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BU Story 10/Foto 1 Die Frauen vom Tanghin-See holen Wasser für Ihre Felder. Die sehen Sie im Hintergrund. Sie erzielen bis zu drei Ernten pro Saison

Weihnachtsspende 2018

Die Frauen vom Tanghin-See

Sie flüchten nicht, sie packen an – in diesem landwirtschaftlichen Projekt bauen sich Frauen eine neue Lebensperspektive auf. Wir helfen dabei.

Sie stehen bis zu den Knien im Wasser und schöpfen die schlammige Brühe in eiserne Gießkannen der Marke Eigenbau: die Frauen am Tanghin-See, direkt am Ortsrand von Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Dann schleppen sie die vollen Wasserkannen auf akkurat angelegte Felder und wässern das dort angebaute Gemüse. Wir sind in einem weiteren Projekt unserer Weihnachts-Spendenaktion zusammen mit der Düsseldorfer „YOU – Stiftung Bildung für Kinder in Not“.

Wenn man in Afrika etwas verändern oder verbessern will, dann muss man sich an die Frauen halten. Sie kommen von den umliegenden Dörfern, und was sie da machen, ist ein bisschen illegal: Sie haben das brachliegende Land besetzt und bauen in eigener Regie Gemüse an. Dazu haben sie sich zu einem Verein zusammengeschlossen. Zur einfachsten rechtlichen Form des Vereins, mit Präsidentin, Schriftführerin und Kassiererin. Damit dürfen Sie ein Konto eröffnen und Rechnungen ausstellen.

Mariam 0uedragogo (39) füllt im Wasser stehend die Kannen ihrer Mitarbeiterinnen. Sie erzählt uns die Geschichte der Frauen vom Tanghin-See, einem ehemaligen Trinkwasserreservoir der großen Stadt Ouagadougou. Auf dem Land verschlechterte sich die Lage von Jahr zu Jahr: weniger Regen, kleinere Ernten, immer weniger Geld. Seit vier Jahren sind viele Frauen gegangen.

Mariam Oedragogo: „Sie haben uns die Kinder dagelassen und sind weg. Von keiner haben wir mehr etwa gehört. Als es immer schlimmer wurde, sind wir an den See gezogen, zu Familien, die uns aufnahmen. Da hatten wir dann eine Idee.“

Die war einfach: Zur Regenzeit füllte sich der gewaltige Trinkwasserspeicher und bedeckte immer mehr Land mit Wasser. Ist die Regenzeit zu Ende, dann zieht sich der See zurück, gibt immer mehr Land frei. Fruchtbares Land mit wunderbarer feuchter Erde. Die trocken liegenden Flächen parzellierten sie, jede mitarbeitende Frau bekam eine „Planche“ (ein Beet), 50 mal 100 Meter groß. Dann bauten sie an, was sie kannten: Salat, Süßkartoffeln, Amaranth, Karotten, Zwiebeln und Kraut.

Die österreichische Partnerorganisation der YOU-Stiftung, HOPE 87, wurde auf dieses reine Frauenprojekt aufmerksam, es kam zu einer Zusammenarbeit auch mit der YOU-Stiftung. Statt wie bisher die Pflanzen traditionell aus Eimern zu wässern, wurden Gießkannen angeschafft, Düngemittel wurden bereitgestellt. Hier leisten wir Hilfe durch verbessertes Saatgut, durch Ankauf von kleinen handgezogenen Tankwagen, damit die Frauen die schweren Gießkannen nicht mehr so weit zu entlegenen Feldern schleppen mussten. Sie werden geschult in moderner Bodenbearbeitung, in Landwirtschaft, im Fruchtwechsel, sie werden zu Gemüsebäuerinnen ausgebildet.

Assetou Kabore (36) muss heute volle Gießkannen schleppen. Aber sie lacht: „Übermorgen darf ich wieder schöpfen, wir wechseln uns alle ab. In diesem Jahr werde ich mit meiner Planche ungefähr 80 bis 110 Euro verdienen. Das ist toll. So viel Geld habe ich noch nie gehabt. Da kann ich schon zwei von meinen vier Kindern in die Schule schicken.“

Die Ernte wird entweder an Großabnehmer wie Hotels oder große Markthändler verkauft oder die Frauen bringen ihr Gemüse selbst auf den Markt. Der Boden ist so fruchtbar, dass sie problemlos zwei, manchmal drei Ernten erzielen.

Assetou Kabore kommt mit einer leeren Kanne zurück, wischt sich den Schweiß von der Stirn und sagt: „Ich wollte auch schon gehen. Aber das brauche ich jetzt nicht mehr, ich wäre ja dumm. Mit den neuen Geräten und den neuen Pflanzen werden wir noch mehr verdienen. Das garantiere ich euch: Keines von meinen Kindern muss mal mit der Sammelbüchse rumlaufen und betteln. Dafür sorge ich.“

Das ist Hilfe zur Selbsthilfe, wie es besser nicht geht. Und die Männer? Assetou Kabore winkt ab: „Die lassen uns in Ruhe. Am Anfang haben sie versucht, uns das Geld abzunehmen. Aber das haben wir immer sofort unserer Kassiererin gegeben. Die verwaltet es, zahlt es an uns aus, wenn wir etwas brauchen, und einmal im Jahr wird abgerechnet und jede von uns bekommt ihren Anteil.“ Alles sehr einfach – aber genau deshalb funktioniert es auch.

Es kann so einfach sein, so zu helfen, dass Menschen ein würdiges Leben in ihrer Heimat führen können. Und die Frauen vom Tanghin-See führen ein würdiges Leben. Und sie haben die Zuversicht, dass sie das mit unserer Hilfe auch an ihre Kinder weitergeben können. Wir werden die Landfrauen vom Tanghin-See mit modernerem Material auszustatten – mit Ihrer Hilfe liebe Leserinnen und Leser, mit Ihren Spenden.

Unsere Projekte in Afrika sind keine großen Projekte, sie kosten auch nicht viel Geld – aber sie sind wirksam: Sie helfen Menschen, die sich keinem Flüchtlingstrom anschließen wollen. Menschen, die ihr Leben in ihrer Heimat selbst in die Hand nehmen wollen.

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