Die Warnung kam immer noch rechtzeitig

"Dann kamen wir raus und die Stadt brannte"

Dortmund - Lieselotte Quetting, 1929 geboren. Tarnte Bunker und kehrte 1944 zurück.

Meine Kindheit war ganz normal und sehr glücklich. Mein Vater war als Architekt Stadtbaumeister, er hat im Krieg den großen Stollen unter Dortmund gebaut. Als der Krieg begann, konnten wir damit nichts anfangen, wir hatten nur furchtbare Angst.

Woher wussten die Arbeiter von den Angriffen?

Mein Vater hatte sein Büro unten im Bunker. Es waren ja nur Fremdarbeiter, die das machten. Dann sagten die immer: "Chef, heute Abend gibt es einen Angriff auf Dortmund." Er hat uns dann Bescheid gesagt. Und wir sind oft drei, vier Nächte nacheinander, als die Zeit besonders schwer war, zu dritt mit unserem Köfferchen runter und haben das überstanden. Man hat es oben gehört. Dann kamen wir raus und die Stadt brannte. Wir wussten nicht, nach Hause zu kommen, das war unglaublich.

Wir haben uns immer gefragt: Woher wussten die Arbeiter, dass heute der Angriff auf Dortmund stattfinden sollte? Später habe ich herausgefunden, dass sie am Hauptfriedhof eine Sendeanlage hatten, die sie immer abgehört haben.

Ohne Geld irgendwie zurück nach Dortmund

Zur Kinderlandverschickung war ich ab 1943 zunächst in Oberaudorf, dann in Freiburg. Dort arbeiteten wir mit Schüppen am Westwall, um die Bunker zu tarnen. Immer wieder kamen Tiefflieger, einen Jungen haben sie erschossen.

Dann wurde Freiburg 1944 bombardiert. Ich weiß noch heute nicht, wie ich nach Dortmund gekommen bin. Ich bin mit einer Freundin überall rumgefahren, ohne Geld. Nach zweieinhalb Tagen waren wir wieder hier. Dann kamen wir in Dortmund an und die Bombenangriffe gingen weiter.

Das Kaninchen blieb kalt

Von den Arbeitern meines Vaters bekamen wir zu Weihnachten ein Kaninchen geschenkt, die hatten das wohl selbst großgezogen. Dann haben wir das Kaninchen auf dem Tisch gehabt, und es kam ein Angriff. Wir hatten neben uns einen Bunker in der Landgrafenstraße. Da waren wir drin, nach einer halben Stunde kam die Entwarnung.

Dann hat meine Mutter das Essen noch mal warm gemacht und wir haben es wieder nicht zu Ende gekriegt. Drei Mal. Das war Heiligabend. Da haben wir es nicht geschafft, das Kaninchen zu essen, weil wir dreimal wieder in den Bunker mussten.

Wenn die Christbäume kamen, wurde es ernst

Im Bunker war es sehr ruhig, man hatte ja Angst. Man hörte die Flieger. Die warfen immer - wie wir sie nannten - Christbäume ab, um ihre Ziele zu erhellen. Und wenn die Christbäume über uns waren, wussten wir: Jetzt sind wir dran. Diese nervliche Anspannung war enorm.

Das Haus, in dem wir wohnten, wurde schließlich zerbombt. Meine Großeltern waren ein Jahr zuvor ausgebombt worden und sind dann ins Sauerland nach Eversberg. Der Ort liegt oben auf einem Berg. Das war eine tolle Zeit. Bis auch da die Tiefflieger hinkamen. Als die Amerikaner kamen war es insofern schwierig, dass die deutschen Soldaten sich auf dem Berg verschanzt hatten. Und die gaben nicht auf. Dann kamen die Amerikaner und es wurde geschossen. Neben uns im Haus haben sie ein Mädchen in meinem Alter dabei erschossen.

Ich sehe die Sachen, die passiert sind, noch heute vor Augen. Die gehören zu meinem Leben. Aber es belastet mich nicht mehr.

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