Ullrich Sierau im Interview

"Wir sind sehr viel dynamischer geworden"

DORTMUND - Von Kitas über Schulen bis zum Wohnungsbau: Steigende Einwohnerzahlen stellen die Stadt vor neue Aufgaben. Welche, erläutert Oberbürgermeister Ullrich Sierau im Gespräch.

Der Bevölkerungszuwachs vergangener Jahre macht sich quer durch alle Stadtbezirke bemerkbar. Die größten Gewinne - vor allem bei jungen Menschen - verbucht die Innenstadt-Nord. Mehr als jeder zweite Zuwanderer hat nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

Herr Oberbürgermeister, Dortmund gewinnt seit Jahren an Einwohnern und hat 2016 erstmals wieder die 600.000er-Marke geknackt. Sind das die Auswirkungen von Flucht und Migration?

Es sind vor allem die Auswirkungen eines erfolgreichen Strukturwandels. Dass dabei auch die Flüchtlingszahlen eine Rolle spielen, ist unbestritten. Durch den weitgehenden Abschied von den ehemals prägenden Strukturen Kohle, Stahl und Bier und durch die Ansiedlung zukunftsträchtiger Branchen sind wir sehr viel dynamischer geworden.

Es ist nicht auszuschließen, dass aus den gegenwärtig 330.000 Arbeitsplätzen bis 2020 rund 350.000 werden. Wir haben die ökonomische Basis geschaffen, die Menschen bewegt, nach ihrer Ausbildung in Dortmund zu bleiben oder mit ihren Familien nach Dortmund zu ziehen. So entsteht ein Klebeeffekt, der dazu führt, dass wir seit Jahren Wanderungsgewinne verzeichnen. Wir erleben die Renaissance des Urbanen. Diesen Prozess müssen wir am Laufen halten.

Was meinen Sie damit?

Die Menschen möchten neben ihrer Arbeit Abwechslung genießen, die ihnen allein eine Großstadt bietet. Das gilt auch für Themen wie Einkaufen oder die schnelle Versorgung im Krankheitsfall. Da kann der ländliche Raum nicht mithalten. Auch unsere 40.000 Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft sind zu einem Standortfaktor geworden.

Welche Folgen hat das Wachstum für die Infrastruktur unserer Stadt?

Alle früheren Diskussionen um einen Rückbau oder eine Schließung von Einrichtungen sind vorbei. Wir werden beinahe keinen Teil der städtischen Infrastruktur aufgeben. Im Gegenteil: Wir sind dabei, unseren Kitas, Schulen und städtischen Einrichtungen mit hohen Investitionen neues Leben einzuhauchen und zu ertüchtigen. Dabei gilt unser Augenmerk neben den großen Berufsschulen auch vielen kleineren Schulprojekten. Das kommt bei den Bürgern gut an. Mir ist es wichtig, gerade die Infrastruktur in der Fläche, also in den Vororten, zu stärken.

Die Schülerzahlen steigen. Ist Dortmund vorbereitet?

Ich bin mir bewusst, dass es hier und da Diskussionen gibt, ob eine Schule drei- oder vierzügig sein soll. Wir hatten das Thema in der Nordstadt. Die Rückkehr zu G9, die ich im Übrigen sehr begrüße, wird an Gymnasien neuen Raumbedarf auslösen. Mit Bauen allein ist es aber nicht getan. Wir brauchen auch mehr Lehrerinnen und Lehrer, die das Land schicken muss. Das sind Debatten, die vor allem Fachpolitiker führen müssen. Wir werden unseren Schulentwicklungsplan weiter begleiten und auf neue Bedarfe entsprechend reagieren.

Dortmund investiert in Schulen - vor dem Schulbesuch kommt oft die Kita. Es gibt Nachholbedarf bei der U3-Betreuung. Muss Dortmund beim Kita-Bau zulegen?

Das ist leicht gesagt. Zunächst noch einmal grundsätzlich: Wir haben zwar Geld vom Land und Bund für die Schulen bekommen, das ist richtig. Aber finden Sie mal qualifizierte Leute, die planen und Ingenieurleistungen erbringen. Der Markt ist fast leer, da müssen wir richtig dicke Bretter bohren. Die nächste Frage: Welche Kapazitäten hat die Bauwirtschaft? Die Auftragsbücher sind voll. Trotzdem geht es beim Schulbau gut voran.

Und mit Blick auf die Kitas können wir feststellen, dass im laufenden Kita-Jahr 2017/18 zehn neue Kitas eröffnet wurden, 20 Einrichtungen werden im Kita-Jahr 2018/19 folgen. Zudem laufen an neun Fabido-Kitas aus Bundesmitteln Erweiterungsmaßnahmen für 15 weitere Gruppen. Das bedeutet: Wir steigern unseren Versorgungsgrad bei der U3-Betreuung auf rund 37 Prozent. Bei den Über-Dreijährigen liegt der Versorgungsgrad dann bei 98,2 Prozent. Wir sind also auf der Überholspur.

Auf dem Wohnungsmarkt macht sich das Einwohner-Plus bemerkbar. Rund 1000 Wohnungen sind 2016 fertiggestellt worden. Das ist rund die Hälfte der Neubaumarge, die Dortmund jährlich anstrebt. Wie will die Stadt mehr Dampf reinbringen?

Ja, es gibt Engpässe, vor allem im öffentlich geförderten Bereich. Trotzdem sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Im Vergleich mit anderen Uni-Städten wie Münster, Köln und Aachen liegen wir relativ günstig. Die jetzige Situation ist sicher auch die Folge der Bauland-Politik Anfang der 90er-Jahre. Damals ging es darum, die Eigentumsquote zu erhöhen und vor allem jungen Familien zu Eigentum zu verhelfen.

Gleichzeitig sind viele Wohnungen aus der Sozialbindung gefallen. 2016 haben wir fast 1800 Baugenehmigungen erteilt und weit mehr Fördermittel des Landes nach Dortmund gelenkt als eigentlich vorgesehen. Zudem sind viele Projekte noch im Anstich - etwa das kommende Wohnquartier an der Von-den-Berken-Straße mit rund 350 Wohneinheiten oder das große Vorhaben am ehemaligen Güterbahnhof Süd, wo nach und nach auch mehr als 600 Wohnungen entstehen sollen.

Dortmunds Bevölkerung altert. Bald erreichen geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter. Muss die Stadt ihre Seniorenpolitik neu denken?

Wir sollten uns vom traditionellen Seniorenbild langsam verabschieden. Für die neue Generation der Älteren haben Veranstaltungen wie Kaffeetrinken und Kuchenessen eine sehr überschaubare Attraktivität. Die neuen Senioren sind äußerst aktiv. Sie sind in vielen unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Strukturen unterwegs, engagieren sich in Vereinen, übernehmen Ehrenämter und surfen im Netz. Die neuen 80er sind die 60er von früher. Die suchen sich ihre Betätigung in der Regel allein.

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