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Die Schuldnerberatung „Quan e.V. ist am Montag Thema im Kreisausschuss.

Verein Quan e.V.

Schuldnerberatung als ein Geschäftsmodell?

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RECKLINGHAUSEN - Der Kreisausschuss wird sich am Montag mit der Beschwerde des Vereins „Quan“ gegen die Kooperation des Jobcenters mit Wohlfahrtsverbänden befassen. Der Verein, der Schuldner berät, bezeichnet sich selbst als gemeinnützig. Doch spricht man mit Menschen, die bei „Quan“ Hilfe gesucht haben, wird die Selbstlosigkeit des Vereins anders dargestellt.

Jede Vereinsführung findet kurze Entscheidungswege gut. Die Schuldnerberatung „Quan“ in Recklinghausen hat eine sehr flache Hierarchie. Sie ist im September 2013 als eingetragener Verein – e.V. – gegründet worden. Von vier Angehörigen einer Familie aus dem Stadtteil Röllinghausen, wobei nur sieben Klubmitglieder insgesamt mit einfacher Mehrheit richtungsweisende Entscheidungen treffen. Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerde von „Quan“ auf sicherer vereinsinterner Beschlusslage fußt, mit der sich der Kreisausschuss am Montag, 18. Februar, beschäftigt.

Die von der Kopfzahl sehr überschaubare Vereinsfamilie verlangt, dass das Jobcenter des Kreises die bisherige Kooperation mit Wohlfahrtsverbänden bei den sozialen Schuldnerberatungsstellen aufkündigt – und im Sinne von Wettbewerb den Verein beteiligt. Ab 9 Uhr kommt die Akte „Quan e.V.“ im Kreishaus RE (Kurt-Schumacher-Allee1) auf den Tisch. Im Blickpunkt steht der Komplex SGB II, oder kurz Hartz IV: Tatsächlich gehören Schulden – überwiegend infolge von Jobverlust, Scheidung, Krankheit – zu den Hemmnissen bei der Wiedereingliederung in Arbeit, ins gesellschaftliche Leben. Oft geht das einher mit anderen Problemen, Sucht etwa. Seit Jahren arbeitet das Jobcenter mit Wohlfahrtsverbänden – Awo, Caritas, DRK, Diakonie – zusammen. Für die Betroffenen ist das kostenlos, sie bekommen Beratungsgutscheine. In 2017 hat das Jobcenter Kreis RE dafür ca. 600.000 Euro aufgewendet.

Vereinsfamilie hat nur indirekt Erfahrungen gemacht

Geschäftsmodell Schuldnerberatung? Vehement weist die 1. Vorsitzende Angelika Slopianka zurück, dass es der übersichtlich gehaltenen Vereinsfamilie darum gehen könnte. „Wir wollen soziale Not lindern, soziale Aspekte verändern“, sagt die 64-Jährige, die im Gespräch immer wieder darauf verweist, dass „Quan“ den Status „e.V.“ – gemeinnützig und steuerbegünstigt – besitzt. Und den Bescheid der Bezirksregierung Düsseldorf, eine „anerkannte Beratungsstelle“ nach § 305 der Insolvenzordnung des Landes NRW zu sein. Polizeieinsatz bei der Aktenrückgabe

Bankkauffrau Slopianka betrieb früher mit ihrem Mann und Klubkassierer in RE-Hochlarmark einen Korkboden-Handel. Auch der 2. Vorsitzende, Schwiegersohn Tobias Soldmann, hatte vor der Vereinsgründung nur indirekt mit dem Thema zu tun. Der Diplom-Jurist war bis Juni 2012 Geschäftsführer der Soldmann Großküchentechnik GmbH an der Ortlohstraße 94 in RE-Röllinghausen, die nach der Insolvenzverfahrenseröffnung im September 2012 wegen Vermögenslosigkeit 2016 gelöscht wurde.

"Förderbeitrag" von 100 Euro

Spricht man mit Menschen, die ohne Jobcenter-Gutschein bei „Quan“ Hilfe gesucht haben, wird die Selbstlosigkeit des Vereins anders dargestellt. Ein Ex-Klient aus dem Kreis RE berichtet, dass als erstes die Zahlung eines „Förderbeitrages“ an den Verein fällig gewesen sei: 100 Euro in bar auf Basis eines „Mitglieds-Antrages“, der dieser Zeitung vorliegt. Was ein Ehepaar bestätigt, das im Internet auf „Quan“ stieß. Eine berufliche Veränderung hatte eine finanzielle Schieflage erzeugt, eigentlich wollte man nur einen Plan haben, wie man die Zeit bis zum absehbaren Ende des Engpasses überbrückt. „Schließlich aber hatten wir 18 Schufa-Einträge“, berichtet das Paar.

„Unternehmen haben Verträge gekündigt, die wir doch bedient haben, weil sie angeschrieben wurden, dass wir in der Schuldenberatung sind. Immer wieder wurde uns bei ,Quan’ gesagt: Verkaufen Sie Ihr Haus, dann sind Sie alle Schulden los.“ Der Verein arbeitet mit dem Bochumer Insolvenzberater Christoph Engehausen zusammen, der für sich im Zusammenhang mit „notleidenden Immobilien“ dafür wirbt, belastende „Situationen der Überschuldung komfortabel und unkompliziert“ zu lösen. Zugleich ist Engehausen als Immobilien-Makler unterwegs.

Die Betroffenen sind 400 Euro später in die Schuldenberatung eines Wohlfahrtverbandes gewechselt. „Das Haus ist da kein Thema“, sagt der Mann. Die Herausgabe der Originalakten bei „Quan“ am Grafenwall 9 in RE ging zuvor am 11. Januar gegen 10.30 Uhr nicht reibungslos vonstatten – die Ehefrau war dort u.a. mit der 1. Vorsitzenden Slopianka aneinandergeraten, nun stehen wechselseitige Vorwürfe im Raum. Nach einem Handgemenge um die Akten fand sich die Ex-Klientin hinter verschlossenen Bürotüren wieder. Sie öffneten sich erst, als Streifenwagen der Polizei anrückten.

Verbraucherberatung liefert Checkliste zu Beratern

Die Verbraucherzentrale liefert Tipps, wie sich unseriöse Angebote zur Verbraucherinsolvenz- und Schuldnerberatung erkennen lassen. Gewarnt wird z.B. vor reißerischer Werbung, „Soforthilfe“-Versprechen, fehlender Rechtsdienstleistungsbefugnis, undurchsichtiger Kostenstruktur, Unterschriften unter Zusatzverträgen (z.B. Versicherungen).

Das Jobcenter Kreis RE hat „Quan“ vorab schriftlich mitgeteilt, dass es keine Veranlassung sieht, vom bewährten Konzept der Zusammenarbeit mit der freien Wohlfahrtspflege abzuweichen.

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