+
Am Kreuz an der Rumsmühle in Waltrop steht: „Was soll das Kreuz, das hier am Wege steht? Es will dem Wanderer der vorüber geht, das grosse Wort der Wahrheit sagen für dich hat Gott das Kreuz getragen.“

Vielfalt am Straßenrand

Mehr als 100 Wegekreuze stehen im Kreis Recklinghausen

  • schließen
  • Thomas Bartel
    Thomas Bartel
    schließen

Region - Wegekreuze sind aus unterschiedlichen Motiven entstanden – die Glaubenszeugnisse können Zeichen des Dankes oder einer Bitte sein, sie dienen als Segens- oder Prozessionsstation. Manche sollten auch Geister vertreiben.

Manche sind groß und wuchtig, andere unauffällig und leicht zu übersehen, an wieder anderen hat der Zahn der Zeit bereits kräftig genagt – die Wegekreuze. Weit mehr als 100 von ihnen gab und gibt es nach Experten-Schätzung im Kreis Recklinghausen. Und sie unterscheiden sich nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in ihrer Entstehung.

Manche Wegekreuze sind an städtischen Ausfallstraßen als Schutz und Segen für Reisende aufgestellt worden, manche dienten als Station bei Prozessionen. „So gab es zum Beispiel früher Hagelprozessionen – aus Angst davor, dass bei schweren Gewittern im Sommer die Ernte durch Hagelschlag vernichtet wurde. Das waren Bitt-Prozessionen, es ging um die Lebensgrundlage“, erzählt Arno Straßmann von Prozessionen zu sogenannten Hagelkreuzen. Und der Recklinghäuser Stadt- und Kirchenführer ergänzt: „Vor allem im ländlichen Raum sind Wegekreuze heute immer noch Prozessions-Stationen.“

Viele Wegekreuze sind auch vor oder an Bauernhöfen aufgestellt worden. Oft waren sie einfach ein Zeichen von Frömmigkeit, „sie zeigten eine tiefe Verbundenheit zur katholischen Kirche“, wie Straßmann sagt. Doch bisweilen gibt es für die Kreuze auch individuelle familiäre Gründe: Ein Gelübde wurde durch die Kreuz-Errichtung erfüllt – zum Beispiel nach der Heilung von einer schweren Krankheit.

Und auch mit Geisterhaftem hatten Wegekreuze bis in das 19. Jahrhundert hinein bisweilen zu tun, wie Arno Straßmann berichtet: „Da war der Aberglaube, dass es besonders magische Orte gab, an denen sich Geister und Hexen aufhielten. Das wollte man durch das Aufstellen eines Kreuzes bannen.“ Sehr unterschiedliche Geschichten verbergen sich hinter Wegekreuzen. Hier zwei Beispiele aus dem Kreis Recklinghausen:

Wegekreuz am Alten Friedhof Recklinghausen

Fast lebensgroß ist die Kreuzigungsgruppe aus dem 18. Jahrhundert, die am Alten Friedhof am Lohtor in Recklinghausen steht. In der Mitte Jesus am Kreuz, an den beiden Seiten seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes.

„Damals gab es an allen Stadttoren von Recklinghausen Wegekreuze oder Heiligen-Häuschen. Von den Toren führten die Straßen aus der Stadt hinaus, in diesem Fall in Richtung Nordwesten, zum Beispiel nach Speckhorn. Die Wegekreuze waren da Segensstationen für Reisende und Wanderer. Dort erbat man sich Hilfe und Schutz für die Reise sowie eine gute Rückkehr“, berichtet Arno Straßmann. „Denn die Gefahren auf dem Weg von der vestischen Hauptstadt ins Umland waren damals groß: Man hatte Angst vor Überfällen, Wegelagerern.

Und der Zustand der Wege war mehr als miserabel. Nicht umsonst heißt es ,Hals- und Beinbruch‘“, sagt der 63-Jährige. Die Schutz-Bitte an Wegekreuzen sei vergleichbar gewesen mit dem Anrufen von Heiligen an kirchlichen Nebenaltären, wenn man in Not war. „Und Jesus Christus als Erlöser war die allerhöchste Macht, die man im Gebet ansprechen konnte“, weist Straßmann auf die Bedeutung des Wegekreuzes am Recklinghäuser Lohtor hin.

Die Kreuzigungsgruppe aus Sandstein stammt aus der Zeit um 1720. Sie wurde von der katholischen Kirche aufgestellt und von den Eheleuten Gerhard Casper Schaumburg und Agnes Sibilla geborene Horst gestiftet. Das Kreuz Jesu steht dabei auf einer Schädelstätte – mit Knochen und einem Totenkopf. Arno Straßmann erläutert: „Der Totenkopf steht für Adam. Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies gab es Sünde und Tod. So war Adam der erste gestorbene Mensch. Und Jesus steht hier über der Schädelstätte, überwindet den Tod mit der Auferstehung.“

Wegekreuz an der Rumsmühle in Waltrop

Ein schlichtes, hochaufragendes Holzkreuz in einer fünfeckigen Einfassung zeigt die Kreuzanlage Rumsmühle in der Waltroper Bauerschaft Leveringhausen. Seine 220-jährige Geschichte hat Franz van der Kemp erst vor wenigen Jahren enträtselt.

„Ihr Ursprung steht im Zusammenhang mit der Französischen Revolution“, erklärte der Hobby-Historiker jetzt unserer Zeitung. Ende des 18. Jahrhunderts flohen Hunderte katholische Geistliche vor den kirchenfeindlichen Revolutionsgarden. Mindestens fünf von ihnen fanden in der Gemeinde St. Peter in Waltrop Asyl, obwohl der Kurfürst aus politischen Gründen die Aufnahme von Flüchtlingen verboten hatte. Die Benediktinermönche kamen auf Bauernhöfen unter, unterrichteten Kinder und Jugendliche, halfen in der Gemeindearbeit und feierten täglich die Messe in der nahen Laurentiuskapelle.

Aus Dankbarkeit errichteten die französischen Mönche wohl kurz nach 1800 nahe des Hofes Rumsmühle am damaligen Hauptweg zwischen Waltrop und Ickern eine aufwendige Kreuzanlage. „Der unregelmäßige fünfeckige Grundriss hat mich auf die Idee gebracht, da er an berühmte französische Festungen wie die Zitadelle von Straßburg oder das Fort Douaumont bei Verdun erinnert“, verrät Franz van der Kemp. Auch das besondere Schmiedegitter der Anlage weist auf diese Zeit hin.

Doch die Geschichte geht noch weiter: Als 1906 der Dortmund-Ems-Kanal im Waltroper Süden gebaut und der Fahrweg unterbrochen wurde, verfiel die Kreuzanlage – bis ein Sohn der Familie Rumsmühle 1917 ein Zeichen setzte. Nachdem er als Soldat die Schlacht bei Verdun – offenbar verwundet – überlebt hatte und in die Heimat zurück durfte, erneuerte er noch im Kriegsjahr aus Dank das marode Balkenkreuz.

Durch den Bau der Viktorstraße mit der Brücke über den Kanal geriet dann die versteckt gelegene Anlage erneut in Vergessenheit. Erst Alois Nußhardt, dem ehemaligen Waltroper Schulleiter, gelang es Anfang der 1990er-Jahre, die Kreuzanlage vor dem endgültigen Aus zu retten. Dies geschah mit der tatkräftigen Hilfe des Männerwerks St. Ludgerus. „Seitdem wird das Wegekreuz an der Rumsmühle regelmäßig gepflegt“, weiß van der Kemp.

Neue Wegekreuze werden heute kaum noch aufgestellt. „Die Bedeutung für die Menschen hat nachgelassen, ich kenne im Kreis Recklinghausen kein neues Wegekreuz“, sagt Arno Straßmann. Aber: „Nach wie vor kümmern sich Heimat-, Verkehrs- und Verschönerungsvereine sowie Kirchengemeinden um Kreuze, die zu verfallen drohen.“ So stehen sie weiterhin als Glaubenszeugnisse am Straßenrand, sie mahnen Vorbeikommende zum Innehalten oder Gebet – egal ob groß und wuchtig oder unauffällig und leicht zu übersehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Brexit: Entscheidung vertagt! Johnson beantragt wieder einen Aufschub
Brexit: Entscheidung vertagt! Johnson beantragt wieder einen Aufschub
Metro verkauft Real: Wohin die Reise für den Supermarkt in Herten geht, ist offen
Metro verkauft Real: Wohin die Reise für den Supermarkt in Herten geht, ist offen
Wie viele Einwohner hat Waltrop? Eine Frage, bei der sich die Statistiken widersprechen
Wie viele Einwohner hat Waltrop? Eine Frage, bei der sich die Statistiken widersprechen
Rückruf: Salami kann Kunststoffstückchen enthalten - Worauf Käufer jetzt achten sollten
Rückruf: Salami kann Kunststoffstückchen enthalten - Worauf Käufer jetzt achten sollten
130 Filialen in Deutschland: Bekannte Möbelhauskette vor dem Aus? 
130 Filialen in Deutschland: Bekannte Möbelhauskette vor dem Aus? 

Kommentare