Weihnachtsspende 2018

Zwei, die es geschafft haben

Burkina Faso/Mali - Wie Bildung Afrikas Teufelskreis durchbrechen kann, zeigen Lehrlinge eines Hilfsprojektes.

Ouagadougou, im Zentrum der Hauptstadt Burkina Fasos: Wir sind mitten in der Recherche für unsere Weihnachtsspendenaktion 2018 für Burkina Faso zusammen mit der Düsseldorfer YOU – Stiftung Bildung für Kinder in Not. Wir sitzen im Café „La Perle“ und warten auf unser Visum, das gegenüber im Konsulat von Mali ausgestellt wird. Dafür haben wir 90 Dollar bezahlt und eine Quittung über 15 Dollar erhalten. Afrika eben – der Konsulatsangestellte muss auch leben.

Plötzlich knattert ein Motorrad heran. Das kann in Ouagadougou viel bedeuten, oft nichts Gutes. Soldaten nehmen die Kalaschnikows von der Schulter. Die Szene löst sich schnell in Wohlgefallen auf: Die Motorradfahrer sind Abdoulaye (22) und sein Freund Alpha (21).

Die zwei sind Handwerker, können mauern, Elektrik verlegen, verputzen, Metall bearbeiten und Fensterrahmen bauen. Heute erledigen sie Schweißarbeiten. Es sind fröhliche Typen: Turnschuhe, zerlöcherte Jeans, T-Shirts, Baseball-Cap. So sehen junge Männer bei uns im Hochsommer auch aus.

Wir sprechen sie an. Zuerst sind sie misstrauisch. Doch als sie erfahren, dass wir am Vortag in der Ausbildungswerkstatt von Thieri Some waren, ist alles okay. Über ihn hatten wir in unserer letzten Geschichte am Donnerstag berichtet. Thieri bildet Lehrlinge in seiner Metallwerkstatt aus, damit sie sich ein eigenes Leben aufbauen und sich nicht einem der Flüchtlingstrecks Richtung Europa anschließen. Auch diese Werkstatt unterstützten wir bei unserer Hilfsaktion für Burkina Faso. „Oh, ihr wart bei Papa Thieri, bei dem waren wir auch. Ich drei Jahre, der Abdoulaye zwei Jahre“, erklärt uns Alpha.

Er erzählt uns die Geschichte der beiden. Sie wuchsen in Großfamilien auf: Er hat sechs Geschwister, Abdoulaye acht. Die Väter waren Bauern, die ganze Familie musste mitarbeiten, um nicht zu verhungern. An Schule war ab dem achten Lebensjahr nicht zu denken.

Sie stiegen ein in den üblichen afrikanischen Teufelskreis: Keine Schule, keine Bildung, kein Geld, keine Zukunft. Nur Arbeit, Hunger, Krankheiten – und sehr oft ein früher Tod. Beide haben Geschwister verloren, deren Namen wissen sie heute schon nicht mehr. Dann die Katastrophe: Die Väter starben bei einem Unfall, als sie ihre Gemüse auf den Markt fahren wollten. Das Ende des Familienlebens. Die Kinder wurden auf die Familien von Verwandten aufgeteilt, das ist in Afrika so üblich.

Sie haben zusammen ihr Dorf verlassen, zogen in die Stadt, reihten sich ein ins Millionenheer der Heimat- und Bindungslosen, der Tagelöhner und der Tagediebe. Und dann kam ihr Glück: Sie wurden von einem Streetworker angesprochen, der schickte sie zu Thieri Some in die Werkstatt. Das war vor fünf Jahren. Alpha erzählt: „Der Chef hat uns Essen gegeben. Das hatten wir noch nie erlebt.“ Dann erklärte ihnen „Papa Thieri“, wie es bei ihm läuft: Es wird an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr am Abend. Von eins bis drei ist Pause, denn da ist es zu heiß. Die Lehrlinge müssen das Lesen, Schreiben und den Umgang mit Zahlen lernen. Wer dreimal gegen die Regeln verstößt, fliegt raus.

„Nichts mehr gehört von denen, die weggingen.“

Die beiden Dorfjungen haben durchgehalten. Sie haben gelernt, gearbeitet. Ihre Hände sind bedeckt von Brandnarben. Aber sie haben es geschafft. Der eine war nach zwei Jahren fertig, der andere brauchte ein Jahr länger. Zurück in ihrem Dorf haben sie sich etwas Geld von einem Onkel geliehen, gebrauchtes Werkzeug gekauft und von Haus zu Haus ziehend ihre Arbeit angeboten. Das ist zwei Jahre her.

Sie haben es geschafft, sie sind selbstständig, sie haben ihre Arbeit – und sie haben eine Zukunft. Abdoulaye ist mit dem Schweißen fertig, er gesellt sich zu uns und sagt: „Wir sind gut. Das wissen die Leute. Wir kriegen Aufträge.“ Die beiden haben sich ein gebrauchtes Motorrad angeschafft, das macht sie beweglich. Das haben sie auf Kredit gekauft. Man kennt sie, sie sind kreditwürdig.

Abdoulaye rechnet vor: „Wir kriegen für unsere Arbeit am Tag zwischen fünf und sechs Euro nach eurem Geld. Davon können wir unsere Schulden bezahlen und leben. Da bleibt sogar noch etwas übrig.“ Haben sie schon ein mal daran gedacht, wegzugehen, ihr Glück in Europa, in Deutschland zu versuchen? Alpha: „Na klar, das denken wir doch hier alle. Da sind auch schon welche weg. Aber wir haben nie mehr etwas gehört von denen. Ich wäre ja schon auch gegangen. Aber Abdoulaye hat mir das ausgeredet.“ Der mischt sich wieder ein: „Warum weggehen. Hier verdienen wir Geld, wir können leben. Hier werden wir geachtet.“

Geschichten wie die von Alpha und Abdoulaye, das ist der Hoffnungsschimmer in der Finsternis des afrikanischen Elends. Die beiden stehen für die Ziele unserer Spendenaktion 2018, für die Hilfe zur Selbsthilfe, die wir auch mit Ihrer Unterstützung, liebe Leserinnen und Leser, erreichen wollen.

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