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In einer Westfälischen Pflegefamilie können sich Kinder und Jugendliche sicher und geborgen fühlen, die besondere Aufmerksamkeit benötigen. So wie die kleine Emine, über die wir vor einem Jahr schon einmal berichtet haben. Symbolfoto: dpa

Westfälische Pflegefamilie

Eine echte Bereicherung

RECKLINGHAUSEN - Jetzt kann es endlich Weihnachten werden. Nach und nach hat Iris das Haus festlich dekoriert, und sie freut sich jedes Mal, wenn Pflegetochter Emine ein Teil vom Adventsschmuck wiedererkennt. „Das hatten wir im letzten Jahr auch“, sagt die Neunjährige dann. Es ist das zweite Christfest, das Iris und Detlev, ihre drei erwachsenen Kinder und Emine (Name geändert) zusammen feiern.

„Jetzt haben wir schon gemeinsame Erinnerungen.“ Dass ihre Pflegetochter das auch so wahrnimmt, darüber freut sich Iris nach 20 Monaten Familienleben: „Vieles ist bei uns Gewohnheit geworden.“ Auch, dass Emine ihre Pflegeeltern Mama und Papa nennt. Seit April 2011 gehört das Mädchen zur Familie. Wir haben genau heute vor einem Jahr darüber berichtet, wie Emine, Iris (50) und Detlev (63) zusammenkamen, wie aus der Familie mit drei erwachsenen Kindern – zwei Töchtern und einem Sohn – mit dem kleinen Wirbelwind eine Westfälische Pflegefamilie wurde. Sie haben sich noch ein Kind gewünscht, als die eigenen groß waren. Es als Westfälische Pflegefamilie zu versuchen, diese Idee kam dem Ehepaar, als es in unserer Zeitung einen Aufruf der Diakonie entdeckte: „Pflegeeltern gesucht!“ Iris und Detlev beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Nach einem langen Prozess der Entscheidungsfindung. Nach vielen Gesprächen mit den Diakonie-Beraterinnen Doris Heinze und Andrea Schilly, nach noch mehr Treffen mit anderen Pflegeeltern, Informationsabenden, Seminaren und langem Warten auf das richtige Kind – kam Emine.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, Pflegekindern einen Platz in der Familie zu geben, kann sich bei den Diakonie-Beraterinnen informieren: Tel. 02361/608633.

- Die Westfälische Pflegefamilie (WPF) nimmt Kinder und Jugendliche auf, die in ihrem neuen familiären Umfeld besondere Aufmerksamkeit benötigen, weil sie besonders entwicklungsbeeinträchtigt und/oder behindert sind, in ihrem bisherigen Leben Schlimmes erlebt haben, neben der liebevollen Betreuung auch fachliche pädagogische, pflegerische und oft zusätzlich therapeutische Begleitung brauchen.

- Der Bereich WPF wird etwa bei der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen von Fachberaterinnen betreut. Auch nachdem ein Kind vermittelt worden ist, begleiten die Fachberaterinnen die Familien weiter. Außerdem gibt es bei der Diakonie einen Arbeitskreis, in dem Eltern Erfahrungen austauschen, Kontakte knüpfen und sich gegenseitig unterstützen können.

- Das Diakonische Werk im Kirchenkreis bietet Info-Veranstaltungen zur WPF an. Die Termine: 23. Januar: Paul-Gerhard-Haus (an der Erlöserkirche), Haltern; 30. Januar: Ev. Familienbildungsstätte Marl, Bachstraße 22-24; 31. Januar: Kath. Familienbildungsstätte Recklinghausen, Kemnastr. 23a. Beginn jeweils um 19.30 Uhr. Anmeldung: nicht erforderlich.

- Weitere Träger der WPF sind: Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen Büro Recklinghausen, Tel. 02361/4075229; LWL-Jugendhilfezentrum Marl, Tel. 02365/924880; Ev. Jugendhilfe Friedenshort, Dorsten, Tel. 02362/94570.

„Man sollte wissen, dass es anstrengend werden kann“, sagt Detlev heute. Es ist anstrengend – und eine echte Bereicherung. Seine Pflegetochter ist ein Temperamentsbündel, steht gern im Mittelpunkt. „Sie redet den ganzen Tag, fast ununterbrochen“, erzählt der Pflegevater schmunzelnd. Auch wenn sie immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird, ruhig zu sein, sucht sie die Aufmerksamkeit der ganzen Familie. Sie ist manchmal fast schon gefährlich vertrauensselig. „Wir müssen sie immer im Auge behalten“, betont der Papa. Dass er diese Verantwortung ernst nimmt, darauf kann sich Emine immer verlassen.

Als jüngeres von zwei Geschwistern musste Emine in ihrer leiblichen Familie von klein auf ein unstetes Leben führen. Immer wieder wechselten die Lebenspartner der Mutter, an keinem Ort schlug die Familie Wurzeln. Zuletzt lebten Emine und ihre Schwester im Heim. Dort lernten Iris und Detlev das Kind kennen. „Seitdem hat sie sich enorm verändert“, sagt ihre Pflegemutter heute. „Es hat sich eine große Vertrautheit entwickelt.“ Am Anfang hatte Emine viel Angst, erzählen die Eltern. Heute bleibt sie auch allein in ihrem Zimmer und spielt. Sie versucht sich anzupassen. „Wir sind alle Vegetarier, aber wir haben in der ersten Zeit Salami gekauft, weil sie die im Heim immer so gern gegessen hat“, berichtet der Pflegevater. Aber die Tochter wollte darauf lieber verzichten, so wie Mama und Papa und die beiden großen Schwestern.

„Schon bei den ersten Treffen hat die Kleine auch körperliche Nähe zugelassen“, erinnert sich Iris. „Aber wenn sie auf meinem Schoß saß, war sie wie ein Stock.“ Heute gehören zum Abschluss der Gute-Nacht-Geschichte das Kuscheln und ein Kuss dazu. An manchen Tagen sind die Pflegeeltern voller Euphorie, wenn sie ihre Emine so betrachten. „Aber es gibt auch Tage, da ist es einfach Arbeit“, gesteht Iris. Weil Emine immer noch beinahe jede Nacht ins Bett macht, zum Beispiel. Weil sie immer wieder vergisst, was man ihr doch schon so oft erklärt hat. „Sie hat ein enormes Konzentrationsdefizit“, sagt der Papa. Es sind einige Hypotheken, die Emine mit in die Familie bringt. Das Kind hat Wahrnehmungsstörungen, ist in seiner Entwicklung deutlich verzögert. Was den Alltag in der Schule für sie und für die Eltern nicht einfach macht. Die meisten Mitschüler können wenig mit Emine anfangen, weil ihr Verhalten eher dem eines kleinen Kindes entspricht. Das Lernen fällt ihr schwer, da hilft es nicht, dass der Papa sie mit Engelsgeduld bei den Schulaufgaben unterstützt. Man kann absehen, dass sie die Versetzung nicht schafft. Jetzt wird geprüft, ob die Neunjährige in einer Förderschule besser aufgehoben wäre. „Dort wird sie sich vielleicht wohler fühlen“, hofft Mama Iris. „Und wir müssen das akzeptieren.“ Doch auch wenn nicht immer eitel Sonnenschein herrscht. Gab es einen Tag, an dem Iris und Detlev ihre Entscheidung bereut haben? „Die Frage kann ich mit einem klaren Nein beantworten“. Detlev stahlt, als er das sagt. Man glaubt es ihm.

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