„Vieles wird nicht so weiterlaufen“

So sehen die Kirchen ihre Zukunft im Kreis Recklinghausen

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REGION - Wie soll es weitergehen in der katholischen und evangelischen Kirche? Solche Fragen stellen sich angesichts einer aktuellen Prognose, die eine Halbierung der Kirchen-Mitgliederzahlen in Deutschland bis 2060 voraussieht. „Vieles wird zusammenbrechen“, fürchtet Kreisdechant Jürgen Quante erhebliche Folgen für die Struktur der Kirchen in unserer Region.

„Vieles wird nicht so weiterlaufen“, sagt Katrin Göckenjan, Superintendentin im Kirchenkreis Recklinghausen. Die beiden Kirchenleute äußern sich im Detail:

Weniger Seelsorge vor Ort

„Eine flächendeckende Seelsorge wie bislang wird es dann nicht mehr geben“, sagt Propst Jürgen Quante – mit Blick auf das Problem, hauptamtliche Seelsorger zu bezahlen. Das heißt: „Es werden weitere Fusionen stattfinden, es werden weniger bzw. keine Gottesdienste mehr vor Ort gefeiert.“ Möglich sei natürlich, dass sich stattdessen Christen verstärkt für Wortgottesdienste zusammentun. „Aber es besteht auch die Gefahr, dass die betende Kultur versickert“, zeigt sich Quante sorgenvoll. Weniger problematisch sieht der 70-Jährige die Entwicklung bei kirchlichen Leistungen wie Taufen oder Beerdigungen: „Bei weniger Mitgliedern werden sich hier auch die Anfragen verringern. Ich denke, das regelt sich von selbst.“

Auch Katrin Göckenjan geht davon aus, dass man in Zukunft weitere kirchliche Standorte aufgeben muss. Die Superintendentin hält es zudem für notwendig, dass sich die Kirche mehr auf Kernaufgaben konzentriert, zum Beispiel auf die Erfüllung religiöser Bedürfnisse und die Begleitung in Krisensituationen: „Wir müssen gucken: Was wird gebraucht, was können auch andere Gruppen tun? Das geht nur über eine abgestimmtere Zusammenarbeit vor Ort.“

Für Göckenjan steht fest: „Wir können nicht mehr alles machen und auch nicht das Gleiche wie nebenan.“ Das bedeutet, dass sich die Angebote der einzelnen Gemeinden unterscheiden müssen, um „Doppelungen“ zu vermeiden: „Das läuft schon heute teilweise gut, zum Beispiel bei Gottesdienst-Angeboten: In der Kirchengemeinde Recklinghausen-Ost macht der eine Pfarrbezirk einen Literatur-, der andere einen Film-Gottesdienst, beim dritten steht ein Wort im Mittelpunkt.“ Auch die Arbeit der Pfarrer müsse sich ändern: „Sie müssen verstärkt Ehrenamtliche begleiten, im Team arbeiten, nicht mehr alles selber machen. Das bedeutet eine Entlastung.“ So sei dann zum Beispiel Zeit für Leistungen wie Taufen oder Beerdigungen: „Das ist Kerngeschäft der Pfarrer, mehr als ein Dienst, hier geht es um die christliche Botschaft ,Gott geht mit dir durchs Leben‘.“

Veränderungen bei sozialen Diensten

Ob in Kindergärten oder Krankenhäusern, bei der Schwangerenberatung oder in der Altenpflege: Die beiden Kirchen sind in vielen sozialen Bereichen aktiv.

„Das ist in der heutigen Form nicht aufrechtzuerhalten“, sagt Jürgen Quante. „Hier muss der Staat dann aus finanziellen Gründen mehr übernehmen, womöglich kommt es zu einer Art Umverteilung der vorherigen Kirchensteuer.“ Quante analysiert: „Das Sozialsystem wird nicht zusammenbrechen, aber es wird vielerorts nicht mehr unter kirchlichen Vorzeichen laufen. Dadurch wird viel ehrenamtliches Engagement im Umfeld der Einrichtungen verloren gehen. Und das Ehrenamt ist ein wichtiger Teil unserer Kultur.“

Katrin Göckenjan sieht in Kindergärten „unglaublich wichtige Orte für Aktivitäten im Gemeindeleben“. Und eine Kirche ohne Diakonie sei keine Kirche, betont die Superintendentin. „Beides wird bleiben“, sagt Göckenjan – nur müsse man nachdenken, in welcher Form und Größe. „Was bieten Gemeinden an? Was lässt sich durch Projekt-Ehrenamt auffangen? Auch die staatliche Finanzierung muss überprüft werden.“ Kirchliche Kindergärten werden bereits heute zum größten Teil über öffentliche Mittel finanziert.

Strategien gegen Kirchenaustritte

Für die Mitgliederentwicklung ist nach der FZG-Prognose längst nicht nur der demografische Faktor verantwortlich – wesentliche Aspekte sind auch zum Beispiel Taufen und Austritte, also beeinflussbare Elemente. Da stellt sich die Frage: Mit welchen Maßnahmen, Strategien können die Kirchen den Mitgliederschwund bremsen?

„Wir können noch attraktiver durch Angebote mit kurzfristiger Bindung werden. Immer mehr Menschen sind eher bereit, sich für ein bestimmtes Projekt zu engagieren. Das läuft bereits in einigen Bereichen gut, zum Beispiel in Chören, in der Flüchtlingsarbeit, bei Freizeiten. Hier können wir sicherlich noch mehr machen“, meint Katrin Göckenjan. „Und ganz wichtig ist bei unserer Arbeit eine veränderte Haltung: Wir müssen weniger Behörde sein, die sich um das Organisieren kümmert, sondern mehr Handelnde, Aktive, die fragen: Was kann ich für dich tun? Wichtig ist vertrauensvolles Handeln vor dem Hintergrund der christlichen Botschaft, dass der gute Gott uns begleitet.“

Für Jürgen Quante muss bei der kirchlichen Arbeit die Glaubwürdigkeit im Mittelpunkt stehen: „Wir müssen Vertrauen wiedergewinnen. Die katholische Kirche hat hier viel verloren“, betont der Kreisdechant und nennt den Missbrauchsskandal, das ungelöste Problem der Frauen in der Kirche, die Sexualmoral, die Amts- und Machtfrage, den Zölibat. „Das sind ungelöste Probleme seit 50 Jahren, das Zweite Vatikanische Konzil ist nicht zu Ende gedacht worden“, beklagt Quante. Und: „Glaubwürdig sein, das heißt für uns vor Ort, dass wir gut arbeiten, unseren Dienst treu tun – damit man uns unsere Botschaft glaubt: Jesus Christus bringt Entscheidendes im Menschen voran.“

Perspektiven einer kleineren Kirche

„Offenbar wird Kirche zunehmend zu einer Minderheit– mit nachlassendem Einfluss, weniger Macht“, stellt Jürgen Quante fest. „Aber vielleicht sind wir durch unsere Größe, durch das Kirchensteuer-Geld auch bequem geworden. Vielleicht reden wir wieder mehr von Gott, wenn wir kleiner sind.“

Katrin Göckenjan betont, dass Kirche auch mit der Hälfte der Mitgliederzahl keineswegs verschwindet. „Und diese kleinere Kirche hat die Chance, sich mehr zu trauen: Man muss sich dann weniger um Konventionen kümmern, hat nichts zu verlieren, kann klarere Positionen beziehen.“

Rubriklistenbild: © Evandro Inetti (ZUMA)

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