Weihnachtsspende 2018

Vom eigenen Staat im Stich gelassen

Im Interview erzählt uns der Bürgermeister des Dorfes Finkolo, wie die Flucht junger Männer seine Gemeinde schwächt.

Drissa Quattara (43) ist mit zwei Frauen verheiratet, er hat sechs Kinder und ist Bürgermeister von Finkolo. Seine Gemeinde im Grenzgebiet von Burkina Faso und Mali hat etwa 21.000 Einwohner in 17 kleinen Dörfern. Das Gebiet ist in der Regenzeit gar nicht erreichbar. Bei unserer Recherche zu unserer Weihnachts-Spendenaktion 2018 mit der Düsseldorfer „YOU – Stiftung Bildung für Kinder in Not“ brauchten wir für die 14 Kilometer von der Abzweigung an der „Hauptstraße“ durch den Regenwald anderthalb Stunden. Es gibt für die Kinder der 21.000 Einwohner zwei Schulen.

Bei einer ist ein Teil jetzt während der Regenzeit eingestürzt. Wie viele Kinder in seiner Gemeinde leben, weiß der Bürgermeister nicht genau, es sind Tausende. Die Schulen werden von uns unterstützt, die Lehrer von uns bezahlt. Drissa Quattara fasst sein „Bildungswesen“ so zusammen: „Vom Staat bekommen wir keine Hilfe. Ohne die Hilfe von euch hätten wir keine Schulen, keine Ausbildungsprojekte, keine Zukunft.“ Noch etwas weiß er: „Jeden Monat gehen ungefähr 200 Männer weg. Sie hoffen auf Europa“. Wir haben Bürgermeister Quattara interviewt.

200 junge Männer verschwinden jeden Monat. Was heißt das für Ihre Gemeinde?

Quattara: Wir bluten aus. Die Männer verschwinden, die Familien bleiben zurück. Um die Frauen und Kinder müssen sich die Verwandten kümmern. Felder liegen brach, der Wald erobert sich Land zurück. Und die jungen Frauen finden keine Männer mehr. Unsere Ordnung bricht zusammen.

Was tun Sie dagegen?

Quattara: Was soll ich tun? Ich bekomme kein Geld vom Staat, wir können keine Straße bauen, wir können unsere Produkte nicht auf den Markt bringen. Wir gehen hier auf Dauer zugrunde. Deshalb verschwinden die jungen Männer.

Ihr ältester Sohn studiert in Malis Hauptstadt Bamako. Was würden Sie sagen, wenn er sich aufmacht nach Europa?

Quattara: Ich würde versuchen, es ihm auszureden. Und dann würde ich ihm meinen Segen geben und ihm viel Glück wünschen.

Sie wissen um die Gefahren der Flucht, trotzdem würden Sie ihn ziehen lassen. Sind Sie ein schlechter Vater?

Quattara: Nein. Ich liebe meine Kinder. Aber er hat hier keine Zukunft. Wir sitzen hier in einem Gefängnis. Wer raus will, der muss ausbrechen.

Kennen Sie die Schicksale von Menschen, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben?

Quattara: Nur von wenigen. Meist von denen, die es nicht geschafft haben. Von drei jungen Männern wissen wir, dass sie umgekommen sind, wahrscheinlich ertrunken. Von zwei anderen fehlt jede Spur.

Ihr Land ist fruchtbar. Hier wächst alles. Warum geht es nicht vorwärts?

Quattara: Weil die Menschen hier keine Hoffnung haben. Wir brauchen Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung und dann Arbeitsplätze, Arbeitsplätze. Arbeitsplätze für unsere Jugend. Bei uns wachsen zum Beispiel wunderbare Mangos. Wenn sie reif sind, dann ernten wir für den Eigenbedarf, der Rest verfault oder wird von Tieren gefressen. Sie werden alle zur gleichen Zeit reif, aber wir können sie nicht auf die Märkte transportieren. Eure Regierung gibt viel Geld für Afrika aus, aber davon sehen wir nichts. Wir brauchten zum Beispiel eine Weiterverarbeitungsanlage zur Marmelade-Erzeugung, zum Eindosen oder zur Versaftung unserer Mangos. Der gesetzliche Mindestlohn liegt ungerechnet bei 130 Euro im Monat. Die Menschen hier würden für die Hälfte oder noch weniger arbeiten. Aber es kommt keiner, der investiert.

Sie haben unsere Hilfe vergessen.

Quattara: Nein, die vergesse ich nicht. Sie unterstützen drei Schulen, halten Sie am Laufen. Sonst hätten wir gar keine. Sie helfen bei der Einführung guter Methoden in der Landwirtschaft. Sie schulen unsere Bauern in der Hühnerzucht. Das ist ein Anfang. Ohne solche Hilfen wäre unsere Lage noch katastrophaler.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Hiobsbotschaft für Pendler in Marl, Raser im Ostvest 100 km/h zu schnell, Möbelkette vor dem Aus?
Hiobsbotschaft für Pendler in Marl, Raser im Ostvest 100 km/h zu schnell, Möbelkette vor dem Aus?
130 Filialen in Deutschland: Bekannte Möbelhauskette vor dem Aus?
130 Filialen in Deutschland: Bekannte Möbelhauskette vor dem Aus?
Pendler kommen nicht mehr direkt von Sinsen nach Düsseldorf
Pendler kommen nicht mehr direkt von Sinsen nach Düsseldorf
Mit 150 km/h durch die Stadt - hier wurden im Ostvest die schlimmsten Raser erwischt
Mit 150 km/h durch die Stadt - hier wurden im Ostvest die schlimmsten Raser erwischt
Tumult in Hertener Supermarkt: Ladendieb will sich losreißen - es gibt zwei Verletzte
Tumult in Hertener Supermarkt: Ladendieb will sich losreißen - es gibt zwei Verletzte

Kommentare