Thier-Galerie trifft Vorkehrungen gegen Bombendrohung

Nach zehn Minuten müssen alle die Thier-Galerie verlassen haben

Dortmund - Zweimal schon haben Unbekannte mit Bombendrohungen das Leben in der Thier-Galerie in Dortmund lahmgelegt. Einkaufszentren mit ihren Tausenden Besuchern brauchen deshalb einen besonderen Schutz. Gefährdungslagen werden regelmäßig trainiert.

Ungefähr einmal im Monat geht Elcin Arman zum Einkaufen in die Thier-Galerie am Westenhellweg. Die Luft sei nicht besonders gut und oft sei es auch zu voll, findet die 33-Jährige.

Aber Sorge um ihre Sicherheit? Angst, es könne etwas passieren? Eine Bombendrohung wie im Februar 2015 und im Juli 2016? "Nein", sagt die Kundin, "ich fühle mich sicher, an Bombendrohung und Terror denke ich nicht." Sie habe drei Bekannte, die in Geschäften der Thier-Galerie arbeiten. "Selbst die machen sich keine Sorgen", sagt sie.

Vermeidung von Panik hat oberste Priorität

Heike Marzen, Managerin des Einkaufscenters, hört das gern. Natürlich geht es nicht an allen rund 1500 Mitarbeitern der Thier-Galerie völlig spurlos vorbei , wenn ein 18-Jähriger im Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen erschießt, wie im Juli 2016 geschehen.

Oder wenn das Einkaufscenter am Limbecker Platz in Essen, das wie die Thier-Galerie von ECE betrieben wird, wegen Terrorgefahr im März 2017 dicht gemacht werden muss. Und natürlich ist auch die Erinnerung an jenen Dienstagabend im Juli 2016 ganz verflogen, als ein Unbekannter im Internet öffentlich eine Bombendrohung gegen die Thier-Galerie postete.

"Wir sind alles nur Menschen, und wenn es Ängste gibt, reden wir darüber", sagt die Center-Managerin. "Das ist ganz normal." Das Gebäude musste an besagtem Julitag vor zwei Jahren kurz vor 19 Uhr geräumt werden, bis die Polizei nach der Durchsuchung mit Sprengstoffspürhunden gegen Mitternacht Entwarnung geben konnte.

Die Räumung verlief reibungslos und in geordneten Bahnen. Kein Durcheinander, keinerlei Spuren von Panik. Das ist kein Zufall: Der Trick, auf das Wort "Bombendrohung" zu verzichten und stattdessen einen "Feueralarm" auszurufen, dürfte zur Beruhigung der Kunden beigetragen haben.

Das eigentlich Entscheidende aber ist: Hinter dem geordneten und unaufgeregten Rückzug aus dem Gebäude steckt ein umfassendes Sicherheitskonzept, mit dem sich Einkaufszentren wie die Thier-Galerie auf Bedrohungsszenarien vorbereiten. "Wir stehen in ständigem Kontakt mit Polizei und Feuerwehr und tauschen uns aus", sagt Center-Managerin Marzen. "Und wir trainieren die Abläufe regelmäßig."

Und das offenbar mit Erfolg.

Das rund 20-köpfige Team des Center-Managements probt monatlich, was im Falle einer Bombendrohung, bei Feuer oder einer anderen Gefährdungslage zu tun ist. "Der Ablauf muss in Fleisch und Blut übergehen", sagt Marzen, ohne sämtliche Details offenzulegen. Je mehr Ruhe, Gelassenheit und Routine das Management ausstrahle, desto mehr übertrage sich das auf Mitarbeiter und Kunden.

Für die Mitarbeiter gibt es im Ernstfall ein oberstes Gebot

Ähnliches gilt für die rund 1300 Mitarbeiter in den 160 Geschäften. Für sie werden jährlich über einen Zeitraum von vier Wochen spezielle Schulungen angeboten. "Die Shops stellen in der Regel eine Person ab, die an den Schulungen teilnimmt und ihr Wissen anschließend an die Kollegen weitergibt", erläutert Center-Managerin Marzen. Ruhe wahren, nicht in Panik ausbrechen, sich zuerst um die Kunden kümmern - das gehört zu den obersten Geboten.

Wo befinden sich die Fluchtwege? Wie lässt sich ein Notruf absetzen? Wo sind Feuermelder und wie funktionieren sie? "All das wird in den Schulungen angesprochen und trainiert", sagt Marzen. Und, als sei das nicht genug, wird das Center im Rahmen einer Notfall-Übung einmal im Jahr unangekündigt geräumt. "Da sind dann alle bei", erläutert die Center-Managerin, "Polizei, Feuerwehr, Mitarbeiter und die Kunden." Es laufe reibungslos, das Gebäude sei "innerhalb von zehn Minuten leer."

Bis zu 35.000 Kunden sind täglich in der Thier-Galerie unterwegs, in der Weihnachtszeit bis zu 95.000. Zu ihrem subjektiven Sicherheitsgefühl dürften auch die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma beitragen, die neben ihren Schließdiensten durchs Haus patrouillieren und nach dem Rechten sehen. Auch die Polizei streift regelmäßig durchs Gebäude. Sowohl in Uniform, um Präsenz zu zeigen, als auch in Zivil, um von möglichen Gefährdern welcher Art auch immer nicht erkannt zu werden.

In Hochzeiten wie etwa zum Weihnachtsgeschäft werden die Sicherheitskräfte verstärkt, exakte Zahlen möchte Center-Managerin Marzen aus naheliegenden Gründen jedoch nicht machen. Darüber hinaus ist die Thier-Galerie mit Videoüberwachung ausgestattet. "Zwar steckt uns das Datenschutzgesetz enge Grenzen ab", wie Marzen sagt. Dennoch: Die Aussicht, sich später auf Video wiederzufinden, schreckt mögliche Unruhestifter ab.

Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte an den Eingängen, strenge Einlass- und Autokontrollen wie in Istanbul und im israelischen Tel Aviv - Szenarien dieser Art sind für Dortmunds Center-Managerin unvorstellbar. "Für solche Maßnahmen gibt es in Deutschland keine Kultur."

Ein Einkaufszentrum als Hochsicherheitstrakt? Kundin Kirsten Eilers sieht das skeptisch: "Dann müssten im Stadion, bei Konzerten und in Bahnhöfen die gleichen Maßstäbe angelegt werden", sagt sie. "Da gibt es ja auch Menschenansammlungen." Aber die Thier-Galerie sei ohnehin nicht ihr bevorzugtes Einkaufs-Territorium. "Ich bin lieber in kleineren Geschäften und auf Märkten unterwegs."

Bombendrohungen können für Spaßvögel teuer werden

Jede Drohung wird von der Polizei ernst genommen. "Die Frage, ob jemand blufft, stellt sich für uns zunächst nicht", sagt Sprecherin Nina Vogt. "Wir nehmen Drohungen immer ernst und entscheiden in jedem Einzelfall, welche Maßnahmen zu treffen sind." Die Beamten würden in regelmäßigen Schulungen und Fortbildungen auf solche Situationen vorbereitet.

Neu sind solcherlei Gefechtslagen für Dortmunds Polizei nicht: 2015 gab es 20 Fälle von "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten", wie es in §126 des Strafgesetzbuches heißt. 60 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt. Für 2016 verzeichnet die Polizei 30 Fälle, von denen sogar 80 Prozent aufgeklärt werden konnten.

2017 waren es 20 Fälle, gut die Hälfte der Täter konnte ermittelt werden. Schief gewickelt ist, wer glaubt, eine nicht ernst gemeinte Bombendrohung oder die Ankündigung eines Amoklaufs seien ein Spaß oder auch nur ein Kavaliersdelikt. Tätern, die erwischt werden, drohen nicht allein Haftstrafen bis zu drei Jahren. Auf sie können Kosten zurollen, die über viele Jahre oder vielleicht sogar zeit ihres Lebens begleiten.

Der Bombendroher, der im Sommer 2016 am frühen Abend das Leben in der Thier-Galerie lahm legte, hatte gewaltiges Glück: Er konnte nicht ermittelt werden, die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Wäre er erwischt worden - eine der ersten Rechnungen wäre von der Polizei gekommen. Auf "rund 30.000 Euro" beziffert Sprecherin Nina Vogt die Einsatzkosten.

Eine weitere Rechnung hätte die Feuerwehr in petto. Nicht mitgerechnet die Geschäfte, die aufgrund ihrer Einnahmeausfälle zivilrechtliche Ansprüche auf Schadenersatz geltend machen könnten. So, wie möglicherweise auch der ein oder andere Besucher der Thier-Galerie. Polizei-Sprecherin Vogt kann nur warnen: "Es wird teuer. Sehr teuer."

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