Wer zahlt für Geburtsfehler?

Eltern kämpfen für ihren behinderten Sohn

Dortmund - David ist schwerstbehindert. Bei seiner Geburt verlief nichts wie geplant. Deshalb kämpfen seine Eltern bis heute um die Übernahme von Betreuungsgeldern gegen den Versicherer des Klinikums Dortmund - obwohl die Verantwortung längst geklärt ist.

Anke und Karsten Betz müssen wieder und wieder vors Landgericht ziehen. Zuletzt, um Betreuungs- und Fahrtkosten erstattet zu bekommen. Dabei ist längst geklärt, dass es bei der Geburt von Sohn David am 19. Juni 1996 im Klinikum - damals noch Städtische Kliniken - zu gravierenden ärztlichen Fehlern kam. David ist deshalb schwerst mehrfach behindert auf die Welt gekommen.

Der junge, schlanke, dunkelhaarige Mann wirkt wie ein unbeholfenes, großes Kind, wie er da sitzt und mit seinem Kuscheltier spielt. Es ist eine Plüschratte. David dreht und dreht immer wieder an ihrem Schwanz. David kam mit einem Wasserkopf (medizinisch Hydrocephalus) zur Welt. Bis jetzt musste der Sohn von Familie Betz über ein Dutzend Operationen überstehen. Seit seinem fünften Lebensmonat trägt David einen Silikonschlauch (medizinisch: Shunt) im Körper. Dieser Shunt führt die überschüssige Gehirnflüssigkeit in den Bauchraum ab, um den Hirndruck zu senken. Nach einer Hirnblutung wurde dem Jungen damals ein Ventil in den Kopf gelegt.

Epilepsie und Osteoporose

David ist Epileptiker, leidet unter Niereninsuffizienz, ist inkontinent, er erlitt mehrere Ermüdungsbrüche aufgrund von Osteoporose, er schielt, hat einen Sichelfuß, ist geistig stark beeinträchtigt, kann nur wenige Worte sprechen und ist stark verhaltensauffällig.

"David hat mich zu einem besseren Menschen gemacht", sagt sein Vater. "Zu einem wesentlich liebevolleren Menschen und fürsorglichen Vater." Anfangs, ja da habe er sich sogar geschämt für sein behindertes Kind, gibt Betz zu, aber daraus sei längst Stolz auf den Jungen geworden. Durch das Schicksal ihres Kindes begriffen die Eltern, was wirklich zählt im Leben. Sie nehmen jeden Kampf um die Rechte ihres Sohnes auf. Es geht dabei auch um das gesetzlich verbriefte Recht auf Gleichstellung mit Nichtbehinderten. David selbst wird niemals dafür streiten können.

Streit mit Rückversicherer der Stadttochter Klinikum

Familie Betz streitet sich mit dem Rückversicherer der Stadttochter Klinikum. Das ist der Kommunale Schadensausgleich, ein Zusammenschluss von Gemeinden und Gemeindeverbänden zum Ausgleich von Schäden aufgrund der gesetzlichen Haftpflicht. Rückversicherer äußern sich nicht zu laufenden Verfahren.

Rückblende: Der Redaktion liegen Unterlagen vor über den Ablauf der Geburt vor 21 Jahren. Die von der Familie beauftragte Dortmunder Anwaltskanzlei Schlüter, Graf & Partner reklamierte, dass die Dokumentation des Klinikums lückenhaft war.

Es war die zweite Schwangerschaft für Davids Mutter, und sie war nicht ohne Risiko. David hat eine elf Jahre ältere Schwester. Anke Betz ist Asthmatikerin und war bei der Geburt ihres Sohnes schon 37 Jahre alt. Bereits ihre Tochter kam nach einer Risikoschwangerschaft zur Welt.

Mutter Anke hatte großes Vertrauen in die damaligen Städtischen Kliniken, zu denen eines der größten Zentren für Frühgeborene und Risikoschwangere in Deutschland gehört. Schon der Aufnahmebefund wies wesentliche Abweichungen vom Normalverlauf auf. Der damalige Oberarzt leitete daraufhin die Wehen mit einem Gel ein. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Mutter und Kind hätten ab diesem Zeitpunkt zumindest engmaschig überwacht werden müssen, was nicht der Fall war.

Nach Wehemittel verschlechtert sich der Zustand

In der Nacht, gut drei Stunden nach dem Wehenmittel, verschlechterte sich der Zustand des ungeborenen Kindes dramatisch. Die Hebamme wurde mehrfach von den Eltern gebeten, einen Arzt hinzuziehen. Aber die ärztlichen Mitarbeiter waren gebunden bei einem Notkaiserschnitt gleich nebenan.

Als endlich ein weiterer ärztlicher Befund erhoben wurde und es auch der werdenden Mutter seit zwei Stunden immer schlechter ging, waren die Herztöne des Kindes stark abgefallen und der Wehenschreiber wies ex-treme Auffälligkeiten auf. Auch da ordneten die Ärzte noch immer keinen Notkaiserschnitt an. Erst eine erneute Stunde später, es war kurz vor 4 Uhr morgens, nahmen die Ärzte eine Blutuntersuchung vor. Das Blut gewannen sie aus der Kopfhaut des Ungeborenen. Erneut verstrich eine Stunde, es erfolgte eine zweite Blutuntersuchung mit noch dramatischeren Werten und erst dann entschlossen sich die Ärzte zum Notkaiserschnitt.

David kam mehr tot als lebendig zur Welt. Es gab keine Herzreaktion und keine Spontanatmung. Das Kind musste reanimiert werden. Der Junge blutete sehr stark aus Wunden am Kopf, an Punktionsstellen und aus der Nase. Dann traten eine Hirnmassenblutung und ein Multiorganversagen ein. Der Junge befand sich mehrere Wochen zwischen Leben und Tod.

2004, acht Jahre nach Davids Geburt, einigten sich Klinikum und Eltern außergerichtlich. Bis 2013 liefen die Zahlungen des Rückversicherers des Klinikums komplikationslos. Aufgrund des deutlich steigenden Betreuungsaufwands erhielten die Eltern zunächst 1800 Euro, zuletzt gut 3800 Euro monatlich - samt der Sachkosten. Das Geld stand David zu für seine lückenlose Betreuung, vor allem tagsüber. Beide Eltern sind berufstätig, im Öffentlichen Dienst.

Betreuung kostet 8000 Euro im Monat

Als David am 11. Januar 2013 mit damals 16 Jahren in eine Wohngruppe kam - die Betreuung dort kostet fast 8000 Euro im Monat und wird von der Versicherung gezahlt -, wurden alle Zahlungen an die Eltern selbst eingestellt. Wochenenden und Urlaube aber wollen Anke und Karsten Betz mit ihrem Jungen verbringen, weshalb sie bei der Justiziarin des Klinikums weitere Betreuungsaufwendungen auch für sich reklamierten.

2014 kam es zu einem ersten Gespräch, es ging um etwa 800 bis 850 Euro monatlich. Vater Karsten sagt, seit 2011 liege ein Gutachten im Einvernehmen mit dem Klinikum vor, erstellt durch die Leiterin des Sozialpädagogischen Zentrums in Unna-Königsborn. Die Neurologin dort kenne David sehr gut, sie habe den Betreuungsbedarf für ihn errechnet. David kann rund um die Uhr nicht allein gelassen werden.

Über ein Jahr verging, dann bekam Karsten Betz einen Anruf aus der Geschäftsführung des Klinikums. "Man hat mir bedeutet, dass David aus Sicht der Klinik keinen Anspruch auf Betreuung zu Hause habe, da er ja jetzt in einem Wohnheim lebe. Wir könnten unser Kind ja da besuchen." Betz war sprachlos, früher hatte es immer eine einvernehmliche Lösung mit dem Krankenhaus gegeben.

Neunmal im Krankenhaus

Erschwerend hinzu kam in dieser Zeit, dass David zwischen 2010 und 2013 neunmal ins Krankenhaus musste für sieben Operationen und zur Behandlung zweier Lungenentzündungen. Dabei lag er auch in der Kinderchirurgie des Klinikums, weil das Ventil im Kopf nicht mehr richtig funktionierte.

Der Rechtsanwalt der Familie leitete ein Verfahren gegen das Klinikum ein, um eventuellen Verjährungsfristen bei den Ansprüchen seiner Mandanten zu entgehen. Damals sei gerichtlich festgestellt worden, dass die Kliniken grundsätzlich für alle Folgeschäden aus der fehlerhaften Geburt aufkommen müssten, so Betz.

Bis 2016 stritten sich die Parteien nur um die Höhe. Es ging um die Fragen, ob der Junge wirklich jede Woche seine Eltern sehen müsse, wie viele Stunden Betreuung dann wöchentlich anfallen würden und wie teuer diese Kosten bei Urlaubsreisen sein dürften. Man einigte sich auf monatlich rund 250 Euro und auf 1900 Euro für Urlaube im Jahr. Alles rückwirkend ab 2013.

Rudolf Mintrop, Vorsitzender der Geschäftsführung des Klinikums, sagt auf Anfrage dieser Redaktion: "Wir entziehen uns nicht der Verantwortung", er erwähnt aber gleichzeitig, dieser Fall sei keiner für eine Veröffentlichung in einer Zeitung. Das Klinikum sei dazu "vergattert", mit dem Rückversicherer Rücksprache zu nehmen: "Ich darf nur das mittragen, was der Rückversicherer mitträgt."

Eltern wollen den Streit beilegen

Doch der Fall geht weiter. David wird bei Klinikeinweisungen nur dann stationär aufgenommen, wenn er rund um die Uhr betreut wird. Seine Eltern haben dies oft genug geleistet. Freilich ist ihnen beruflich bedingt eine 24-Stunden-Betreuung im Krankenhaus nicht immer möglich.

"Wir wollten den Streit beilegen. Unsere Energie muss unserem Kind gelten", sagt Karsten Betz, aber seit 2017 ist ein neues Verfahren anhängig, in dem es um die Höhe von Aufwendungen und um Fahrtkosten geht.

10 Euro pro Stunde sollen ausreichen, um eine studentische Hilfskraft oder eine Krankenschwester an die Seite von David zu setzen, wenn dessen Eltern nicht bei ihm sein können. Gezahlt für höchstens zehn Stunden, nicht für 24. "In der Uniklinik Köln bekommt die Betreuung 15 Euro", zieht Betz den Vergleich. Und das Klinikum Dortmund selbst bescheinigte der Familie, dass David bei jedem Krankenhausaufenthalt rund um die Uhr begleitet werden muss.

Vater (54) und Mutter (58) Betz wollen keinesfalls als Geldschneider dastehen. Es geht ihnen beim Kampf um Zahlungen nur um die Begleichung der materiellen und immateriellen Schäden, die aufgrund der fehlerhaften Behandlung bei der Geburt entstanden sind. Diesen Kampf gegen den Versicherer finden sie entwürdigend und kräftezehrend.

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