Vegane Naturkosmetik

Die Dortmunderin Julia Fritz (40) produziert faire und vegane Halal-Kosmetik

Die Dortmunderin Julia Fritz betreibt eine Naturkosmetik-Firma. Alle Produkte sind halal, vegan und fair produziert. Der Markt dafür wächst - und ist auch für Nicht-Muslime interessant.

Halal, sagt Julia Fritz, das ist etwas, das rein ist, das gesund ist, etwas, das gut tut. Halal bedeutet, dass etwas dem Regelwerk des Islam entspricht. Wenn Muslime zum Beispiel kein Schweinefleisch essen und auf Alkohol verzichten, dann ist das halal.

Und so, wie die Ernährung halal sein kann, so kann es auch halal sein, Kosmetikprodukte zu benutzen. In vielen üblichen Cremes, Lotionen und Lippenstiften gehören Alkohol und tierische Stoffe zu den Inhaltsstoffen. Halal-Kosmetik verzichtet darauf. Julia Fritz geht mit ihrer Marke "Al Balsam" sogar noch einen Schritt weiter.

Die Nähe zur Natur

Julia Fritz, 40 Jahre alt, ist Ur-Dortmunderin. Sie ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat an der TU Dortmund Architektur studiert, lebt mit ihrer Familie in der Stadt. Sie ist in einem christlichen Haushalt groß geworden, entschied sich aber vor 18 Jahren, zum Islam zu konvertieren. Später lernte sie ihren Mann Abdelhay Fadil kennen, er ist Marokkaner, und dadurch auch die Kultur seiner Heimat.

"Die Marokkaner sind der Natur viel näher. Sie haben viel mit Pflanzen und Gerüchen zu tun", sagt Julia Fritz. Sie hat sich intensiv mit der Lebensweise auseinandergesetzt, lernte so den Arganbaum kennen, der nur in Marokko Früchte trägt, die wiederum wertvolles Öl liefern. So kamen Julia Fritz und ihr Mann vor zehn Jahren auf die Idee, das Öl - es ist für Speisen und zur Pflege geeignet - nach Deutschland zu holen. Über deutsches Recht ließen sie sich ihre Produkte zertifizieren und gründeten die Firma Arganpur.

Zusätzlich zum Arganöl holten sie auch Rosenwasser aus Marokko nach Deutschland. Die Schwester von Adbelhay Fadil hat vor Ort, im Dadestal, eine Frauen-Kooperative gegründet, die die Rosen erntet und das Öl destilliert. Auch das Arganöl werde in einer selbstgegründeten Kooperative unter fairen Bedingungen in der Bergzone Haha in Südwestmarokko gewonnen, sagt Julia Fritz. Die Rohstoffe werden dann nach Deutschland transportiert, hier in einem Labor produziert, abgefüllt und vertrieben.

Abdelhay Fdil hat Chemietechnik studiert, er und Julia Fritz eigneten sich in Fortbildungen das Wissen rund um die Kosmetikproduktion an. So entstanden nach und nach Produkte, die das Ehepaar über Bioläden und Reformhäuser vertrieben hat. Alle Produkte waren Naturkosmetik - und halal.

"Ein positiver Beitrag zur Gesellschaft"

Aber Julia Fritz und ihr Mann merkten, dass das Thema Naturkosmetik zu vielen Muslimen noch nicht durchgedrungen ist. Vor drei Jahren entschieden sie sich deshalb, eine Pflegelinie zu gründen, die sie online vertreiben können: Al Balsam (es steht im Arabischen für etwas Wohlriechendes, Heilendes). Die Marke trägt den Untertitel: Natural Halal Cosmetics. So erhoffte sich das Paar, mehr Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu bekommen.

"Unser Beweggrund ist es, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten", sagt Julia Fritz. Es gehe um die Bewahrung der Schöpfung, die genau wie im Christentum auch im Islam verankert sei.

Der Markt wächst stark

Laut dem Marktforschunsunternehmen Technavio wird der Markt für Halal-Kosmetik in den kommenden Jahren stetig wachsen. Das liege vor allem am steigenden Bewusstsein der Kunden für diesen Markt und damit der steigenden Nachfrage. Am stärksten wächst der Markt zurzeit in der asiatisch-pazifischen Region, in der die meisten Muslime weltweit leben. Aber auch im Nahen Osten und in Europa wächst das Interesse.

Der Kosmetikriese L?Oreal hat sich Hunderte seiner Produkte als halal zertifizieren lassen. Der Essener Chemiekonzern Evonik, der Basisprodukte für internationale Kosmetikmarken produziert, hat im vergangenen Jahr seine Produktion für den indonesischen Markt auf halal umgestellt.

Für Kosmetikprodukte könne er diesen Trend zwar noch nicht bestätigen, aber für Arzneimittel sehr wohl, sagt Dr. Christian Fehske von der Internationalen Rathaus-Apotheke in Hagen. "Ich beobachte, dass die Nachfrage bei Arzneimitteln nach halal steigt", sagt Feshke. Vor allem bei Befindlichkeitsstörungen legten Muslime großen Wert darauf, dass die Medikamente nach ihrem Glauben zulässig sind. Dass es auch Halal-Kosmetik gibt, sei vielen Kunden dagegen noch nicht bewusst, sagt Fehske. Wenn sie aber davon erfahren, sei das Interesse groß.

Halal-Kosmetik entspricht im Grunde den Vorgaben für Naturkosmetik. Damit die Produkte halal, also islamkonform sind, müssen sie frei von tierischen Inhaltstoffen sein - aber nur von Tieren, die Muslimen nicht erlaubt sein. Die Produkte müssen frei von gentechnisch bearbeiteten Materialien sein. Die verwendeten Stoffen dürfen während des Produktionsprozesses nicht mit etwas in Berührung kommen, das haram (verboten ist). Auch Alkohol darf nicht in den Produkten enthalten sein.

"Aber das heißt nicht, dass da keine Chemie drin ist", sagt Julia Fritz. Sie gehe deshalb mit Al Balsam noch einen Schritt weiter. Denn halal bedeutet für sie auch, dass die Produkte fair produziert sind. Dass die Rohstoffproduzenten unter guten Bedingungen arbeiten und fair bezahlt werden. Dass die Produkte nicht nur komplett vegan, sondern auch Bio sind und ohne synthetische Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe, Paraffine, Silikone und Parabene auskommen. Die Produkte seien nach den Grundsätzen des Islam abgestimmt auf die Bedürfnisse der Muslime.

"Ich strebe nach allem, was erlaubt ist"

Denise Marquardt benutzt schon seit vielen Jahren nachhaltige und fair gehandelte Produkte, die ihr gut tun. Irgendwann setzte sich die 37-Jährige dann auch mit dem Thema Halal auseinander. "Ich bin Muslima und versuche, mein Leben halal zu leben", sagt sie. "Ich strebe nach allem, was erlaubt ist. Danach versuche ich, mein Leben auszurichten."

Halal, sagt sie, seien für sie alle Handlungen, die eine gute Wirkung auf Tiere, Pflanzen und Menschen haben. Dazu gehöre auch Kosmetik. Für sie als Dortmunderin sei es ein "unglaublich schönes Gefühl", dass es Halal-Kosmetik gebe, die aus ihrer Heimatstadt kommt.

"Es war zum Teil eine religiöse Entscheidung"

Auch Nadia Jeroui ist Muslima. Vor zwei Jahren begann sie, sich intensiver mit ihrer Ernährung zu beschäftigen, darauf zu achten, was sie zu sich nimmt. Sie konsumiere seitdem nur noch Dinge, die ihr selbst gut tun, die aber auch unter guten Bedingungen produziert wurden. So habe sie sich dann auch mit Natur- und Halalkosmetik auseinandergesetzt.

"Es war zum Teil auch eine religiöse Entscheidung", sagt die 25-Jährige. "Wir sollten auf unseren Körper, den uns die Schöpfung gegeben hat, achten." Und Halal sei für sie alles Gute, was vom Schöpfer gegeben worden ist. Auch ihre Freundinnen bekämen langsam ein Bewusstsein für diesen Lebensstil, sagt Nadia Jeroui.

Al Balsam, nach eigener Aussage die erste "Halal und Fair Naturkosmetik made in Germany", bietet zurzeit Pflegeprodukte wie Tagescreme, Reinigungsmilch, Bodylotion und Handcreme an, dekorative Kosmetik gehört noch nicht zum Repertoire. Die Produkte seien unisex, für Männer gibt es zudem ein Bartöl. Die Kunden seien bislang überwiegend muslimisch und jung. "Bei den jüngeren Leuten ist das Bewusstsein da", sagt Fritz.

Das bestätigen auch die Untersuchen von Technavio. "Das steigende Bewusstsein bei der jüngeren muslimischen Bevölkerung auf der ganzen Welt bezüglich ihrer religiösen Verpflichtungen bestärkt das Wachstum des Halal-Kosmetikmarktes", heißt es in einem Bericht zum weltweiten Halal-Kosmetikmarkt. Weil Halal-Produkte als hygienischer und reiner gelten als übliche Kosmetika, wachse aber auch das Interesse von Nicht-Muslimen, sagt Technavio.

"Muslime können von Christen lernen"

Halal-Produkte werden, ähnlich wie Bio oder Vegan, mit einem Siegel auf den Produkten gekennzeichnet. Aber nur, weil ein Produkt nicht gekennzeichnet sei, heiße es nicht, dass es nicht halal ist, sagt Julia Fritz.

Ihr geht es auch darum, Informationsarbeit zu leisten. "Was den Umweltgedanken angeht, können Muslime noch viel von den Christen lernen", sagt sie. Sie selbst versuche, so gut es möglich sei, mit ihrer Familie naturbelassen zu leben. Denn das ist ihr größtes Anliegen: Das Gute der Natur wertzuschätzen, Körper und Seele nur mit dem Besten zu verwöhnen.

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