Wieder neu entfacht

Die Angst ist da - Was tun gegen den Antisemitismus?

QUEDLINBURG - Sie häufen sich dieser Tage: Die Schlagzeilen über judenfeindliche Angriffe und Vorfälle in Deutschland und Europa. Die Entwicklung beschäftigt in den kommenden Tagen auch die Innenministerkonferenz. Doch reichen Signale und Appelle aus?

Plötzlich soll er auf Glückwunschbriefe zum Geburtstag keinen Absender mehr schreiben. Immer mehr Gemeindemitglieder träten derzeit mit diesem Wunsch an ihn heran, erzählt der Vorsitzende des Landesverbands Jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Max Privorozki. Die Bittenden wollen nicht, dass die Postboten wissen, dass sie einem Juden einen Brief zustellen.

Zum Gedenken, etwa in Erinnerung an die Pogromnacht der Nationalsozialisten am 9. November, kamen in Halle zuletzt deutlich weniger Mitglieder. Weil sie sich nicht sicher fühlten, bekam Privorozki zu hören. "In beiden Beispielen sehe ich eine übertriebene Reaktion. Sie ist aber da und ich betrachte sie als sehr bedrückend."

Auch sein Amtskollege aus Thüringen, Reinhard Schramm, berichtet von neu entfachter Angst. Nicht bei allen Juden. Aber bei vielen. Das Gefühl erwachse aus den Berichten über Vorfälle aus Paris, Berlin, Toulouse oder Brüssel, sagt Schramm. Über Morde, brennende Israel-Fahnen oder körperliche Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen. Das verunsichert auch in den vermeintlich sichereren Orten fern der europäischen Metropolen. Schmierereien, Grabschändungen und Drohbriefe gebe es etwa in Thüringen immer wieder, zählt Schramm auf. Nicht spürbar mehr, aber eben auch nicht weniger.

Die offene und latente Judenfeindlichkeit beschäftigt nicht nur die Gläubigen. Auch die Innenminister von Bund und Ländern sollen in den nächsten Tagen im sachsen-anhaltischen Quedlinburg ein Zeichen setzen. Zumindest ist das der Plan des amtierenden Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Holger Stahlknecht, der bis Freitag seine Amtskollegen empfängt. "Wir haben leider eine Zunahme von Antisemitismus", sagt er.

Dabei gehe es nicht nur um Straftaten, sondern auch um Alltags-Antisemitismus. Von Menschen, die schon lange hier sind. Und von jenen, die als Flüchtlinge eingewandert seien, betont er. "Man muss den Anfängen wehren, weil es immer so ist, dass den Menschen zunächst die Würde genommen wird - und irgendwann sind die würdelos Gewordenen Freiwild." Er wolle, dass die 16 Landesminister und der Bundesminister sich klar gegen diese Entwicklung positionierten.

Auch Verfassungsschützer, Forscher und Politiker melden sich zu Wort. Der Antisemitismus reiche bis in die Mitte der Gesellschaft, konstatieren sie. Oder sprechen von einer neuen Offenheit und Brutalität, mit der er sich Bahn bricht. Rund 1500 antisemitische Taten wurden 2017 nach Angaben des Bundesinnenministeriums erfasst, 37 Mal waren sie gewalttätig - Statistiken, die nur einen Teil des Problems abdecken, wie Kritiker monieren. Der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, will Übergriffe zentral und flächendeckend erfassen lassen.

Das geplante Statement der Innenministerkonferenz sei zu wenig, kritisiert Privorozki von der Jüdischen Gemeinde in Halle. "Ich erwarte keine Signale mehr, sondern Handlungen, sowohl präventive als auch Sanktionen." Sein Amtskollege aus Thüringen, Reinhard Schramm, sagt, er sei dankbar für jeden Solidaritäts-Aufruf. Allein: Das reiche nicht. "Wir brauchen humanistische Bildung und Geschichtsbildung, da muss sehr viel gemacht werden."

Ein Appell, den derzeit viele Akteure äußern. Aus Schramms Sicht muss der Schwerpunkt in den Schulen liegen: Dort lernten auch die Flüchtlinge aus all den Ländern, in denen Antisemitismus Teil der Erziehung sei. Dieser Prägung müsse man entgegentreten. Jetzt.

Er selbst sei seit Jahren unterwegs, um gegen Judenhass zu kämpfen. Dazu habe ihn ein Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge gebracht. Am Jahrestag des Geburtstags von Adolf Hitler, am 20. April 2000, warfen drei junge Rechtsextreme Molotow-Cocktails auf das Gotteshaus. Die Brandbomben zündeten nicht, sorgten dennoch für Entsetzen. Danach habe er erst die Gerichtsverhandlung und später einen der Verurteilten im Gefängnis besucht, erzählt Schramm.

Daraus wurde ein Projekt: Um die 1000 Häftlinge habe er inzwischen gesprochen, ihnen mit konkreten Schicksalen von der Verfolgung und vom Massenmord an den Juden im Nationalsozialismus erzählt. Seit einiger Zeit tue er das auch in Flüchtlingsunterkünften. Die persönlichen Schicksale berührten, sagt der 74-Jährige. Er fühle sich ernst genommen, könne selbst aber nur einen kleinen Beitrag leisten.

Obwohl er sich nicht für einen ängstlichen Menschen halte, bereiteten auch ihm die aktuellen Entwicklungen Sorge, sagt Schramm. Der Antisemitismus, die Islamfeindlichkeit, das Erstarken von Nationalisten in Europa. "Wer heute gegen Muslime ist, ist morgen gegen Juden - und umgekehrt. Da habe ich gar keine Zweifel."

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