Vestische Kinder- und Jugendklinik

Die Vision von einem Kinderschutzzentrum

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Datteln - Sie sind geschlagen, misshandelt oder missbraucht worden: Rund 1000 Jungen und Mädchen werden jährlich in der Kinderschutzambulanz der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln betreut und behandelt.

Das Schicksal dieser Patienten treibt den Ärztlichen Direktor der Klinik, Prof. Dr. Michael Paulussen, und die Leitende Ärztin der Kinderschutzambulanz, Dr. Tanja Brüning, seit langem um. In diesem Jahr wollen sie damit beginnen, ihre Vision von einem interdisziplinären Kinderschutzzentrum Realität werden zu lassen. Das Ziel ist es, alle Instanzen, die sich professionell mit dem Kindeswohl beschäftigen, unter einem Dach zu vereinen.

Neben Ärzten und Psychologen der Kinderklinik sind das Sozialarbeiter, Vertreter des Jugendamtes und der Strafverfolgungsbehörden. An dem Ort wird keine Klinikatmosphäre herrschen, vielmehr werden medizinische Untersuchungen, die Beratung der Eltern und, falls erforderlich, Vernehmungen durch die Polizei in einem kindgerechten Umfeld stattfinden. „Wir möchten, dass die Kinder nicht mehrfach den Ort wechseln müssen und sich geschützt fühlen“, sagt Dr. Tanja Brüning. Eine derartige Einrichtung gibt es bislang in Deutschland nicht. „Wir werden sie neu erfinden“, betont der Ärztliche Direktor Dr. Paulussen.

Finanzierung noch nicht gesichert

Das Kinderschutzzentrum soll in einem eigenen Gebäude etabliert werden; entweder in einem Neubau auf dem Klinikgelände oder in einem Anbau. Es handelt sich um ein Millionen-Projekt, dessen Finanzierung erst noch gesichert werden muss. Der Staat wird dafür jedenfalls kein Geld geben. Doch die Vestische Kinder- und Jugendklinik hat Erfahrung mit ehrgeizigen Vorhaben dieser Art.

Auch das neben dem Klinikgebäude errichtete Palliativzentrum, eine Spezialeinrichtung zur Versorgung lebensbedrohlich erkrankter Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener, ist ausschließlich durch Spendengelder und Zuwendungen von Geldgebern wie zum Beispiel Stiftungen finanziert worden. Das geplante Kinderschutzzentrum wird zudem die Einstellung zusätzlichen Personals erforderlich machen. Auch das ist eine Frage des Geldes.

„Kinderschutz ist leider keine Regelleistung der Krankenkassen“, bedauert Paulussen. Die Dattelner Kinderklinik hat einen Einzugsbereich, der weit über die Grenzen des Kreises Recklinghausen reicht. Das gilt auch für die Kinderschutzambulanz. Häufig stellen Eltern, die in der Erziehung überfordert sind, ihr Kind freiwillig dort vor.

Viele Patienten, die verdächtige Verletzungen aufweisen, kommen auch auf Initiative niedergelassener Ärzte und der Jugendämter in die Ambulanz. „Wir wollen das Kind nicht nur medizinisch versorgen“, erklärt Ärztin Tanja Brüning. „Wir wollen verstehen, wie es dem Kind geht, wie die Verletzung entstanden ist und wie die familiäre Situation insgesamt ist.“

Verdachtsfälle klären Gewalt gegen Kinder ist angesichts der Missbrauchs-Fälle von Lügde derzeit fast täglich ein Thema. Häufig sind Kinderärzte, Pfleger und Therapeuten unsicher, ob die Verletzungen am Körper eines Kindes wirklich durch Schläge entstanden sind oder bei einem Unfall. Um solche Fragen besser zu klären, gründet NRW jetzt das erste landesweite „Kompetenzzentrum für Kinderschutz“. Auch hieran ist die Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln beteiligt. Rechtsmediziner der Uniklinik Köln und Kinderschutz-Experten aus Datteln stehen ab Ende Mai bereit, „Verdachtsfälle“ von Kindesmisshandlung online oder am Telefon zu klären. Bilder der Verletzungen können über ein geschütztes Portal hochgeladen und anonym gezeigt werden.

Das Ziel sei es, mit den Eltern darauf hinzuarbeiten, dass dem Kind keine Gefährdung mehr droht. Denn die Herausnahme aus der Familie sei immer nur die letzte Option. Der Einstieg in das Kinderschutzzentrum soll – auch ohne Neubau – in diesem Jahr erfolgen. Ein Kernteam aus Ärzten, Psychologen und weiterem medizinischem Personal soll an einem Ort zusammengezogen werden. Damit zumindest schon mal in der Klinik die Wege nicht mehr weit sind.

Rubriklistenbild: © Emily Wabitsch (dpa)

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