Vertrag nicht verlängert

Ex-Amazon-Beschäftigter: "Wurde wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt"

DORTMUND - Im neuen Amazon-Logistikzentrum auf der alten Westfalenhütte sind 200 Verträge nicht verlängert worden. Frühere Mitarbeiter sind mit den Umständen der Trennung äußerst unzufrieden. "Ich wurde wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt", sagt einer von ihnen. Das Unternehmen widerspricht.

Das erste Weihnachtsgeschäft bei Amazon in Dortmund ist vorbei, im Verteilzentrum des Online-Versandhändlers auf der Westfalenhütte kehrt der Normalzustand ein. 1800 Menschen sind als Stammbelegschaft geblieben: 90 Prozent haben laut Amazon für 2018 einen Jahres-, die übrigen einen Halbjahresvertrag erhalten. Die Verträge von 200 Mitarbeitern liefen nach dem Weihnachtsgeschäfts Ende 2017 aus. Dass nicht alle bleiben würden, hatte Amazon zuvor angekündigt.

Einige der ehemaligen Amazon-Mitarbeiter beklagen indes im Gespräch mit unserer Redaktion die Umstände des Endes ihrer Beschäftigung. "Ich wurde wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt", sagt ein 24-jähriger Dortmunder. Seinen Namen möchte er nicht in den Medien lesen, um in den Augen neuer Arbeitgeber nicht als Querulant zu gelten.

Keine Fehlstunden, keine Krankheitstage - trotzdem kein neuer Vertrag

Der 24-Jährige startete Mitte Oktober bei Amazon - wie alle Mitarbeiter ausgestattet mit einem Vertrag bis zum 31. Dezember 2017. "Ich habe jeden Tag gute Arbeit geleistet", sagt der Mann - warum es nicht für einen neuen Vertrag gereicht habe, sei ihm schleierhaft. Eine Begründung für das Aus sei ihm vom Unternehmen nicht genannt worden, "der Manager konnte mir gar nicht in die Augen gucken".

Ähnlich sei es vielen Kollegen gegangen, berichtet auch ein 35-jähriger Dortmunder: "Es hieß, wer pünktlich und zuverlässig ist und seine Leistung bringt, erhält hinterher zu 90 Prozent einen neuen Vertrag." Er habe "von Anfang an Gas" gegeben, habe seine Arbeit zu 100 Prozent gemacht, keine Fehlstunden und Krankheitstage gehabt - und trotzdem erhielt auch er keinen neuen Vertrag. Auch er habe keinen Grund genannt bekommen.

Amazon: "Viele Faktoren" zählen bei Mitarbeiter-Bewertung

Für den 24-Jährigen und den 35-Jährigen ist es unverständlich, wieso Mitarbeiter, die dauernd "gequatscht" hätten oder "durch die Gegend gelaufen" seien, neue Verträge erhalten haben. Aus Sicht der Ex-Mitarbeiter ist es auch ein Unding, dass sie erst am 29. Dezember erfuhren, dass es für sie keine Zukunft gibt. In einer Art Massenabfertigung hätten sie in Gesprächen von ihrem Aus erfahren und dann direkt die Spinde räumen mussten. "Man hätte uns auch vor Weihnachten sagen können, dass wir nicht mehr zu kommen brauchen", sagt der 35-Jährige.

Auf Anfrage der Redaktion sagt Amazon-Sprecherin Antje Kurz-Möller, die Mitarbeiter seien über ihre Weiterbeschäftigung "so früh wie möglich" informiert worden. Bei der Bewertung der Mitarbeiter hätten "viele Faktoren" eine Rolle gespielt, unter anderem Einsatz und Teamverhalten. Mit jedem Mitarbeiter sei gesprochen worden, sagt Kurz-Möller, "aber zugegebenermaßen nicht sehr ausführlich". Wenn ein Vertrag ende, "müssen wir auch keine Begründung liefern".

Die Sprecherin sagt auch: "Die Enttäuschung einzelner Kollegen, die wir nicht weiterbeschäftigen konnten, können wir durchaus nachvollziehen."

Zeitweise fehlten Arbeitsschuhe und Cuttermesser

Der 24-Jährige und der 35-Jährige haben grundsätzlich gerne bei Amazon gearbeitet, die Bezahlung sei auch gut gewesen. Es dürfe aber nicht "alles schön geredet" werden, auch bei einem Weltkonzern wie Amazon sei "nicht alles Gold, was glänzt". Dazu zähle auch, sagen sie, dass zeitweise nicht Arbeitsschuhe und Cuttermesser für alle Mitarbeiter da gewesen seien und sich Mitarbeiter ans Förderband gelehnt oder sogar darauf gesetzt hätten.

Dass anfangs Arbeitsmittel fehlen, bestreitet Kurz-Möller nicht: "Das ist, denke ich, relativ normal, wenn ein Betrieb dieser Größe eröffnet." Eine neuerliche Teil-Öffnung plant Amazon für das Frühjahr: Dann wird eine weitere Halle des Komplexes auf der Westfalenhütte in Betrieb gehen. "Eine signifikante zusätzliche Anzahl von Mitarbeitern wird dafür nicht benötigt", sagt Kurz-Möller.

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