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Hans Overkämping

Hospizbewegung 1. Teil

„Würdevoll sterben“

Pfarrer Hans Overkämping gründete 1986 in Recklinghausen eines der beiden ersten stationären Hospize in Deutschland. Seine damals neue Initiative entstand aus der Unzufriedenheit damit, wie Menschen starben.

Es ist fast vierzig Jahre her, doch Hans Overkämping erinnert sich noch genau: „Das war 1982, ich hatte gerade als Seelsorger im Elisabeth-Krankenhaus in Recklinghausen-Süd angefangen. Den ersten Sterbenden, den ich dort begleitet habe, hat man zum Sterben ins Badezimmer geschoben.“ Abgeschoben, allein, unter Schmerzen – ein solches Sterben wollte Hans Overkämping nicht akzeptieren. Und so entstand bei dem katholischen Pfarrer die Idee eines stationären Hospizes. 

Starke Verbündete fand Overkämping in Schwester Reginalda, Pflegedienstleiterin im Elisabeth-Krankenhaus, und dem dortigen Geschäftsführer Norbert Homann. „Es ging um ,anders sterben‘ – in Begleitung, ohne Schmerzen, würdevoll und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen, wie sie sterben wollen“, erläutert Hans Overkämping den Hospiz-Grundgedanken. 

Die Initiative war da, aber wie sollte das Vorhaben umgesetzt werden – ohne Gebäude und Finanzierung? Hans Overkämping lächelt: „Der liebe Gott tut nichts als fügen“, zitiert er einen seiner Lieblingssätze. „So auch damals: Wir suchten ein Gebäude – und ein Arzt stellte uns sein Haus in der Röntgenstraße zur Verfügung. Das ging ratzfatz, plötzlich hatten wir acht Zimmer mit Küche und Aufenthaltsraum. Weitere Unterstützung erhielten wir von der Verwaltung des benachbarten Elisabeth-Krankenhauses.“

Dennoch: Mitte der Achtzigerjahre gab es in Deutschland noch kein stationäres Hospiz, die ungewohnte Neuerung stieß bei vielen auf Unverständnis oder Ablehnung. So war der Weg zur Realisierung steinig. „Wir hatten mächtig Probleme mit Staat und Kirche“, erinnert sich Overkämping. „So hieß es von Seiten der Kirche: ,Wir wollen keine Sterbehäuser, man kann in Krankenhäusern christlich sterben.‘ Zuschüsse für die Hospiz-Arbeit bekamen wir nicht, die Finanzierung lief viele Jahre lang komplett über Spenden und Aktionen wie Basare und Vorträge.“ Auf dieser Grundlage wurde 1986 das Hospiz zum Heiligen Franziskus gegründet – fast zeitgleich mit einem Haus in Aachen als eines der beiden ersten stationären Hospize in Deutschland. 

Hans Overkämping wurde zum Pionier der Hospizbewegung, war danach auch Gründungsmitglied des Hospiz- und Palliativverbandes NRW sowie des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes. Schließlich erhielt der heute 79-Jährige im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement im Hospiz-Bereich. Vieles hat sich seit der Gründung des Recklinghäuser Hospizes 1986 geändert. Das Hospiz ist 2014 umgezogen, in einen Neubau 500 Meter weiter zur Feldstraße. Hier ist im Erdgeschoss Platz für insgesamt elf Gäste und ihre Angehörigen. „Auch die finanzielle Situation ist jetzt anders: Nach etwa zehn Jahren wurden wir von Kirche und Staat anerkannt: Seitdem gibt es einen Tagessatz für stationäre Hospize, über den etwa 90 Prozent der Kosten abgedeckt sind“, berichtet Overkämping.

 Das übrige Geld wird über Spenden gesammelt, was der Dattelner Pfarrer sehr begrüßt: „Die Hospizbewegung ist eine Bürgerstiftung mit notwendigem Ehrenamt. Sie ist nicht Institution, sondern Haltung – verbunden mit Respekt und Würde. Für ihre Eigenständigkeit ist es gut, einen Teil der Kosten selbst zu tragen.“ Und auch das seit 2015 geltende Palliativgesetz ist für Overkämping ein wichtiger Schritt: „Danach hat jeder Mensch ein Anrecht auf palliative Versorgung.

 Das umfasst die medizinische, pflegerische, soziale und spirituelle Versorgung. Hier sind Mediziner, Sozial- , Pflege und Hospizdienste aktiv.“ Wieder lächelt Overkämping mit Blick auf die Hospiz-Anfangszeit: „Damals war die Begleitung in erster Linie die Sitzwache am Bett des Sterbenden, inzwischen ist ein interdisziplinäres Team dabei, das sich um ein möglichst umfassendes Wohlfühlen kümmert.“ Dabei sieht der 79-Jährige die Region heute gut mit stationären und ambulanten Diensten versorgt. Doch bei aller Entwicklung betont Overkämping auch, dass Prinzipien des Recklinghäuser Hospizes geblieben sind: „Wir verlängern hier das Leid nicht, verkürzen aber auch kein Leben, leisten also keine aktive Sterbehilfe. Wir erkennen die Würde des Menschen an, auf der Grundlage christlicher Werte, aber für alle Menschen und Religionen offen.“ Zudem gelte der Grundsatz ,ambulant vor stationär‘: „Wenn möglich, sollen die Menschen an ihrem Lebensort bis zum Sterben unterstützt werden.“ Für Hans Overkämping ist es durch die Hospizbewegung gelungen, das Thema Sterben ein Stück in die Gesellschaft hineinzutragen. „Tod und Sterben werden nicht mehr so sehr tabuisiert – man spricht mehr darüber und es gibt auch einen anderen Umgang damit. Das sieht man zum Beispiel an der veränderten Trauerkultur – von Trauerreden bis zu Verabschiedungsräumen.“ Vor allem aber hat sich für Overkämping die Art des Sterbens verändert: „Heute stirbt niemand mehr abgeschoben im Krankenhaus-Badezimmer.“

Hans Overkämping

Im Jahr 1940 in Rhede geboren u Ausbildung zum Weber und Spinner u Nach dem nachgeholten Abitur Theologiestudium u 1986: Gründung des stationären Hospizes zum Heiligen Franziskus in Recklinghausen u Verschiedene Stationen als Pfarrer, seit 1988 Pfarrer in Datteln, inzwischen im Ruhestand u Gründung und Vorstandstätigkeit sowohl im Hospiz- und Palliativverband NRW, als auch im Deutscher Hospiz- und Palliativverband u 2018: Bundesverdienstkreuz am Bande u Aktivitäten: Trotz Emeritierung ist Pfarrer Hans Overkämping immer noch im Gemeindedienst sehr aktiv. Zu seinen Aufgaben gehören Gottesdienste, Predigten, Taufen und viele Beerdigungen. Ansonsten ist er häufig auf dem Rad unterwegs, spielt Karten und fährt in Urlaub. Zudem arbeitet er gerne im Garten, den er dann genießen kann.

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