, betont Anne Bolte. Auch die vielen positiven Rückmeldungen auf die englischen Kurzvorträge haben die Jugendlichen stolz gemacht.

Doch beendet sind die Termine mit dem Auftritt in Ypern immer noch nicht, wie Julia Mynarek berichtet: „Die auf Höhe 80 gefundenen deutschen Soldaten sollen im nächsten Oktober auf dem Friedhof in Langemark beigesetzt werden. Wir sind eingeladen worden, dabei zu sein.“

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